Zurück zum Browser Die App-Dämmerung

Es muss nicht immer eine App sein: Statt immer neue Smartphone-Anwendungen zu programmieren, denken die ersten Entwickler um - und setzen wieder auf das offene World Wide Web. Dort werden Informationen barrierefrei über ein althergebrachtes Vehikel transportiert.
Von Thomas Escher
Von der App ins Web: Anwendungen, die bisher niemand für möglich gehalten hat

Von der App ins Web: Anwendungen, die bisher niemand für möglich gehalten hat

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"Das Web ist tot", verkündete die Szenebibel der US-Technologieszene vor rund einem Jahr auf ihrer Titelseite. Der Chefredakteur von "Wired", Chris Anderson, schrieb höchstselbst vom Ende des World Wide Web. Seine These: Mit der Zunahme mobiler, internetfähiger Endgeräte wird der Browser, das Fenster zum Web, überflüssig - auf Mobiltelefonen und Tablet-Computern laufen Dutzende kleine Programme, die sogenannten Apps, die über das Internet auf Inhalte zugreifen und diese nutzerfreundlich darstellen.

Das Hauptargument dafür heißt Benutzerfreundlichkeit. Native Dienste wie iTunes , Pandora , Netflix  oder Skype  laufen vereinfacht gesprochen stabiler und schneller. Sie müssen vor ihrer Verwendung allerdings auf dem jeweiligen Endgerät installiert werden und schränken damit automatisch den potentiellen Nutzerkreis ein. Oft wird außerdem eine Gebühr fällig.

Aber stirbt deswegen gleich das offene Web aus? Mit dem durchschlagenden Erfolg von Apples iPad hat die Diskussion erneut Fahrt aufgenommen. Vertreter beider Lager polemisieren hemmungslos den Tod der Kontrahenten herbei. Doch jenseits der großen Worte arbeiten Entwickler längst an einer neuen Lösung: Sie vermählen die App-Idee mit offenen Web-Technologien, das Ergebnis sind "Web-Apps", die nicht installiert werden müssen und an kein bestimmtes Gerät gebunden sind.

Eine Universal-Technologie wird es nie geben

Der Software-Entwickler Firdosh Tangri glaubt nicht an den Tod des Webs: "Weitaus realistischer ist die Annahme, dass in Zukunft viele unterschiedliche Ansätze harmonisch koexistieren werden." Als leitender Entwickler bei Fi, einer preisgekrönten Web-Agentur  mit Sitz in New York, entscheidet der Computerwissenschaftler täglich über die richtige oder vielmehr die geeignete Technologie.

Das muss nicht immer gleich eine extra programmierte App sein: "Bei der Wahl des Frameworks geht es nicht um richtig oder falsch, sondern darum ob die Entscheidung zielführend und verhältnismäßig ist." Eine ähnliche These postuliert auch Richard Ting, Creative Director bei r/ga . Die Faustregel der renommierten Online-Agentur lautet: "Native Anwendungen nur dann, wenn es keine Möglichkeit gibt, die Applikation auf gleichem Niveau als HTML5-Seite auszuliefern." Das spart nach Tings Erfahrung Zeit und vor allem Geld.

Die Vorteile nativer Applikationen schrumpfen

Denn in der neuesten Version bringt die Website-Beschreibungssprache HTML Funktionen mit, die das Programmieren von Anwendungen erleichtern. Damit "sind die Vorteile nativer Applikationen weiter geschrumpft", so Ting. Davon ist auch Peter Belhumeur, Informatikprofessor der Columbia University, überzeugt. Funktionen wie beispielsweise die Offline-Verfügbarkeit von Webinhalten sind mit dem neuesten HTML-Standard ebenso möglich wie die Wiedergabe von Videos ohne die Installation zusätzlicher Plug-ins. Der direkte Zugriff auf Hardware-Komponenten wie geräteintegrierte Kameras ist derzeit noch nicht offiziell verfügbar, aber bereits heute der erklärte nächste Schritt. Belhumeur ist sich sicher, dass viele native Applikationen schon kurzfristig durch HTML5-Pendants ersetzt werden.

Vor allem die jüngste Entwicklung in der Verlagsbranche scheint Belhumeur recht zu geben. Die "New York Times" experimentiert mit ihrem Prototypen Skimmer  schon länger mit dem Thema Browser-App, während die "Financial Times"  bereits auf HTML5 optimierte Web-Applikationen ausliefert.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Zum einen sind HTML5-Anwendungen in der Regel schneller und kostengünstiger zu produzieren. Zum anderen haben sie den großen Vorteil, dass ihre Inhalte von Suchmaschinen gefunden werden. Außerdem sind Verlagshäuser nicht weiter an die kostspieligen Provisionsmodelle gebunden, die App-Vermarkter wie Apples iTunes Store oder Googles Android Market  an ihre Partner stellen: Die Ladenbesitzer wollen an jedem Euro mitverdienen, den Unternehmen über ihre Apps verdienen. Bei einer Web-App werden hingegen keine Provisionen fällig.

Aktuelle Web-Apps

Der größte Vorteil webbasierter Anwendungen liegt allerdings in ihrer einfachen Verbreitung. Die Inhalte werden geräteunabhängig ausgeliefert und sind über jeden Browser erreichbar. Offen und zugänglich für jedermann und somit potentiell für zwei Milliarden Internetnutzer weltweit.

Es wird immer eine native Nische geben

Auch wenn die Vorteile nativer Applikationen schrumpfen, ist die Spezies keineswegs vom Aussterben bedroht. Anwendungen wie die Photosharing-Plattform "Instagram"  oder der Musik-Identifikationsdienst "Shazam"  werden nach Meinung Richard Tings auch mittelfristig ausschließlich nativ ausgeliefert. Der Erfolg derartiger Services gründet vor allem auf ihrer Stabilität und Leistungsfähigkeit. Kriterien, bei denen HTML5-basierte Lösungen nach wie vor unterliegen. Auch die Trainings-Software "Nike+ GPS"  oder der Preis-Scanner "Red Laser"  sind für Tings klassische Beispiele die nach wie vor für eine, auf das jeweilige Betriebssystem optimierte Umsetzung sprechen. Denn ohne Plug-ins sind Browser nach wie vor nicht in der Lage, solche komplexen Inhalte schnell und benutzerfreundlich darzustellen. Zumindest jetzt noch nicht.

Der Browser avanciert zum 3-D-Player

Denn seit März dieses Jahres ermöglicht die Grafik-Bibliothek WebGL , im englischen kurz für Web Graphics Library, die Darstellung hochwertiger 3-D-Grafiken direkt im Browser. Die Bibliothek, die im wesentlichen auf der Programmiersprache JavaScript aufbaut, lässt künftig die Darstellung komplizierter, mehrdimensionaler Inhalte zu. "Einfach gesagt avanciert der Browser zum 3-D-Player", fasst Neil Trevett den Primärnutzen der Technologie zusammen. Trevett ist Präsident der Khronos Group, einer Non-Profit-Organisation, die den Entwicklungsprozess von WebGL managed.

Neben den Browserherstellern Mozilla  und Opera  haben erstaunlicherweise auch Apple und Google einen führenden Part innerhalb der Arbeitsgruppe übernommen. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass die kontinuierliche Qualitätsverbesserung des Browsers mittelfristig den App-Markt der beiden größten Anbieter schaden könnte. Ein weiteres Indiz dafür, dass man auch in Kalifornien weiterhin an die Macht des offenen World Wide Web glaubt.

"Der Erfolg unseres Betriebssystems Android zeigt ganz klar, dass es einen soliden Markt für native Anwendungen gibt", sagt der Google-Entwickler Mike West. "Allerdings sind wir uns über die immensen Vorteile wie die stetig wachsende Reichweite des browserbasierten Webs durchaus bewusst."

Was mit WebGL heute bereits möglich ist, zeigt neben Googles "Globe"  auch "Google Body" , ein interaktives, dreidimensionales Modell des menschlichen Körpers. Einen mehr artistischen Umgang mit der neuen Technologie liefert das Musikvideo "Rome" . Der kurze 3D-Clip, der das Album des amerikanischen Künstlers "Danger Mouse" vorstellt, gibt einen ersten vagen Ausblick, was wir künftig von der neuen Technologie erwarten dürfen - bisher allerdings nur für die aktuellsten Browserversionen von Google Chrome oder Mozilla Firefox und mit entsprechender Grafikunterstützung.

Neil Trevett ist sich sicher: "WebGL liefert mittelfristig ein browserbasiertes Online-Erlebnis, das bisher niemand für möglich gehalten hätte." Der Browser ist auferstanden. Lang lebe das Web.

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