20. Juli 1944, 16.30 Uhr Ringen um die Macht

Zu dieser Stunde vor genau 60 Jahren erreicht Stauffenberg Berlin und übernimmt die Regie über den Staatsstreich. Zur selben Zeit in der Wolfschanze: Der totgeglaubte Hitler zeigt dem italienischen Diktator Benito Mussolini die zerstörte Lagebaracke, in der vor nicht einmal vier Stunden der Bombenanschlag auf ihn verübt wurde.


Hitler, Mussolini in der Wolfschanze: Besichtigungstour durch die zerstörte Baracke
AP

Hitler, Mussolini in der Wolfschanze: Besichtigungstour durch die zerstörte Baracke

"Er ist tot", sagt Stauffenberg, "ich habe gesehen, wie man ihn hinausgetragen hat." Doch trotz der Aussage des Mannes, der Hitler die Bombe vor die Füße legte, verweigert der Befehlshaber des Ersatzheeres die Unterstützung für die Operation "Walküre". Generaloberst Fromm hat sich zuvor aus dem Führerhauptquartier bestätigen lassen, dass Hitler lebt. "Graf Stauffenberg, das Attentat ist missglückt, Sie müssen sich sofort erschießen", fordert Fromm. Doch Stauffenberg hat nicht die Absicht, sich selbst zu töten. Im Gegenteil: Er lässt Fromm in Schutzhaft nehmen. Mit gezogenen Waffen überwältigen Stauffenbergs Adjutant und andere Helfer Fromm und sperren ihn ein.

Gegen 17 Uhr befolgen die Wehrmachteinheiten in und um Berlin die "Walküre"-Befehle: Einheiten der Heeres-Waffenmeisterschule I in Berlin-Treptow besetzen das Stadtschloss. Panzer der Panzertruppenschule II in Krampnitz fahren an der Siegessäule auf. Major Otto Ernst Remer, Kommandeur des Wachbataillons "Großdeutschland" in der Rathenower Straße, lässt das Regierungsviertel absperren. Er glaubt den Nachrichten, wonach der Führer verunglückt und mit Unruhen zu rechnen sei.

Goebbels vor dem zerstörten Lagetisch: "Hören Sie mich? Ich lebe also!
National Archives

Goebbels vor dem zerstörten Lagetisch: "Hören Sie mich? Ich lebe also!

Unruhig ist zu dieser Stunde auch Hitler. Nach dem Kurzbesuch Mussolinis am Nachmittag kommt gegen 17.30 Uhr eine Telefonverbindung mit Propagandaminister Joseph Goebbels zu Stande. Goebbels solle eine Rundfunkdurchsage vorbereiten, lautet der Auftrag aus dem Führerhauptquartier. Den "Walküre"-Befehlen zufolge muss das Funkhaus in der Masurenallee längst besetzt und der Sendebetrieb eingestellt sein. Doch der Rundfunkmann, offenbar ein argwöhnischer Nazi, versichert den Laien, dass man der Anordnung gefolgt sei - dabei läuft der Sendebetrieb ununterbrochen weiter. Um 18.28 Uhr meldet der Deutschlanddienst des Rundfunks, Hitler habe "unverzüglich seine Arbeit wieder aufgenommen". In den folgenden anderthalb Stunden wird die Nachricht von Hitlers Überleben fünfmal wiederholt. Dadurch gerät die Verschwörung ins Stocken.

Stauffenberg und Olbricht versuchen jetzt die Wehrkreiskommandos durch eindringliche Anrufe auf ihre Seite zu bringen. "Hier Stauffenberg ... Alle Befehle sind unverzüglich auszuführen. Sie müssen alle Rundfunkstationen und Nachrichtenbüros besetzen ... Jeder Widerstand muss gebrochen werden ... nein ... Die Wehrmacht hat die Vollzugsgewalt übernommen ... verstehen Sie ... ja, das Reich ist in Gefahr, und wie immer übernimmt in der Stunde der Gefahr der Soldat das Kommando ... Sie sollen alle Nachrichtenbüros besetzen ... Haben Sie verstanden? Heil."

In dieser Stunde, als klar ist, dass es sich um einen Staatsstreich handelt, können die Befehlshaber der Wehrkreiskommandos Geschichte schreiben - indem sie sich offen gegen Hitler entscheiden. Doch einige Generäle, etwa in Salzburg oder Danzig, ergreifen sofort für die Nazis Partei. Die meisten warten ab, telefonieren mit den benachbarten Wehrkreiskommandos und setzen sich mit Vertrauten in Verbindung, um herauszufinden, was in Berlin los ist.

Einzig in Paris läuft "Walküre" planmäßig an. Ab 23 Uhr - die Franzosen sollen nicht Zeuge werden, wie deutsche Einheiten gegeneinander vorgehen - werden rund 1200 Gestapo- und SS-Männer mit Lastwagen in das Wehrmachtgefängnis Fresne und zum Fort de l'Est in Saint Denis gebracht. Der Stadtkommandant lässt im Hof der Ecole Militaire Sandsäcke aufschichten, als Kugelfang für die zu erwartenden Exekutionen der Schergen Hitlers. Doch dann spricht sich auch in Paris herum, was wirklich los ist. Generalfeldmarschall Hans Günther von Kluge stoppt das Vorgehen gegen die Hitler-Getreuen: "Wenn das Schwein tot wäre...", erklärt er.

Das Vakuum in der Reichshauptstadt füllt schließlich der 32-jährige Kommandeur des Wachbataillons "Großdeutschland", Major Remer, der den "Walküre"-Befehl erhalten hatte, das Regierungsviertel abzusperren. Über einen Referenten aus dem Propagandaministerium setzt er sich mit Reichsminister Goebbels in Verbindung, gegen 19 Uhr treffen sie sich im Ministerium. Goebbels lässt eine Verbindung zu Hitler in die Wolfschanze herstellen. Telefonisch erteilt der "Führer" Remer persönlich den Befehl: "Hören Sie mich? Ich lebe also! Das Attentat ist misslungen. Wir werden mit dieser Pest kurzen Prozess machen. Sie erhalten von mir den Auftrag, sofort die Ruhe und die Sicherheit in der Reichshauptstadt wiederherzustellen, wenn notwendig mit Gewalt." Remer hebt sofort die Abriegelung des Regierungsviertels auf und zieht alle seine Soldaten zusammen. Ein Vertrauter wird zum Bendlerblock geschickt, um die Angehörigen des Wachbataillons zu informieren.

Jetzt wissen Remer und Goebbels, wo das Verschwörerhauptquartier liegt.

Lesen Sie gegen 21 Uhr bei SPIEGEL ONLINE: Das Ende des Staatsstreichs

Was zuvor geschah:

Der Morgen: Bomben im Handgepäck
12 Uhr: Der Anschlag
13 Uhr: Flucht und Ungewissheit
15 Uhr: Operation Walküre läuft an




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