Zukunft von Wikipedia Lustverlust in der Lexikon-Maschine

Die deutsche Wikipedia hat bald eine Million Artikel - und ein Problem. Wie führt man eine Gemeinschaft von dieser Größe? Das Wachstum des populären Lexikons stößt an seine Grenzen: Endlosdebatten und Regelungswut frustrieren Neulinge, zwei Lager kämpfen um die künftige Strategie.
Wikipedia: "Das Klima wird feindseliger"

Wikipedia: "Das Klima wird feindseliger"

Foto: A9999 DB Wikipedia/ dpa

Fast hätte es bei der Wikipedia einen Artikel "Professorin" gegeben. Er hätte von den ersten Frauen auf Lehrstühlen gehandelt, von der Geschichte ihrer Nachfahrinnen, hübsch aufbereitet mit Beispielen und Statistiken. Dazu eine Sammlung possierlicher Begründungen aus noch gar nicht so alten Quellen, warum Frauen für solche akademischen Würden keineswegs geschaffen seien.

Debora Weber-Wulff, selbst Professorin für Medieninformatik in Berlin, hatte sich viel Mühe gegeben mit ihrem Artikel. Er schaffte es dennoch nicht in die Online-Enzyklopädie. Es kam zu einer der gefürchteten "Löschdebatten". Denn so was sei kein eigenes Stichwort wert, meinte am Ende die Mehrheit der beteiligten Aktivisten.

Ein paar Überbleibsel von Weber-Wulffs Fleißarbeit stehen jetzt, stark gekürzt, mitten in dem ellenlangen Artikel zur "Professur". Beiträge über einzelne Pionierinnen wurden komplett abgelehnt. "Es hieß, die kennt doch niemand", sagt Weber-Wulff. "Aber das wollte ich ja gerade ändern."

Die Wikipedia, Weltwunder der Selbstorganisation, wurde mit der freiwilligen Arbeit Zehntausender groß. Doch sie macht es ihren Autoren zunehmend schwer. Was drin steht, soll "relevant" sein. Das galt zwar schon immer, aber es lässt sich immer schwerer entscheiden, was am Ende hinein darf. Die naheliegenden, unstrittigen Themen sind alle längst abgehandelt.

Deshalb kommt es nun immer häufiger zu zermürbenden Kleinkriegen um den Grenzverlauf: Ist die "Professorin" weniger relevant als die "Kleine Laber" (Zufluss der "Großen Laber"), die man eines Eintrags für würdig befand?

Außenstehende begreifen solche Debatten nicht leicht. Denn hat ein Lexikon im Internet nicht allen Platz der Welt?

Am Ende entscheidet ein Administrator

Eine starke Fraktion unter den Aktivisten sieht das nicht so. Im Namen der Relevanz wird allseits gelöscht oder gesperrt, was nach Meinung ihrer eifrigsten Hüter nicht in eine Enzyklopädie gehört. Und weil bei der Wikipedia jeder mitreden darf, gibt es vor jedem Urteil eine Art Plebiszit - oft sind das lange, zerrüttende Debatten. Am Ende entscheidet ein Administrator aufgrund der schriftlich dokumentierten Diskussion, möglichst neutral.

Viel zu oft finde sich unter den Diskutierenden aber eine Mehrheit fürs Löschen, klagt Weber-Wulff, die schon seit 2004 dabei ist: "Manchmal habe ich darauf echt keine Lust mehr."

Für Neulinge ist das strenge Regiment der Relevanz erst recht nicht ermutigend. Sie stellen einen Eintrag ein über einen schönen Wanderweg, und wenig später ist alles weg, weil Wanderwege gemäß dem Kriterienkatalog erst ab zehn Kilometern Länge als relevant gelten. Oder sie probieren es mit drei Sätzen über eine halb vergessene Comicfigur - in der Hoffnung, dass jemand anderes damit weitermacht. Und wenn sie später nachsehen, ist alles weg.

Früher waren solche Stummelartikel, genannt "stubs", gelitten; es konnte ja noch was kommen. Heute fallen sie leicht mal einem genervten "Admin" zum Opfer - einem der rund 300 gewählten Administratoren, die offensichtlichen Unfug eigenmächtig löschen dürfen.

Ein eigener Artikel für jede einzelne "Simpsons"-Folge

Die Zeiten von Nachsicht und Milde sind, wie es scheint, vorbei. Ein harter Kern von Aktivisten zeigt sich zunehmend unduldsam - nicht nur gegen die Unzahl der Vandalen und Schmierer, die ihnen mit Einträgen wie "Arschgesicht" das Leben sauer machen, sondern auch gegen das unbeholfene Volk, das einfach einträgt, wofür es sich interessiert.

Die englische Wikipedia mit ihren gut drei Millionen Artikeln ist vergleichsweise liberal. Dort darf es für jede TV-Episode der "Simpsons" einen eigenen Artikel geben; vielleicht liest das Zeug sogar mal wer. In Deutschland ginge das nicht.

Aber selbst in der englischen Wikipedia haben es unerfahrene Autoren immer schwerer: Im Jahr 2008 fand jeder vierte Beitrag, den ein Wenigschreiber hinterlassen hatte, keine Gnade vor den Aktivisten. Noch 2005 traf dieses Schicksal nur jeden zehnten, ermittelte der Computerwissenschaftler Ed Chi vom Palo Alto Research Center der Firma Xerox.

Kein Wunder, wenn die Leute allmählich die Lust verlieren. Der spanische Netzforscher Felipe Ortega von der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid hat ermittelt, dass inzwischen in vielen Weltgegenden die Zahl der Autoren sinkt. Es hören mehr auf, als neue hinzukommen. Das gilt für jede der zehn größten Sprachversionen. Bei der englischen Wikipedia wanderten demnach im ersten Quartal dieses Jahres 49.000 Mitarbeiter ab; der Pool des deutschen Pendants schrumpft seit einem Jahr jeden Monat um ein- bis zweitausend Aktive.

Die Wikimedia Foundation hält mit eigenen Zahlen dagegen . Es könne höchstens von einer Stagnation die Rede sein, behauptet sie.

Wer Recht hat, ist schwer zu sagen. Ortega beobachtete mehr als drei Millionen Autoren, die mindestens einmal aktiv geworden waren; die Wikipedia selbst bezieht sich nur auf die eine Million Autoren, die mehr als fünf Beiträge geliefert hatten. Wenn beide Angaben stimmen, liegt immerhin eine Schlussfolgerung auf der Hand: Es steigt vor allem der Anteil derjenigen, die noch vor dem fünften Beitrag wieder aufhören.

Überraschend hohe Fluktuation

Unstrittig ist, dass der harte Kern der Aktiven seit drei Jahren nicht mehr wächst. Bei der deutschen Wikipedia sind das um die tausend Leute, überwiegend Männer. Mit ihrem Einsatz halten sie das vielgeliebte Wunderwerk am Laufen. Die Frage ist aber immer, wie lange sie diesen Arbeitsaufwand bewältigen. Der Verschleiß ist hoch - das ist einer der Befunde, auf die Felipe Ortega in seinen Daten stieß: In der Gruppe der Fleißigsten hält jeder zweite keine hundert Tage durch. Hinter der einigermaßen stabilen Gesamtzahl verbirgt sich also eine überraschend hohe Fluktuation.

"Das Klima in der Wikipedia wird feindseliger", sagte Ortega dem "Wall Street Journal". "Viele Leute fühlen sich zunehmend ausgebrannt, wenn sie über den Inhalt bestimmter Artikel wieder und wieder diskutieren müssen." Vor allem die endlosen Debatten um Löschungen können den stärksten Optimisten zerrütten. Aktive klagen, sie kämen vor lauter Wartungsarbeit kaum mehr zum Schreiben. Löscht einfach weniger, erwidert dann die Gegenseite; nach ihrer Meinung ist es gerade das Übermaß an Wartungseifer, das die kollektive Energie aufzehrt.

Zu einem ersten Aufruhr kam es Anfang November bei einer Spendenaktion für die Wikipedia. Dutzende trugen sich mit Kleinbeträgen auf der öffentlichen Spenderliste ein, nur um dort giftige Kommentare zu hinterlassen: "Raus mit den Löschtaliban" oder "99 Euro wegen fehlender Relevanz gelöscht".

70 Seiten zum Thema "Oberleitungsbus"

Die Wikipedia hat nach Jahren famosen Wachstums ein Plateau erreicht. Bald sind eine Million Artikel beisammen. Themen von hinlänglicher Relevanz, die Neulinge zum Schreiben reizen könnten, sind nicht mehr so leicht aufzutreiben - es gibt ja sogar schon die "Walexplosion", den "Bauchnabelfussel" und den "Spureinlauf", einen respektablen Fachbegriff aus der Bauakustik, der das Geräusch beschreibt, wenn ein Harnstrahl auf ein Urinal trifft.

In dieser Lage bleiben zwei Möglichkeiten. Die eine: Man schließt die Reihen und arbeitet an der Perfektionierung des Bestandes. Das will die Fraktion der "Exklusionisten". Anders als die "Inklusionisten" sind sie im Zweifel fürs Löschen. Was sie mit der Wikipedia anstreben, ist nicht ein Sammelsurium, sondern ein Bollwerk gesicherten, stichfesten Wissens, kurz: die Reputierlichkeit einer Enzyklopädie. Dieser Ehrgeiz bringt freilich unter anderem Artikel hervor, die mit jeder Überarbeitung immer noch länger und detailversessener werden. Den imposanten Eintrag zum "Oberleitungsbus"  etwa, ein Monument der Lückenlosigkeit, sollte sich niemand unbedacht ausdrucken: Es kämen gut 70 Seiten heraus.

Sinnbild der Abgrenzungsbürokratie ist ein furchterregender Katalog von Relevanzkriterien, vor dem jeder Neuling in Ohnmacht sinken muss. Hier ist auf knapp 30 Druckseiten penibel festlegt, was würdig ist und was nicht; etliche Themenportale (darunter " Bier ", " Hund " und " Bergbau ") führen ihre eigenen Filialkataloge. Kriterien gibt es für Klettergärten, Religionsstifter und Comics. Letztere müssen zum Beispiel mehr als tausend Seiten Gesamtumfang haben, ersatzweise zwei Übersetzungen in Fremdsprachen. Selbst die Relevanz  von Weingütern ist geregelt: zwei Staatsehrenpreise, ersatzweise fünf Landesprämierungen in Gold wären hinreichend. Ein Busunternehmen sollte drei nationale Fernbuslinien "mit eigener Liniengenehmigung (in D §42 PBefG)" betreiben, ersatzweise jährlich eine Million Fahrkilometer oder 50.000 Fahrgäste vorzuweisen haben.

"Jeden Tag neu verhandelt, wo die Grenzen sind"

Neue Mitarbeiter lassen sich durch solche Einschüchterung kaum gewinnen. Exklusionisten sehen darin nicht unbedingt etwas Schlechtes: Wenn sich nur mit weniger Leuten ein besseres Produkt machen lässt, soll die Zahl eben schrumpfen.

Hinter dem Regel- und Relevanzeifer steckt vor allem die Angst, das Gemeinschaftswerk könnte bei ungehemmtem Zulauf vollends außer Kontrolle geraten. Mit der gegenwärtigen Artikelfülle kommt die Aktivistenschar gerade noch mühsam zurecht. Aber zehn, 20, 50 Millionen wären gewiss nicht mehr zu überwachen - man müsste lernen, mit dem Spott all derer zu leben, die dann nach Herzenslust Fehler, dumme Streiche und Schmierereien aufstöbern dürfen.

"Die Frage ist: Kann die Wikipedia noch eine Enzyklopädie sein, oder sind wir dafür schon zu groß?", sagt Mathias Schindler, Projektmanager beim Berliner Verein Wikimedia e.V. "Bis heute wird jeden Tag neu verhandelt, wo die Grenzen sind."

Der Drang der Leute, Artikel beizusteuern, ist nach wie vor enorm. Noch immer schaffen es 400 Neuzugänge täglich allein bei der deutschen Ausgabe durch das Sperrfeuer der Löschanträge und Relevanzdebatten. Da ist leicht vorstellbar, was los wäre, wenn die Grenzposten einen jeden durchwinken würden, Verstöße gegen Recht und Sitten ausgenommen.

Im Grunde handelt es sich um ein historisch einmaliges Experiment der Sozialtechnik: Braucht ein Gemeinschaftsunternehmen dieser Größe in Zukunft immer noch mehr Regeln, Prüfsiegel und Zugangskontrollen? Dann droht fundamentalistischer Starrkrampf. Oder muss man die Wikipedia in das Abenteuer der Selbstregulation entlassen, für die das Internet im Ganzen das beste Vorbild liefert?

Sicher ist nur: Der Mittelweg wird immer schwerer.

"Wir sind längst das wichtigste Nachschlagewerk"

Debora Weber-Wulff zieht die zweite Alternative vor, den fröhlichen Wildwuchs: Jeder schreibt rein, was er will. Der Rest regelt sich schon - wenn nicht, gibt es Schlimmeres. "Um unseren Rang müssen wir uns ja keine Sorgen mehr machen", sagt sie. "Wir sind längst das wichtigste Nachschlagewerk." Das Ziel, nun auch noch zur letzten Instanz des Wissens zu werden, hält sie für schädlicher, weil gar nicht zu erreichen. "Wir sind nicht die letzte, wir sind die erste Instanz. Bei uns holt man sich die schnelle Information, den ersten Überblick, die Anregung zum Weitersuchen."

Aus dieser Sicht wäre die Wikipedia keine Autorität, sondern eher eine globale Anlaufstelle für Ratsuchende aller Art, ein Katalog der interessanten Fakten. Da würde es kaum stören, wenn jeder Verein vertreten wäre; und auch der Gebietsrepräsentant einer Limonadenfirma könnte eine Ecke für einen Aufsatz über sein Wirken zugedacht bekommen. Wer nicht direkt nach den "Firefox Linedancers Leipzig e.V.", "Hans Göde-Stradelin" oder gar "Arschgesicht" sucht, wird davon nie etwas bemerken geschweige denn Schaden nehmen.

In diesem Modell würde einfach die Nutzergemeinschaft entscheiden, was wichtig und pflegenswert ist. Vielbesuchte Beiträge unterliegen ja ohnehin einer aufmerksamen Kontrolle; sie werden immer wieder umgearbeitet, bis sich eine Art Konsens einpegelt. Herr Göde-Stradelin hingegen kann sich einstweilen ungehindert ausbreiten in seinem Nirwana - bis er etwas tut, das ihm die Aufmerksamkeit einiger Leser einbringt. Dann wird auch sein Artikel Teil des unendlichen Ringens um den besten Kompromiss.

Weber-Wulff würde, um einen Anfang zu machen, mit Freuden einige Freiwillige Feuerwehren aus dem Lübecker Raum beisteuern, wo sie sich auskennt. "Die haben oft tolle Geschichten", sagt sie. "Und für so ein Dorf sind sie doch der Mittelpunkt des sozialen Lebens".

Bisher allerdings sind laut Relevanzkatalog  nur Berufsfeuerwehren geduldet.


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