11.-September-Tonbänder Echo der verlorenen Stimmen

Es sind die letzten Lebenszeichen: Tonbänder der New Yorker Polizei und Feuerwehr vom 11. September 2001, in denen Menschen nach den Anschlägen auf die Twin Towers um Hilfe bitten. Jetzt dürfen Angehörige die Stimmen der Toten noch einmal hören - und erneut leiden. Ein Bericht aus der New York Times.

Nein, Joe und Marie Hanley wollten diese Aufnahmen zuerst nicht anhören. Ein Notruf ihres Sohnes Chris. Er saß im Luxusrestaurant "Windows on the World", World Trade Center, New York. Am 11. September 2001.

Nein, auch Jack Gentul und seine Söhne beteuerten, dass sie die Bänder von Alayne Gentul nicht abspielen wollten. Sie war ihre Ehefrau und Mutter. Sie rief aus dem World Trade Center die Notrufzentrale an. Sie saß im Südturm der Twin Towers.

Wird der 11. September je vorüber sein? Das fragte sich Debbie Andreacchio, als sie einen Anruf vom Büro des Bürgermeisters bekam. Es war ein Montag, der Geburtstag ihres Bruders Jack. Sie sagten ihr, dass auch er an jenem Morgen vor viereinhalb Jahren einen telefonischen Hilferuf absetzen wollte.

Dies sind drei der 27 Familien, die in den vergangenen Tagen erfahren haben, dass die New Yorker Stadtverwaltung in Besitz von Tonbandaufnahmen ist. Auf ihnen sind Notrufe zu hören, die ihre Kinder, Ehefrauen und Brüder aus den brennenden Türmen zu senden versuchten. Nun, da sich die Stadt mit neuen Ultimaten und einem drei Jahre alten Gerichtsurteil konfrontiert sieht, gewährten die Anwälte des Bürgermeisters den Angehörigen zum ersten Mal Zugriff auf die mittlerweile digitalisierten Bänder.

"Alles um den 11. September herum ist verrückt", sagt Frau Andreacchio. "Warum haben sie so etwas nicht schon viel früher herausgerückt? Das wird niemals aufhören."

Verstörend wie sie sind, bergen die Aufnahmen eine einzigartige Macht in sich. Sie sind die akustischen Relikte einer Katastrophe. Die Tür in einen verlorengegangenen und bisher unbekannten Moment in der Familiengeschichte der Hanleys, Gentuls, Andreacchios und all der anderen. Deshalb haben die Angehörigen den Schritt gewagt und sich die Tondokumente besorgt.

Am Montag gingen die Hanleys zum Law Departement der Stadt New York. Sie unterschrieben einige Papiere, nahmen die Aufnahmen mit und fuhren zu ihrem Haus an der Manhattan East Side zurück.

Sie nahmen die Beethoven-CD aus der Stereoanlage und legten die kleine weiße Scheibe ein, auf der nichts außer dem Namen ihres Sohnes stand: "Christopher James Hanley."

"Ja, hallo, es gab hier eine Explosion", sagt ihr Sohn.

"Anrufzeit: null-achthundert-Uhr, fünfzig Minuten und dreißig Sekunden", sagte die Stimme eines Fremden.

8 Uhr 50 und 30 Sekunden - nur vier Minuten, nachdem das erste Flugzeug an den Türmen zerschellte.

Die nun folgende Stimme kam ihnen bekannter vor.

"Ja, hallo, ich befinde mich im 106. Stock des World Trade Centers, es gab hier eine Explosion", sagt ihr Sohn.

"Im 106. Stock?", fragt der Mann in der Notrufzentrale.

"Wir hatten eine Konferenz hier oben", sagt Chris Hanley. "Es sind ungefähr 100 Leute hier."

Der 35-Jährige arbeitete für Radianz, damals ein Tochterunternehmen der Nachrichtenagentur Reuters. An jenem Morgen war Chris Hanley auf einer Konferenz, die von Risk Waters organisiert wurde, einem Finanzverlag. Sie fand in einem Luxusrestaurant statt, das direkt unter dem Dach des Nordturms lag.

Das erste Flugzeug schlug zwischen dem 94. und 99. Stock ein. 25 Meter unter dem Restaurant. Aber der Rauch waberte schnell bis zur Spitze des Turms hinauf. Mochte die Distanz zum Ort der Explosion auch relativ groß gewesen sein, im Restaurant wurden die Bedingungen schon bald schlechter.

Die Aufzeichnungen legen den Schluss nahe, dass Hanley einer der ersten war, die einen Notruf absetzen konnten. Seine Stimme klingt klar.

"Wie heißen sie?", fragt der Mitarbeiter in der Zentrale.

"Hanley", antwortet er.

"H-A-N", sagt der Mann.

"Wir haben hier Rauchentwicklung, es ist ziemlich schlimm", sagt er.

Kurze Zeit später sagt der Telefonist: "Okay, wir haben's. Ich werde sie mit der Feuerwehrzentrale verbinden, Okay?"

"Ja", antwortet Hanley, als er das Wort "Feuer" hört. "Hier ist Feuer, Rauch. Wir sind über 100 Leute hier. Wir können nicht die Treppen hinunter."

Seine Eltern haben vergangenen Abend diese Aufnahmen einem Reporter vorgespielt. Sie sagen, dass sie nicht nur seine Stimme wiedererkennen, sondern auch seine Art.

"Er war stark und dachte so klar und schön", sagt Marie Hanley. "So viel Geduld mit der Feuerwehrzentrale und dem Notruf. Es hat mir alles wieder in Erinnerung gerufen."

Joseph Hanley sagt: "Ich bin stolz auf ihn. Dass er fähig war, sich in solch einer Situation die Coolness zu bewahren."

Der Heldenmut der Handelnden: Er wurde schnell Teil der Geschichtsschreibung rund um den 11. September. Was aber die unzähligen Zivilisten machten, die in den Gebäuden eingeschlossen waren, ist bis heute weithin unbekannt.

"Wir werden die Aufnahmen anfordern, aber nicht anhören"

Alayne Gentul arbeitete im Südturm. Nach dem Einschlag im Nordturm gab sie ihren Angestellten und anderen Mitarbeitern Anweisung, den 90. und 94. Stock zu verlassen. Das ist durch Aussagen der Überlebenden belegt. Zusammen mit anderen ging sie dann in den 97. Stock des Hochhauses hinauf, um bei der Evakuierung eines Computerspezialisten-Teams zu helfen, das dort eine Katastrophenübung machte. Sie alle saßen in der Falle, als das zweite Flugzeug auf die Twin Towers zusteuerte.

Ihr Ehemann sagt, dass er schon vor drei Jahren von dem Notruf seiner Frau erfahren habe. Ein Reporter der "New York Times" hatte es ihm gesagt. Auch deswegen war es für ihn kein Schock, als er vergangene Woche den Brief von der Stadt New York bekam.

Er habe die Sache mit seinen Kindern besprochen.

"Wir werden die Aufnahmen anfordern, aber wir wollen sie nicht anhören", sagt Jack Gentul, Uni-Rektor am New Jersey Institute of Technology in Newark. "Ich will es meinen Kindern überlassen, ob sie es sich irgendwann später anhören wollen, oder deren Kindern."

Heute wird die Stadt New York alle Notrufaufzeichnungen vom World Trade Center veröffentlichen. Die Stimmen der Anrufer werden dabei aber unkenntlich gemacht sein. Zu hören sind nur die Mitarbeiter der Telefonzentralen. Die Stadtverwaltung hat diese Lösung vor Gericht erstritten. Sie argumentierte, dass die Privatsphäre der Opfer geschützt werden müsse. Auf Nachfrage der "New York Times" veranlasste gestern ein Richter in Manhattan jedoch, dass gegebenenfalls die Namen der Opfer hörbar bleiben müssen, sofern die Notruf-Mitarbeiter sie im Gespräch verwendet haben. Die Stadt will dagegen Widerspruch einlegen.

Für viele, denen dieses Ereignis immer noch nahe geht, ist die Veröffentlichung der Aufnahmen ein weiterer mühsamer Schritt auf dem langen Weg zurück in die Normalität.

"Einige von uns wünschen sich, dass dieses ganze Thema endlich weiter geht. Dass unser Leben endlich weiter geht", sagt Gentul, der im vergangenen Jahr erneut geheiratet hat. "Ich bin sehr stolz auf Alayne. Es ist eben so geschehen, wie es geschehen ist."

Jack Andreacchio arbeitete im 80. Stock des Südturms. Er hat dabei geholfen, Leute aus der Etage zu evakuieren und war auch selbst schon zehn Stockwerke nach unten gelaufen. Dann entschied er sich, zurück zu gehen. Der Flügel des zweiten Flugzeugs streifte seine Etage zur Hälfte. Andreacchio rief seine Schwester Debbie an und beschrieb ihr seine Notlage. Er entschuldigte sich für all die schlimmen Erinnerungen, die er ihr aufbürden würde. Dann riss die Verbindung ab.

Später gelang es Andreacchio noch, das 911-Notrufsystem zu erreichen. Seine Schwester wusste darüber nichts, bis ihr diese Woche ein Journalist davon erzählte.

"Halten sie die Fenster offen", sagt der Telefonist

"Ich möchte das anhören", sagte sie. "Ich möchte genau hören, was auf den Bändern ist. Ich möchte auch, dass es bestimmte andere Leute hören. Diese Sache holt uns immer wieder ein. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Ich will die Aufzeichnungen haben."

Die Eheleute Hanley sagen, dass sie über so vieles verwirrt waren, was nach dem 11. September folgte. Sei es die Tatsache, dass US-Präsident George W. Bush die Anschläge nutzte, um den Krieg im Irak zu rechtfertigen. Oder die Abläufe im Notrufsystem, in dem ein Polizeibeamter den Anruf ihres Sohns entgegen nahm und ihn dann an die Feuerwache weiterleitete. Dort nahm man erst nach sechsmal Läuten ab.

"Halten sie die Fenster offen", sagt der Telefonist bei der Feuerwehr. "Es wird eine Weile dauern, weil weiter unten ein Feuer ausgebrochen ist."

"Wir können die Fenster nicht aufmachen, ohne sie zu zerschlagen", sagt Hanley.

"OK, setzen sie sich ruhig hin", sagte der Telefonist. "Setzen sie sich ruhig hin, wir sind auf dem Weg."

"Alles klar", sagt Hanley. "Beeilen sie sich."

Seine Mutter sagt, dass sie nur in diesen letzten Worten so etwas wie Sorge in seiner Stimme ausmachen konnte.

Der Vater sagt, dass dies die Worte waren, die seinen Sohn bis zum Tod begleiteten.

"Das war der Moment, in dem sich die Situation zum Schlechten wendete", sagt er. "Beeilen sie sich."

Jim Dwyer, Übersetzung: Sebastian Christ

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