600 Durchsuchungen Großrazzia gegen Drogenrohstoff-Händler

Es ist eine der größten Razzien, die es je in Deutschland gab: Die Polizei durchsucht seit dem Morgen bundesweit mehr als 600 Wohnungen und Geschäftsräume. Zwei Männer sollen via Internet Chemikalien zur Drogenherstellung verkauft haben. An einem Einsatzort brauchten die Ermittler einen Lkw zum Abtransport.

Hamburg - Großrazzia gegen Drogenlabore und illegale Chemikalienhändler: Ermittler durchsuchen seit dem heutigen Mittwochmorgen 6.30 Uhr Hunderte Wohnungen und Firmenräume. "Wir sind mitten im Einsatz", sagt Ludwig Waldinger vom bayerischen Landeskriminalamt SPIEGEL ONLINE. In allen deutschen Bundesländern, Österreich und in der Schweiz rücken in diesen Stunden die Ermittler an. "Bisher haben wir rund 600 Objekte im Visier, aber es kommen während der einzelnen Durchsuchungen ständig neue Hinweise auf mögliche andere Konsumenten und Wiederverkäufer hinzu."

Ausgelöst wurde die Aktion durch einen Münchner und einen 39-Jährigen aus der Lüneburger Heide. Sie sollen im Internet Substanzen verkauft haben, die geeignet sind, Amphetamine und andere synthetische Drogen herzustellen. "Die vertriebenen Chemikalien selbst fallen nicht unter das Betäubungsmittelgesetz, aber die Produkte, die man daraus herstellen kann", sagt Waldinger.

Als Hauptverdächtiger wurde der Chemikalienhändler aus dem Großraum München festgenommen.

In welchen Städten die Ermittler zuschlugen, bleibt vorerst geheim. Nur so viel: Die Durchsuchungen fänden zumeist bei Kunden der beiden Internet-Händler statt und man habe bereits mehrere Labore entdeckt. "Bei einem davon brauchten wir zum Abtransport der sichergestellten Chemikalien sogar einen Lastwagen", sagt Christian Wacker vom Landeskriminalamt in München SPIEGEL ONLINE. "Wo genau das war und wie viele Tonnen es waren, darf ich nicht sagen. Aber es waren so viele Fässer, dass sie nur auf einem Lkw abtransportiert werden konnten."

Nach Angaben des bayerischen Landeskriminalamts sollen sie in erster Linie mit erheblichen Mengen des Reinigungsmittels Gamma-Butyrolacton GBL gehandelt haben. Die farblose Flüssigkeit werde im Körper von selbst in das gefährliche Rauschmittel GHB umgewandelt, sagt Waldinger vom LKA: "GHB kann starke Abhängigkeit verursachen. Süchtigen reicht eine Tagesdosis von drei Milliliter. Je nach Dosierung ist sie tödlich und hat in Deutschland auch bereits zu Todesfällen geführt." Die Droge löse wie andere auch einen "euphorischen Zustand aus und führt zu Gedächtnisschwund".

GHB wird daher auch als "Vergewaltigungsdroge" ("Rape Drug") oder "Liquid Ecstasy" bezeichnet. "Oft wird sie Frauen in der Disco ins Getränk gemischt. Nach dem Konsum werden die Frauen bei vollem Bewusstsein willenlos und werden sexuell missbraucht, können sich aber danach nicht mehr daran erinnern", erklärt Waldinger.

"Es wäre Frevel, wenn wir mehr Informationen herausgäben"

Das bayerische LKA und die Kripo Lüneburg arbeiten und ermitteln schon seit mehreren Monaten gemeinsam. Im Lüneburger Verfahren gebe es außerdem Hinweise auf den Handel mit Chemikalien für Sprengstoff, sagt Waldinger. Man habe bei der Razzia deshalb auch nach Laboren zur Herstellung von Sprengstoff im Visier gehabt. Bei dem 38-jährigen Verdächtigen handele es sich um einen Internet-Händler, der in der Lüneburger Heide ein Warenlager und eine Verkaufsstelle betreibe.

Details über die "längerfristigen Ermittlungen" wollte Stefan Budde von der Kriminalpolizei in Lüneburg noch nicht preisgeben. "So lange die Durchsuchungsmaßnahmen noch laufen, können wir nicht mehr verraten", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Es wäre Frevel, wenn wir zum jetzigen Zeitpunkt mehr Informationen herausgäben", sagt auch LKA-Sprecher Waldinger.

Das stark lösungsmittelhaltige GBL wird nach Angaben des LKA in Deutschland nur von einem Betrieb hergestellt: vom derzeit weltweit größten Chemiekonzern BASF in Ludwigshafen am Rhein. "Wenn man es in Deutschland erwirbt, muss man es von dort bezogen haben", sagt Waldinger. "GBL wird als ein Bestandteil für Reinigungsmittel wie beispielsweise Domestos verkauft. Ein Liter reicht bereits für große Mengen von Reinigungsmittel." Um Missbrauch zu vermeiden, müsse BASF private Käufer, die es zu Forschungszwecken oder ähnlichem benötigten, den Behörden melden.

Über detaillierte Ergebnisse der Razzia werden das LKA in München, die Kripo Lüneburg sowie die Staatsanwaltschaften München II und Verden am Donnerstag informieren.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.