Zukunft der Medien Eine Welt ohne Presse

Zeitschriften sterben, US-Zeitungshäuser beerdigen Regionalblätter - und die Zielgruppe lässt das völlig kalt. Viele Leser halten das Modell Presse für überholt. Aber wie würde eine Welt ohne Journalismus klassischer Prägung aussehen? Ein Szenario.

An dem Tag, als der Verlag Condé Nast sein deutsches Prestige-Magazin "Vanity Fair" einstellte, waren die Aktien der "New York Times" auf einem neuen Tiefstand. Ein Anteilsschein der renommiertesten Tageszeitung der Welt kostete am Mittwoch 13 Cents weniger als die Sonntagsausgabe des Blatts, die für vier US-Dollar verkauft wird. Die Anzeigeneinnahmen brechen weg, die Presse ist in einer Krise, die in den USA existenzbedrohende Ausmaße angenommen hat.

Der Tenor vieler Leserbriefe und -kommentare zu diesen Meldungen: Na und?

Wie schlecht das Ansehen der Presse ist, illustriert dieser Satz aus einer Leser-E-Mail zum Artikel " Zeitung als Shareware?": "Jetzt kommt die Quittung. Alles Alte verschwindet. Tageszeitungen gehören dazu wie fossile Autos. Einfach weg."

Bemerkenswert bei diesen Kommentaren ist, dass die Ablehnung sich nicht gegen spezielle Produkte oder Vertriebsformen richtet. Die leidige Print-Online-Debatte ist für die Leser gar nicht relevant - sie halten die traditionellen Medien insgesamt für überholt. Abfällig äußern sich Leser über "Mammutverlage", Produkte, die "halt für die Massen produziert" werden und Medienmacher, die sie für "abgehoben und arrogant" halten.

Einmal angenommen, es käme so. Einmal angenommen, die Massenpresse würde einfach verschwinden - wie könnte der Alltag in so einer Gesellschaft aussehen? Drei Gedanken zur Welt ohne Massenpresse.

Nur Massenpresse schafft Öffentlichkeitsdruck

Fangen wir ganz klein an, in Essen Kray-Leithe zum Beispiel: Da regen sich die Anwohner einer Busendhaltestelle seit Jahren darüber auf, dass die Busse dort mit laufendem Motor vor Wohnhäusern parken, während die Fahrer Pause machen. 1993 empfahl der Petitionsausschuss des Landtags, die Haltestelle zu verlegen. Die Bezirksvertretung der Stadt hat das seitdem immer wieder mit wechselnden Argumenten abgelehnt.

Wie mache ich der Stadtverwaltung Druck?

Es gibt sicher zigtausend solcher Fälle in deutschen Gemeinden: Eine Straße, ein Haus, vielleicht auch nur eine Familie ist unmittelbar betroffen, das Druckpotential daher recht klein im Vergleich zu Fällen, die weit mehr Menschen unmittelbar angehen (Autobahnbau, Umgehungsstraße usw.).

Also machen die Krayer, was Betroffene in solchen Fällen fast immer machen: Sie schreiben der Lokalzeitung und die macht eine Aufregergeschichte daraus. Der Mechanismus ist so alt wie die Massenmedien: Ein Aufreger erzählt exemplarisch die Geschichte der ignoranten Bürokraten, die auf die Meinung von ein paar Bürgern wenig geben. Das ärgert dann alle Leser und schafft eine mittelbare Betroffenheit.

Diese Methode funktioniert oft recht gut. Selbst wenn die Leser gar nicht aktiv werden, glauben die kritisierten Behörden, Unternehmen oder Institutionen, es nun mit einer kritischen Masse aufgeregter Bürger zu tun zu haben, auch wenn sie das nur mediatisiert als einen Artikel in einem Online-Medium, einer Zeitung oder einem Magazin wahrnehmen. Der oft bemühte Druck der Öffentlichkeit ist letztlich vermittelt - direkten Kontakt haben die betroffenen Instutionen oder Unternehmen nur mit Medienvertretern.

Die Methode Leserbrief

Man muss als Betroffener also gar nicht viele Menschen dazu bringen, aktiv etwas zu tun - die Wahrnehmung, dass da draußen nun eine kritische Masse ist, reicht oft als Druckmittel. Bei der Endhaltestelle in Kray-Leithe zum Beispiel sagten dann auch gleich die von der Regionalzeitung  angefragten Lokalpolitiker, es "dürfe nicht am Geld scheitern", die "Linie zu verlegen".

Im Web hört man nur die aktiv Protestierenden

Was könnte den Mechanismus Öffentlichkeitsdruck ersetzen, wenn die Massenpresse als Vermittler fehlt? Es gibt einige interessante Ansätze, Bürger übers Netz auch für kleine, lokale Belange zu aktivieren. In Großbritannien zum Beispiel versucht eine Stiftung, über das Portal "MySociety" Bürgern eine Handhabe bei kleinen, lokalen Problemen zu geben. Unter Fixmystreet.com  können Betroffene Ärgernisse wie Schlaglöcher oder defekte Laternen melden, Kontaktmöglichkeiten für die verantwortlichen Behörden einstellen und dokumentieren, wer sich schon beschwert hat.

Solche Projekte setzen drei Dinge voraus, damit die verantwortlichen Behörden eine kritische Masse wahrnehmen: Die Bürger müssen die Seite kennen, auf der sie ihren Protest kundtun. Sie müssen dazu idealerweise alle dasselbe Forum verwenden. Und sie müssen aktiv ihre Meinung äußern.

Bleibt nur das Problem, dass Nutzer ein Angebot wie Fixmystreet  nur aufrufen, wenn sie selbst ein akutes Anliegen haben und dann auch nur in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft nach Mitstreitern und anderen Ärgernissen suchen. Die Öffentlichkeit ist hier per Definition zersplittert. Das hier jemand aus einem anderen Stadtteil das Busproblem in Kray-Leithe bemerkt und sich über die Bürokratie ärgert, ist wenig wahrscheinlich.

Bei einem Artikel in der - lokalen - Massenpresse genügt die Veröffentlichung an sich, um bei Politikern und Verwaltungsangestellten den Eindruck einer informierten, kritischen Öffentlichkeit herzustellen. Das kann sich natürlich ändern, wenn einmal ein Online-Forum für organisierten Protest groß und bekannt genug ist, um auch der Lokalpolitik ein Begriff zu sein. Vielleicht genügt dann eine Veröffentlichung dort, um Politiker nervös werden zu lassen.

Fazit: Wenn Mittler wie MySociety  so etwas wie Massenmedien werden, könnten sie eine ähnliche Kontrollfunktion erfüllen wie die Massenpresse heute. Nur würde gerade das ihrem extrem lokalen und individualisierten Prinzip widersprechen.

Medienmacher definieren, welche Fakten relevant sind

Der Streit um die von Facebook geänderten Nutzungsbedingungen zeigt, wie im Netz eine relevante Information öffentlich wird. Die Änderung der AGB kündigte Facebook-Anwältin Suzie White  schon am 4. Februar im Firmenblog an. Dass aber bei diesem Prozess ein entscheidender Absatz aus dem Rechtstext verschwand und Facebook sich so die Rechte an den Daten seiner Mitglieder für alle Ewigkeit sicherte, bemerkte erstmal niemand. Das änderte sich am 15. Februar, als US-Verbraucherschützer in ihrem Blog Consumerist  darüber berichteten - Titel: "Wir können mit euren Daten machen, was wir wollen. Für immer."

Wir brauchen einen Grundkonsens, was relevant ist

Dieser Blogeintrag landete auf der Titelseite der Community-News-Plattform Digg, ein Blog des "Wall Street Journal" griff ihn auf und am Montag stand die Geschichte in allen relevanten Online-Medien und die ersten Mitglieder der Protestgruppe auf Facebook schrieben ihre wütenden Kommentare.

Der Fall zeigt: Eine frei verfügbare Information wird nicht zwangsläufig zu einer Nachricht. Sie kann auch tagelang im Netz stehen, bis jemand den Nachrichtenwert erkennt, formuliert, die Relevanz des Ganzen einschätzt - wie der Consumerist im Fall von Facebook. Dasselbe Prinzip kann man auch im Lokalen, bei Auslandsthemen und in allen Ressorts beobachten. Hier kommt eine Schwierigkeit hinzu: Es gibt nicht auf jedem Gebiet und in jeder Region der Welt Organisationen mit eigenen Blogs wie den Consumerist.

Blogs funktionieren nach dem Schema Massenpresse

Dass die Nachricht vom Consumerist von dort aus dann so schnell die Runde gemacht hat, hängt sicher damit zusammen, dass viele Blogger, Journalisten und bloggende Journalisten den Consumerist lesen. Das Blog hat im Durchschnitt eine halbe Million Besucher täglich, dazu kommen mit Sicherheit eine Menge nicht ausgewiesene Leser, die das Blog per RSS-Feed verfolgen, aber nie die Seite aufrufen.

Das bedeutet: Consumerist hat mehr Leser als manche überregionale deutsche Tageszeitung Abonnenten und funktioniert somit online nicht anders als ein Massenmedium. Dass ein Unterschied zwischen manchen Blogs und Online-Massenmedien kaum trennscharf zu definieren ist, debattieren derzeit viele Autoren  im Web .

Fast alle Durchlauferhitzer und Multiplikatoren der vom Consumerist bearbeiteten Facebook-Nachricht funktionieren nach dem Schema Massenpresse: Egal ob "Wall Street Journal" oder SPIEGEL ONLINE - hier veröffentlichen wenige Autoren für viele, anonyme, unbestimmte, sozial und geografisch verstreute Leser. Nur die Community-News-Plattform Digg funktioniert ein wenig anders, allerdings hat sie bei der Facebook-Meldung lediglich vorhandenes Material weiterverwendet und zudem bei der Verbreitung keine herausragende Rolle gespielt.

Fazit: Der Grundkonsens, was relevant ist, entsteht heute im Web im Prinzip nach dem alten Massenpresse-Prinzip. Es gibt keinen Mechanismus, der die Relevanz frei verfügbarer Informationen erkennt - das übernehmen Menschen. Und sie finden Gehör, wenn sie sich in einem Medium vor einem leidlich großen, unbestimmten Publikum äußern. Ohne Massenpresse hätte so schnell niemand die Brisanz der Facebook-AGB erkannt oder von der umstrittenen Entfernung einer israelischen Fahne bei einer Demonstration in Duisburg erfahren, über die zuerst das von Journalisten betriebene Blog Ruhrbarone  schrieb.

Veranstaltungen und Vereine sind nichts für die Presse

In den siebziger Jahren entstanden in vielen deutschen Großstädten Stadtmagazine, weil die Presse vor Ort einfach nicht über das berichtete, was viele Menschen unter 30 interessierte: die sogenannte Alternativkultur. Das meiste davon ist heute Mainstream, nur muss heute kaum jemand Stadtmagazine lesen, um zu wissen, welche Konzerte, Partys und Lesungen wann und wo stattfinden.

Seit Jahren schickt so gut wie jeder Club zielgruppengenau per E-Mail sein Programm an alle Interessierten. Musikcommunitys empfehlen Mitgliedern passend zum Musikgeschmack Konzerte, listen auf, was die eigenen Freunde interessiert und wer wohin geht. Bei solchen Informationen sind Soziale Netzwerke wie LastFM, Facebook und sogar StudiVZ den traditionellen Medien weit überlegen - man interessiert sich ja nur für einen kleinen Anteil all der Dinge, die in der eigenen Stadt passieren. Höchstwahrscheinlich für jenen kleinen Anteil, der auch die eigenen Kollegen begeistert. Den Wettbewerb auf diesem Terrain können auch die engagiertesten Lokalzeitungsredaktionen nicht gewinnen. Ihre Stärke ist nicht die Veröffentlichung kompletter Veranstaltungslisten oder gar die zielgenaue Empfehlungen für einzelne Leser, sondern eine überraschende Auswahl und ein streitbares Urteil.

Genauso ist es im Grunde genommen auch mit den Vereinsnachrichten, die viele Lokalzeitungen füllen. Ein zynischer Journalistenwitz erzählt, dass man einmal im Jahr nur mindestens ein Foto jedes Vereinmitglieds abdrucken müsse, um eine Lokalzeitung zu verkaufen - die Leser würden abonnieren, um das eigene Foto nicht zu verpassen. Solche Inhalte waren eigentlich immer schon user generated content - kein Wunder, dass Web-Plattformen wie Meinverein dieses Prinzip heute ohne Druck- und Personalkosten für Journalisten monetarisieren wollen.

Einen Schritt weiter gehen gedruckte Gratismedien wie die in einigen Gemeinden Nordrhein-Westfalens verbreiteten "Informer"-Magazine: Die Anzeigenblätter fordern Vereine, Geschäftsleute, Politiker, und Bürger auf, die Seite einfach selbst online mit Fotos und Texten zu füllen - " Open magazine, ein modernes Medium im klassischen Gewand " heißt das Konzept.

Fazit: Zur Verbreitung von Veranstaltungshinweisen, Vereinsnachrichten und Verlautbarungen gibt es bessere Kanäle als die traditionellen Medien. Was immer weniger Menschen unmittelbar und kaum jemanden mittelbar betrifft oder interessiert, ist in einem Medium für ein großes und heterogenes Publikum fehl am Platz.

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