100 Jahre Dauerwelle Lockende Pracht

Auf dem Friseurstuhl sitzend schrie Katharina Laible aus vollem Hals - aber nicht vor Freude, nicht vor Entsetzen, sondern vor Schmerzen. Für die Erfindung ihres Mannes musste die tapfere Gattin ihren Kopf hinhalten - und bekam dafür die erste aller Dauerwellen.

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Hamburg - Nur als ihr die versengten Haare ausfielen, wurde die Frau etwas ungeduldig, heißt es. Aber da hatte sie die rund sechs Stunden andauernde Prozedur auch schon hinter sich. Inspiriert von der Natur, in der sich Gräser und Blumen bei herannahendem Regen zusammenziehen, aber nach zwei bis drei Stunden wieder ihre ursprüngliche Struktur zurückerlangen, hatte Karl Ludwig Nessler eine Mission: Glattes Haar sollte gewellt werden, und zwar dauerhaft.

Jahrelang tüftelte der Friseur aus dem Schwarzwald an seiner Erfindung. Und so mussten die Frauen in seinem Umfeld leiden. Nesslers Schwester und seine spätere Frau Katharina Laible waren die Versuchsmodelle, deren Köpfe der Schustersohn immer und immer wieder mit verschiedenen chemischen Mixturen und heißen Zangen quälte. Häufig fielen die Haare seiner Probandinnen aus, zahlreiche Brandblasen überzogen ihre Kopfhaut.

Am 8. Oktober 1906 war es nach langen Jahren der schmerzvollen Experimente so weit: Vor Kollegen in London präsentierte Nessler seine Erfindung. Die Haarsträhnen wurde um einen Metallstab geschlungen und mit einer in stinkenden Chemikalien getränkten Binde umwickelt. Eine Spezialzange wurde dann auf einer Gasflamme erhitzt, über die Konstruktion gestülpt und das Haar anschließend gekocht. Drei Jahre später verringerte sich das Risiko einer Dauerwelle deutlich: Elektrische Heizpatronen ersetzten die Zangen.

Die "dauerhafte Haarwelle am lebenden Kopfe" war in den USA der letzte Schrei. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs zog Nessler nach New York, wo er in den folgenden Jahren zahlreiche Salons eröffnete und sogar Ehrungen von Frauenorganisationen erhielt.

In Deutschland waren Dauerwell-Apparate seit 1943 von den Nazis verboten: Die eingesetzten Chemikalien wurden für die Kriegsproduktion benötigt. Ein englischer Professor entwickelte indes einen neuen Wellstoff, der es ermöglichte, die Haare ohne Hitzezufuhr zu formen. Bei Kriegsende setzt sich die Kaltwelle weltweit durch.

In den siebziger und achtziger Jahren folgte die Blütezeit der gewellten Pracht. Auftoupierte Mähnen à la "Dallas" oder "Denver" waren ebenso wie die Miniplies einiger Fußballer der Trend schlechthin. Seither, so heißt es, habe man die Produkte erheblich verbessert .

Mit Material von ddp



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