11. September Stille nach dem Streit

Sie reden nicht über Bush, den Irak, die Kandidaten. Sie schreien nicht, hupen nicht, die New Yorker denken an diesem 11. September einfach an damals. Szenen der Erinnerung an eine Katastrophe, über die alle Sätze gesagt und gehört sind - und an diesem Tag doch wieder anders klingen.

Von , New York


New York - Es gibt New Yorker, die sagen, sie seien darüber hinweg. Lange her, das alles, sechs Jahre. Im Selbstverständnis dieser Stadt sind sechs Jahre Ewigkeiten. Wir müssen voranschreiten, nicht zurückblicken oder jedenfalls nicht lange, denn wir müssen stärker werden, immer stärker, das sagen diese Leute, New Yorker wie Bürgermeister Michael Bloomberg.

Und es gibt New Yorker wie Chuck Downey, Feuerwehrmann im Bataillon 50, drüben in Queens. Downey sagt, es höre nicht auf, nie. Vor ein paar Tagen zum Beispiel habe er seine Töchter zur Schule gefahren, sie waren ein bisschen spät dran, und darum habe er einen Blick auf seine Digitaluhr geworfen. Elf Minuten nach neun. 9.11 Uhr. Nine-Eleven. Chuck Downey verlor seinen Vater an Nine-Eleven, wie der 11. September 2001 in Amerika heißt, der Feuerwehrmann Ray Downey starb im World Trade Center. "Ich sehe Zeichen, überall, und ich spüre, wie mein Vater mir auf die Schulter tippt, immer wieder", das sagt Chuck Downey, der Sohn.

Trauern kann man laut, trauern kann man schweigend, Trauer ist individuell, normalerweise. Aber wie trauert eine Stadt, eine hysterische wie diese, und wie trauert ein Land, wie trauern Präsidentschaftskandidaten? Was ist opportun, was ist würdevoll?

Sie haben gestritten in New York, wochenlang. Es ging darum, ob Rudolph Giuliani dabei sein dürfe an diesem 11. September, der damals Bürgermeister war und heute im Wahlkampf steht, der nicht viel zu bieten hat in diesem Wahlkampf außer eben jenem 11. September. Der Stärke, die er vor sechs Jahren zeigte. Dieser Führungskraft.

Langsam, ganz langsam gerät Giuliani in diesem Wahlkampf ins Visier der Massenmedien, "60 Minutes" zum Beispiel, das Nachrichtenmagazin von CBS, ging am vergangenen Sonntag der Frage nach, ob Giuliani und seine Helfer vor sechs Jahren die Bauarbeiter und Ärzte, die Polizisten und Müllmänner hätten schützen können, statt immer nur über amerikanische Stärke zu reden; vielleicht hätten sie ja mit Atemmasken helfen können, mit Aufklärung, mit ein wenig Ehrlichkeit. Die ersten Helfer von einst sterben in diesen Tagen an den Folgen der Staubwolke, 300.000 Menschen könnten betroffen sein, darf Giuliani also mittrauern?

Es ging dann auch darum, welche Zeremonie angemessen sei und überhaupt: welcher Ort. Sechs Jahre sind ja kein großes Jubiläum, aber ist deshalb Zurückhaltung richtig? Die Angehörigen der Opfer warfen ihm vor, nicht sanft genug zu sein, aber Michael Bloomberg, Bürgermeister, beschloss, diesmal solle ein paar Meter entfernt von Ground Zero getrauert werden, denn "man muss Dinge verändern, um sie relevant zu halten. Ich glaube nicht daran, dass man viel erreicht, wenn man dieselbe Sache immer wieder macht". Und außerdem, Ground Zero sei nicht sicher, sagte Bloomberg: Dort wird gebaut, und das inzwischen ein wenig schneller als in den vergangenen Jahren, endlich.

Nach Jahren des Zanks, Jahren mit Gutachten und Gegengutachten und Gegengegengutachten werden sie demnächst tatsächlich fertig werden mit der unteren Etage, den Gängen und Verbindungen von U-Bahn-Linie 12 zu den Hudson-Fähren zur World Financial Plaza; und dann sollen darüber 250 Bäume gepflanzt werden und zwei natürlich gewaltige Wasserfälle an die zwei Türme erinnern, und neue Hochhäuser sollen entstehen mit sehr viel Glas. 2012 soll das alles nun fertig werden, aber ist eine Baustelle wie diese ein gutes Denkmal?



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