11. September Der Bote des Terrors

Aus kürzlich übersandten US-Dokumenten für den Hamburger Terror-Prozess gehen neue Details über die letzten Vorbereitungen für die 9/11-Anschlägen hervor. Demnach schickte der Logistiker Ramzi Binalshibh einen Boten nach Pakistan, um die al-Qaida über den Anschlags-Termin zu informieren.


Zakariya Essabar: Bote der al-Qaida?
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Zakariya Essabar: Bote der al-Qaida?

Berlin - Die neuen Details vervollständigen das Bild über die letzten Vorbereitungen der Todes-Piloten. Sie geben auch einen Einblick, wie konspirativ die al-Qaida vor den Anschlägen agierte. Offenbar war es den Chefdenkern der Gruppe zu gefährlich, den Termin der Anschläge per Telefon oder Internet mitzuteilen. Stattdessen schickte der Cheflogistiker der Hamburger Zelle laut eigenen Aussagen lieber einen Hamburger Studienkumpel nach Pakistan, um dort den wichtigen al-Qaida-Mann Khalid Scheich Mohammed zu treffen und ihm den Termin zu nennen.

Die bisher unbekannte Aufgabe Essabars geht aus den aus den USA übersandten Aussagezusammenfassungen Binalshibhs hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegen und sechs Seiten umfassen. Eine von der Nachrichtenagentur Reuters am Samstagmorgen verbreitete Meldung, die auch bei SPIEGEL ONLINE kurzzeitig erschien, berief sich ebenfalls auf die Dokumente. Allerdings enthielt die Nachricht mehrere Ungenauigkeiten und Schlussfolgerungen, die weder aus den Dokumenten hervorgehen noch durch die vielen anderen Ermittlungsdokumente gedeckt sind, die zu den Anschlagsvorbereitungen vorliegen.

Konkret sagte Binalshibh laut den Unterlagen, er habe den noch immer flüchtigen Studienfreund Zakariya Essabar kurz vor dem 11. September nach Pakistan geschickt. Ziel war es laut den Aussagen Binalshibhs, "die Nachricht elf-neun an Mukhtar zu überbringen". Bei "Mukhtar" handelt es sich laut US-Erkenntnissen und dem Anschlussreport der 9/11-Kommission um einen Decknamen für den al-Qaida-Drahtzieher Khalid Scheich Mohammed. Essabar aber fand Scheich Mohammed in Pakistan nicht und meldete kurz darauf per Telefon nach Hamburg, dass er seine Mission nicht erfüllen konnte. Seitdem fehlt von dem Marokkaner jede Spur, er wird bis heute weltweit gesucht.

Wie die Information über den Anschlagstermin am Ende von Hamburg nach Pakistan oder Afghanistan gelangte, ist nicht abschließend geklärt. In einem kurz vor seiner Festnahme ausgestrahlten Fernsehinterview sagte Binalshibh, er selber habe die Nachricht nach Afghanistan überbracht. Wie dies geschehen sei, erläuterte er nicht. Zuvor hatte ihm der spätere Todes-Pilot Mohammed Atta den 11. September und die Anzahl der Piloten in einer verschlüsselten E-Mail mitgeteilt. Binalshibh hatte sich dann laut den Ermittlungen kurz vor den Anschlägen in Richtung Pakistan oder Afghanistan abgesetzt.

Für den Hamburger Prozess werden die neuen Details über die Rolle Essabars nur eine indirekte Rolle spielen. Für die Verwertung der Dokumente könnte entscheidend werden, dass die Aussagen Binalshibhs über seinen Kumpel Essabar während den verschiedenen Vernehmungen seit seiner Festnahme im Jahr 2002 in vielen Details variierten. Dies könnte für die Ankläger im Prozess ein Argument sein, die Aussagen anzuzweifeln und auch die Verwertbarkeit der Binalshibh-Angaben in Frage zu stellen.

Diese Frage spielt besonders für die Ankläger der Bundesanwaltschaft eine entscheidende Rolle. Neben den Details des gescheiterten Botens Essabar enthalten die Protokolle nämlich auch Aussagen über die Entstehung der Hamburger Zelle. Die Darstellungen Binalshibhs, die terroristische Vereinigung in Hamburg sei nicht vor dem Jahr 2000 entstanden, stehen nicht im Einklang mit der Anklage und könnten diese empfindlich beschädigen. Diese verortet die Bildung der Zelle in das Jahr 1999. Am kommenden Dienstag sollen sie in den Prozess eingeführt werden.

Matthias Gebauer



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