"Costa Concordia"-Havarie Die seltsame Rolle der
Domnica C.

Eine junge Moldauerin könnte zur wichtigen Zeugin bei den Ermittlungen zum "Concordia"-Unglück werden. Domnica C. war während der Havarie auf der Kommandobrücke - angeblich um Durchsagen zu übersetzen. Die 25-Jährige bestreitet, Kapitän Schettinos Geliebte zu sein.

REUTERS/ Zhurnal TV

Giglio - Domnica C. könnte bei der Untersuchung des "Costa Concordia"-Unglücks eine entscheidende Rolle spielen. Die 25-Jährige Moldauerin war mit Kapitän Francesco Schettino auf der Brücke des havarierten Schiffes. C. wurde nach eigener Aussage dorthin gerufen, um bei der Evakuierung zu helfen. Sie habe Schettinos Befehle übersetzt, sagte sie - und nahm den Kapitän in Schutz. Er habe unermüdlich gearbeitet und "mehr als 3000 Menschenleben gerettet". Erneut verteidigte C. den Kapitän gegen Vorwürfe, er habe sein Schiff und die Passagiere im Stich gelassen. "Er hat großartige Dinge getan", sagte sie dem moldauischen Fernsehsender Zhurnal TV.

C. erklärte weiter, sie sei als Gast des Kreuzfahrtunternehmens auf dem Schiff gewesen, für das sie kurz zuvor als Hostess gearbeitet habe. Während des Abendessens habe sich dann das Unglück ereignet.

Spekulationen, sie und Schettino hätten ein Verhältnis gehabt, wies sie zurück. "Ich bin nicht Kapitän Schettinos Geliebte", sagte C. der Zeitung "Corriere della sera". "Wissen Sie warum? Er zeigt jedem ein Foto von seiner Tochter, als sie klein war. Ein Mann, der eine Geliebte will, würde das nicht tun."

War Schettino mit Domnica C. im Restaurant?

Staatsanwalt Francesco Verusio gab unter Hinweis auf die laufenden Ermittlungen keinen Kommentar zur Frage ab, ob C. als Zeugin vorgeladen werde. Auf C. richtet sich auch deswegen so viel Aufmerksamkeit, weil Schettino mit einer blonden Frau am Abend des Unglücks gespeist haben soll. Ob es sich bei der Frau im Restaurant um C. handelt, ist unklar.

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"Costa Concordia": Eine potentielle Zeugin und viele offene Fragen
"Es stimmt, dass bei der Kollision des Schiffes mit dem Felsen ein paar Offiziere an unserem Tisch im Restaurant auf Deck 3 saßen", sagte Domnica C. "Corriere della sera". Es stimme aber nicht, dass Schettino bei ihnen gewesen sei. Der Kapitän sei nur vorbeigegangen und habe hallo gesagt - das sei aber mindestens eine halbe Stunde vor der Kollision gewesen.

Eine Kellnerin sagte über Schettino: "Ich habe ihn im Restaurant gesehen. Er war mit einer blonden Frau dort. Er sah nicht betrunken aus." Das empfand der Passagier Angelo Fabbri laut "La Repubblica" ganz anders: Der Kapitän habe "viel getrunken".

Frau spricht von "heldenhaften Anstrengungen"

Die 25-jährige C. spricht Russisch. Sie sei während der Havarie zur Kommandobrücke beordert worden, um Anweisungen für Passagiere, insbesondere Russen, zu übersetzen, sagte sie. Als die Lichter ausgegangen seien und die Passagiere geschrien hätten, habe ihr ein Offizier gesagt, sie solle ihn zur Kommandobrücke begleiten. Dort sei sie natürlich in der Nähe Schettinos gewesen - sie habe übersetzt, was er sagte. "Gehen Sie zu Ihren Kabinen zurück, es handelt sich um eine elektrische Panne." Den letzten Satz habe sie mindestens zehnmal wiederholt.

"Unsere Kollegen machten Durchsagen, weil es ein Problem mit der Stromversorgung gab. Es war sehr dunkel auf dem Schiff", sagte sie der moldauischen Zeitung "Adevarul". "Ich blieb auf der Brücke für den Fall, dass der Kapitän mich für eine Durchsage braucht." 20 weitere Crewmitglieder hätten über Lautsprecher Instruktionen gegeben.

Tatsächlich wurden Durchsagen gemacht, es gebe einen Stromausfall. "Sie sagten uns, wir sollten sagen, dass es Probleme mit der Elektrik gebe und dass unsere Techniker daran arbeiten", sagte ein Besatzungsmitglied aus Frankreich. "Ich sagte zu mir: 'Das hört sich nicht gut an.'" Er habe irgendwann begonnen, Passagiere zu Rettungsbooten zu begleiten - auf Anweisung seines Vorgesetzten, aber nicht auf Anweisung von der Brücke. Eine Kellnerin auf dem Schiff sagte, der Notfallalarm sei sehr spät ausgelöst worden - "zu dem Zeitpunkt hatte das Schiff schon Schlagseite und Wasser drang ein".

C. beschrieb auch die nach ihrer Aussage "heldenhaften Anstrengungen" der Crew, Passagiere zu retten. "Wir haben nach ihnen gesucht, wir hörten Weinen, Schreie in vielen Sprachen." Sie habe nichts sehen können. "Ich hörte, wie das Schiff ächzte", schrieb sie auf Facebook.

Sucharbeiten unterbrochen

Die "Costa Concordia" befindet sich vor der Insel Giglio in prekärer Lage. Am sechsten Tag nach der Unfall wurde nach offiziellen Angaben kein weiterer Mensch gefunden. Immer noch werden mehr als 20 Menschen vermisst.

Am Freitagmorgen stellten Helfer die Rettungsarbeiten an der "Costa Concordia" vorerst ein. Das havarierte Schiff habe sich zuvor bewegt, teilte Feuerwehrsprecher Luca Cari mit. Die Rettungseinheiten wollen nun die Situation analysieren und über weitere Schritte beraten. Cari konnte nicht sagen, wie viel sich das Schiff bewegt hatte. Der Seegang vor der Insel Giglio war rau. Laut Vorhersagen soll sich das Wetter im Laufe des Tages verschlechtern.

Die Eignergesellschaft des Schiffes, der US-Konzern Carnival, will die Sicherheitsvorkehrungen auf allen seinen Kreuzfahrtschiffen überprüfen. "Diese Tragödie stellt die Sicherheits- und Notfall-Prozeduren unserer Firma in Frage", sagte Firmenchef Micky Arison in Miami. Die Federführung bei der Überprüfung der Notfall-Richtlinien übernimmt der ehemalige Navy-Kapitän James Hunn, der nach einer 32-jährigen Karriere in der US-Kriegsmarine bei der weltgrößten Kreuzfahrt-Reederei angeheuert hatte. Auch externe Experten sollen einen Blick auf die Sicherheitsvorkehrungen werfen. Zu Carnival gehören mehr als hundert Schiffe, die unter eigenem und dem Namen diverser Tochtergesellschaften fahren, darunter der italienischen "Costa Cruises".

ulz/Reuters/dpa



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