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Transmediales Erzählen: Vom Papier auf den Schirm

Foto: Warner Bros.

Zukunft des Erzählens Freiheit für Harry Potter

Filme, Videospiele, Fan-Fiction und Twitter-Debatten: Die Zukunft des Erzählens ist interaktiv und multimedial, glaubt die Ex-Investmentbankerin Anita Ondine. Mit SPIEGEL ONLINE sprach die Medienkünstlerin über Geschichten-Imperien - und J. K. Rowlings vermeintliche Fehler.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Frankfurter Buchmesse gibt es eine Konferenz namens "Storydrive", die Grenzen zwischen Film, Buch und Spiel niederreißen soll. Sie selbst nennen sich selbst "Transmedia Storyteller", transmediale Geschichtenerzählerin. Was soll das bedeuten?

Ondine: Es geht um Erzählungen, die über diverse Plattformen hinweg und auch in der realen Welt ablaufen. Es geht um die Entwicklung des Geschichtenerzählens von einer einzelnen Seite oder einem einzelnen Bildschirm weg hin zu vielen Seiten, Bildschirmen, Orten und Zeitpunkten.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel?

Ondine: "The Dark Knight", der Batman-Film von Christopher Nolan, hatte viele transmediale Elemente, darunter sogenannte Alternate Reality Games. Die TV- Serien"Lost" und "Heroes" sind andere Beispiele. Es gab dort Online-Elemente, viel von der transmedialen Teilnahme an einem Stoff kann entweder von denen vorangetrieben werden, die die Inhalte zur Verfügung stellen, oder aber vom Publikum selbst, von Fans, die ihren Teil zur Story-Welt beitragen wollen. Es ist eine Erweiterung der Idee der Fan-Fiction, es bietet den Menschen zusätzliche Möglichkeiten, mit der Geschichte zu interagieren.

SPIEGEL ONLINE: Interagieren?

Ondine: Es gab vor einiger Zeit eine Werbekampagne für Ken und Barbie, in der es darum ging, dass die beiden sich voneinander entfremdet hatten. Beide hatten ihre eigenen Twitter-Accounts, und Ken bat die Leute dort um Ideen und Unterstützung, um Barbie zurückzugewinnen. Das war sehr erfolgreich, er bekam eine Menge Tipps.

SPIEGEL ONLINE: Die transmedialen Geschichten, über die Sie sprechen - werden die von Einzelpersonen wie J.K. Rowling entwickelt oder doch eher von großen Teams von Menschen, weil die Komplexität all dieser unterschiedlichen Plattformen einfach zu viel für einen Menschen ist?

Ondine: Die Ausführung werden jeweils mehrere Projektteams übernehmen müssen, die gemeinsam an diversen Teilen der Gesamterfahrung arbeiten. Es wird Leute geben, die für Spieleentwicklung zuständig sind, andere die Kostüme gestalten oder Filme machen. Aber es wird trotzdem immer noch Projekte mit einer einheitlichen Vision geben, bei denen eine einzelne Person oder ein kleines Team die Ursprungsdokumente definieren, die Bibel der Geschichtenwelt gewissermaßen. Der Gesamteindruck, der Tonfall, das Thema, das Aussehen, die ganze Medienarchitektur können immer noch von einer Einzelperson definiert werden. Wir werden aber immer mehr Teams sehen, die im Dienste einer größeren Vision zusammenarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Nicht jedem wird das gefallen. Fan-Fiction beispielsweise ist ja durchaus ein umstrittenes Gebiet - es gibt "Harry Potter"-Pornografie, Weiterentwicklungen der Geschichte, die dem Autor vielleicht missfallen werden. Müssen die Schöpfer nicht befürchten, die Kontrolle über ihre Schöpfung zu verlieren?

Ondine: Zur Idee der Teilnahme-Kultur gehört auch, dass wir bis zu einem gewissen Grad auf Kontrolle verzichten müssen. Die Vorstellung, man könne Geschichten kontrollieren, ist ein künstliches Konzept, das in den vergangenen 200 bis 300 Jahren durch rechtliche Regelungen entstanden ist - Urheberrecht zum Beispiel. Davor konnte niemand Geschichten kontrollieren, sie wurden von einer Person zur nächsten weitergereicht, ständig verändert und verbessert. Wir kehren nur zu dieser ursprünglichen Art des Geschichtenerzählens zurück.

SPIEGEL ONLINE: Manche Autoren dürften damit kaum einverstanden sein. J. K. Rowling zum Beispiel ist ja bekannt dafür, dass sie versucht, maximale Kontrolle darüber auszuüben, wie ihre Werke verarbeitet werden, von Filmen bis hin zu Videospielen.

Ondine: Das stimmt. Aber in der Praxis würde jede Bemühung, die Reaktion der Öffentlichkeit auf die eigenen Geschichten zu kontrollieren, besser anderswo investiert. Ist es nicht ein Kompliment, wenn jemand mit Ihrer Geschichte interagieren will, sie ergänzen, reflektieren? Ob er nun ein Bild malt oder ein Gedicht schreibt oder einen Tweet - so wächst und wandelt sich Kultur, so bleibt sie lebendig.

SPIEGEL ONLINE: Rowling geht die Sache also verkehrt an?

Ondine: Diese Kontrollversuche basieren auf einem Missverständnis hinsichtlich des Wertes, den eine transmediale Zukunft bietet. Meine Instinkte sagen mir, dass J.K. Rowling oder ihre Berater solche Entscheidungen treffen, weil sie den alten Vorstellungen von Besitzrechten an einer Geschichte anhängen. Sie akzeptieren die Tatsache nicht, dass Werte sich verschieben und die Art und Weise, wie wir in den neuen Medien Werte schaffen, sich verändert. Sie glauben, sie könnten Wert erhalten, indem sie Kontrolle ausüben. Ich würde das umdrehen: Wert schafft man, indem man Kontrolle abgibt.

SPIEGEL ONLINE: Wäre eine solche Zukunft für die Autoren nicht viel schwieriger? Ständig müssten sie entscheiden, wie ihre Arbeit weiterverwendet wird. Sie müssten über Schauspieler und Action-Figuren entscheiden, um ihre kleinen Medienimperien zu regieren.

Ondine: Für diese Visionäre wird es notwendig sein, etwas von ihrer Autorität auf andere zu übertragen, um transmediales Erzählen zu ermöglichen. Als transmediale Erzähler nehmen wir Fertigkeiten und Kenntnisse aus diversen Disziplinen dankbar an. Man kann nicht mehr einfach zu lernen aufhören, nicht einfach nur ein Filmemacher oder Gamedesigner sein.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man seine ganze Geschichte auf die Idee multipler Kanäle und Medien ausrichtet, im Gegensatz zu, sagen wir, Thomas Mann, der jeden Tag in seinem Arbeitszimmer saß und schrieb, auf sein eines Werkzeug, die Sprache, konzentriert - wird die künstlerische Vision dabei nicht furchtbar verdünnt werden?

Ondine: Die künstlerische Vision bleibt im Kernkonzept erhalten, in dem, was ich gerne "das Juwel" nenne. Dem Kerngedanken, der alles zum Glitzern bringt. Jede Geschichte hat einen Kern, ob Thomas Manns Werke oder die zeitgenössischer medialer Geschichtenerzähler. Wenn man diesen Kerngedanken effektiv für andere Plattformen übersetzt, wird er dadurch besser, steigert die Erfahrung. Wenn man einen Roman von Thomas Mann liest und das wirklich genießt, sich darin versenkt, die Charaktere liebt - ist es nicht traurig, wenn er vorbei ist? Ein Teil von Ihnen will in der Welt der Geschichte bleiben. Transmediales Erzählen gibt dem Leser die Chance, dort zu bleiben, die Themen weiter zu erkunden, mit den Charakteren zu interagieren, die Geschichte mit seiner eigenen Vorstellungskraft weiterzuführen.

SPIEGEL ONLINE: Aber diese Welt, sagen wir die als Ergänzung zum "Zauberberg", würde dann nicht von Thomas Mann geschaffen, sondern von anderen, die damit betreut sind, seine Arbeit weiterzuführen.

Ondine: Bei Thomas Mann müssten daran vermutlich ganze Gruppen von Leuten arbeiten. Aber dieses Feld ist immer noch so sehr in der Entwicklung begriffen, wird noch nicht an Universitäten gelehrt. Bislang gibt es Menschen, die multidimensionales Erzählen intuitiv verstehen, oder eben Erzähl-Experten, die von Teams unterstützt werden, die so eine Vision zum Leben erwecken können.

SPIEGEL ONLINE: Werden künftig alle Geschichten so erzählt werden?

Ondine: Nicht unbedingt. Es wird immer Raum für schlichte Geschichten geben, die einfach erzählt werden. Wir sitzen hier und reden: Wir könnten einander bei einem Kaffee oder einem Bier Geschichten erzählen, und das wäre befriedigend. Wir würden lachen und Witze machen und erzählen - ich glaube nicht, dass sich das jemals ändern wird. Aber damit ein System gesund bleibt, muss es dynamisch sein. Es muss sich also mit der Zeit ändern.

Das Interview führte Christian Stöcker
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