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»ABSTECHER INS PARADIES«

aus DER SPIEGEL 21/1995

SPIEGEL: Monsieur Urbain, sind Sie ein Tourist?

Urbain: Selbstverständlich. Mir wurde das klar, als ich an einem Buch über unser Bild vom Tod arbeitete und mir dafür viele europäische Friedhöfe ansah. Zunächst kam ich mir dabei vor wie ein bedeutender Entdecker. Irgendwann aber bemerkte ich all die anderen Touristen, die auf den wunderschönen Friedhöfen herumspazierten - offenbar hielten auch die sich für ganz besondere Wesen. Mir jedenfalls wurde klar: Ich bin Tourist wie alle anderen auch.

SPIEGEL: Eine Enttäuschung?

Urbain: Natürlich habe ich mich geärgert. Der Friedhofsforscher Urbain ist nur ein einfacher Tourist! Aber letztlich verbindet Ethnologen und Touristen sehr viel: Beide müssen sich ihrer Umgebung anpassen, beide müssen erkennen, daß sie nichts anderes sind als neugierige Menschen auf Reisen.

SPIEGEL: Haben Sie sich nie über Ihre Mit-Touristen geärgert?

Urbain: Und wie! Ich empfand sie als Eindringlinge, überflüssig und nervend. Doch die Weisheit, die uns der Tourismus lehrt, heißt: Lernt, euch den Raum zu teilen. _(Das Gespräch führten die Redakteure Lutz ) _(Krusche und Claudia Pai. )

SPIEGEL: Sie beklagen, daß der Tourist als »plattfüßiger Nomade« verspottet wird. Warum verachten wir den armen Teufel so?

Urbain: Touristen sind monströse Spiegelbilder von uns selbst. Sie führen uns vor, wie tölpelhaft wir uns in der Fremde bewegen. Wer sieht sich schon gern derart bloßgestellt? Man ist konfrontiert mit seiner eigenen Karikatur, und das millionenfach. Scheußlich!

SPIEGEL: Für die meisten Reisenden ist der Tourist immer nur der andere. Warum schämen wir uns dazuzugehören?

Urbain: Der Tourist ist eine Persönlichkeit mit starken Minderwertigkeitskomplexen. Für seine Reise kann er keinen gewichtigen Grund anführen, im Gegensatz zu Diplomaten, Wissenschaftlern oder Geschäftsleuten. Der Tourist hat nur die Neugierde als Reisegrund. Er hat kein Alibi.

SPIEGEL: Und so beschafft er sich eines, indem er sich zu einem ganz besonderen Reisenden erklärt?

Urbain: So ist es. Und der Tourist findet viele Argumente, um sich von seinesgleichen abzugrenzen - weil er ein intelligenter Reisender ist, weil er das Hotel in der Straße Sowieso kennt oder diese besonders schöne barocke Kirche im Ort Ypsilon. Immer nach dem Motto: Ich bin das einfühlsame Individuum, die anderen die dumpfe, willenlose Masse.

SPIEGEL: Sie finden diesen Wunsch nach Abgrenzung lächerlich?

Urbain: Es herrscht Konkurrenzdenken wie in jedem anderen sozialen Bereich, das geht bis zum Haß auf den Nachbarn. Ständig gibt es neue Urlaubsziele und -formen: mal die Berge, mal das Meer, mal Kultur, dann wieder Sport. Vor drei, vier Jahren mußte jeder Franzose, der sich für schick hielt, in Miami gewesen sein. Das führte zu Betriebsausflügen nach Florida, und jetzt will da keiner mehr hin.

SPIEGEL: Ihr Buch »Der Idiot des Reisens« ist, anders als der Titel suggeriert, eine Verteidigung des Touristen. Warum haben Sie ihn zum Helden gemacht?

Urbain: Ich möchte, daß Touristen aufhören, sich zu verachten. Sie sind nützliche, kreative, erfinderische Wesen. Dem Tourismus ist es etwa zu verdanken, daß Wohnwagen, Dampfloks oder Kanus wiederbelebt wurden; alte Transportmittel, die sonst verschwunden wären. An den schlimmen Fehlern der Tourismusindustrie ist nicht der einzelne Tourist schuld, meist ist er selbst Opfer dieser Industrie. Wer den Touristen kritisiert, schießt auf den Falschen.

SPIEGEL: Im Tourismus, behaupten Sie, werden soziale Schlachten geschlagen: Seit seinem Auftauchen vor 180 Jahren stürmt der Tourist die Bastionen der privilegierten Reisenden - gegen deren erbitterten Widerstand. Welche Kampfmittel benutzen sie?

Urbain: Sie suchen nach neuen Reisezielen, sie brechen mit dem traditionellen Ferienrhythmus. Sie fahren dann los, wenn die anderen zu Hause bleiben. Oder sie besuchen ein Land gerade dann, wenn dort Krieg ist, manche reisen beispielsweise in den Jemen, mitten ins Kampfgebiet. Alles Versuche, sich vom verachteten Touristen abzugrenzen.

SPIEGEL: In Deutschland gibt es Zoff um Billigtickets der Bahn, mit denen Durchschnittsverdiener nun Sylt, die Insel der Reichen, ansteuern. Die Sylter fordern die Erhöhung der Bahnpreise.

Urbain: Ähnliches ist auf der Insel Capri passiert. Dort hat man die Hotelpreise erhöht. In einigen Gegenden Irlands hat man die Straßen absichtlich verkommen lassen, damit nur noch die ganz Hartnäckigen kommen. An der Cote d''Azur sorgen schon die hohen Mieten für Ferienwohnungen dafür, daß ein Teil der Cote für Reiche reserviert bleibt.

SPIEGEL: Bei Saint-Tropez gebärden sich reiche Anwohner als Umweltschützer. Sie behaupten, sie wollten die Landschaft retten, aber sie wollen nur verhindern, daß andere nachziehen.

Urbain: Es geht diesen Leuten darum, ihr soziales Milieu zu retten. Der Naturschutz ist ein Alibi, das auch noch politisch korrekt ist.

SPIEGEL: Und Sie finden die Abgrenzungsversuche von überheblichen Reisenden interessant?

Urbain: Ich finde manche Einfälle spannend, weil sie mit der Lust auf das Geheimnisvolle zu tun haben, mit der Lust auf Verbotenes und Gefahr.

SPIEGEL: Abenteuerferien oder den organisierten Gefängnisurlaub gibt es längst. Wohin zieht es Ihre Forschungsobjekte?

Urbain: Zum Beispiel unter die Erde: Einige Spinner verbringen ihren Urlaub in den Katakomben, in alten Stollen, in der Kanalisation von Paris. Andere _(* Im Nationalpark Timanfaya auf ) _(Lanzarote. ) spielen Privatdetektiv, suchen sich am Bahnhof oder Flughafen einen Unbekannten und beschatten ihn, egal, wohin er reist.

SPIEGEL: Ist das nicht eher ein ziemlich verkrampfter Versuch, originell zu sein?

Urbain: Nein. Diese Tourismusformen greifen nur eine alte Reisetradition auf. Die Menschen machten ein großes Geheimnis aus ihren Routen. Wenn sie zurückkamen, präsentierten sie sich als große Entdecker, erzählten von ihren Erlebnissen oder schrieben Reiseberichte, die niemand nachprüfen konnte.

SPIEGEL: Lange her. Heute ist Reisen ein Massenvergnügen. Im Jahr 2000 werden, so Schätzungen, 800 Millionen Menschen weltweit verreisen . . .

Urbain: . . . mit verheerenden Folgen wie Sextourismus, Bauboom und Umweltzerstörung. Aber manchmal helfen gerade die Touristen, daß die Einheimischen wieder zu ihrer kulturellen Identität zurückfinden. Auf Bali haben die Menschen ihre vom Verfall bedrohten Tempel, ihre alten Städte, ihre Religion neu entdeckt, weil die Europäer und Australier sich dafür interessierten. Amerikanische Anthropologen haben das gleiche Phänomen bei Indianerstämmen Nordamerikas, den Hopis und Navajos, beobachtet.

SPIEGEL: Und daraus machen die Reisebüros ein Geschäft: Urlaub beim Indianer, Zelt und Lagerfeuer inklusive . . .

Urbain: . . . meinetwegen auch gemeinsames Tanzen und Marterpfahlschnitzen, na und? Der Tourismus hat den Indianern geholfen, sich ihrer Traditionen wieder bewußt zu werden.

SPIEGEL: Hans Magnus Enzensberger sagt, wer reist, will seiner eigenen Lebenswirklichkeit entkommen - doch die Flucht sei zum Scheitern verurteilt, weil das Rückflugticket schon in der Tasche stecke.

Urbain: Enzensberger irrt, denn Reisen verändert den Menschen. Der Schriftsteller Paul Morand hat einmal gesagt, man könne gar nicht weit genug fahren, um zu sich zurückzufinden - das heißt, das Fremde kennenzulernen und das Bekannte aus einer neuen Perspektive zu sehen.

SPIEGEL: Für Sie ist Robinson Crusoe der Archetyp des Reisenden, Phileas Fogg, Jules Vernes Held im Roman »In 80 Tagen um die Welt«, der Archetyp des Touristen. Crusoe wird Teil der Fremde. Fogg bleibt der Fremde. Welches Modell gefällt Ihnen besser?

Urbain: Ich mag beide, aber sie haben beide Nachteile. Robinson Crusoe hat das Vergnügen an der Unbeweglichkeit entdeckt. Man vergißt viel zu oft, daß man reisen kann, um stillzustehen. Phileas Fogg dagegen ist besessen vom Dämon der Mobilität. Er sammelt Länder, um seine Wette zu gewinnen, doch im Grunde interessiert er sich gar nicht für die Welt. Aber Fogg läßt sie auch, wie sie ist, während Crusoe versucht, die Fremde zu beherrschen. Denken Sie nur an Freitag.

SPIEGEL: Inzwischen wissen Wissenschaftler mehr über Touristen, als daß man sie in die Kategorien »Crusoe« und »Fogg« einteilen kann.

Urbain: Aus rein wirtschaftlichem Interesse haben vor allem Franzosen und Briten angefangen, sich für den Touristen zu interessieren. Der Tourismus bringt in Frankreich mehr Geld ein als Landwirtschaft und Fischerei zusammen. In Deutschland hingegen ist die Bilanz negativ: Weniger Ausländer machen dort Urlaub, und die Deutschen selbst fahren lieber ins Ausland. Deshalb gibt es auch keine besondere Tourismusforschung in Deutschland.

SPIEGEL: Und sie beschränkt sich in erster Linie auf Umfragen: Da wird dann untersucht, wie viele Deutsche »Naturnähe« suchen . . .

Urbain: Was nützt das? Was Leute in Umfragen sagen und was sie dann tatsächlich tun, stimmt selten überein.

SPIEGEL: Welchen Grund gibt es dafür?

Urbain: Fragen Sie Franzosen, was sie im Urlaub machen wollen, und Sie bekommen zur Antwort: »Ich möchte Museen und andere Sehenswürdigkeiten besichtigen.« Tatsächlich werden sie vor Ort nichts dergleichen unternehmen . . .

SPIEGEL: . . . weil sie in Saint-Tropez am Strand liegen.

Urbain: Genau. Andere sagen, sie würden Massenquartiere wie La Grande Motte in Südfrankreich meiden, und fahren doch dahin, weil sie sich finanziell nichts anderes leisten können.

SPIEGEL: Da könnten sie genausogut zu Hause bleiben.

Urbain: Das sehe ich anders. Solche Ferienstädte sind ein soziales System, in dem sich ständig Leute treffen und kennenlernen. Das ist eine richtige Urlaubsgemeinschaft.

SPIEGEL: Aber die Urlauber könnten, wenn sie nicht zur Hauptsaison reisen, ganze Strände für sich allein haben.

Urbain: Beim Anblick eines total leeren Badeorts wären die meisten doch konsterniert oder sogar erschrocken. Urlauber wollen Menschen um sich herum haben - auch wenn sie die anderen lauthals zum Teufel wünschen.

SPIEGEL: Bis heute ist der Strand das Traum-Reiseziel. Sand und Sardinengefühle, Hitze und die Gefahr von Hautkrebs, darauf reduzieren dagegen Tourismuskritiker den Badeurlaub. Wer hat recht?

Urbain: Oberflächlich betrachtet haben die Kritiker recht. Das Strandleben wirkt monoton und ereignislos. Tatsächlich aber passiert dort eine Menge. Das ist wie bei den Milben im Teppich: Von weitem sieht man sie nicht, von nahem wimmelt es nur so vor Ereignissen und Begegnungen. Am Strand versammeln sich die Leute, entdecken das Vergnügen des Zusammenlebens - als Paar, in der Familie oder mit Freunden.

SPIEGEL: Gerangel beim Kampf um den Platz fürs Badelaken, Streit um den Sonnenschirm, das Radio des Nachbarn dröhnt . . .

Urbain: Das sind Klischees. Der Strand erlaubt einen Abstecher ins Paradies: keine professionellen Verpflichtungen, keine Zeitzwänge, keine belastenden Probleme. Statt dessen Entspannung, unverbindliche Kontakte, freundschaftliche Beziehungen. Der Urlauber spielt glückliches Beisammensein, obwohl er genau weiß, daß diese Geselligkeit nur von kurzer Dauer ist. Am Strand dreht man der Welt den Rücken zu und blickt in die Leere. Das ist Zen.

SPIEGEL: Wollen denn wirklich alle an den Strand?

Urbain: Es gibt verschiedene Typen. Ich glaube, das hängt auch mit dem nationalen Charakter zusammen. Der Franzose bleibt am liebsten im eigenen Land. Für den Belgier aus Brüssel ist bereits eine Reise in die nahe französische Bretagne ein Ereignis. Dem Deutschen kann es gar nicht oft genug in die Ferne gehen.

SPIEGEL: Ist das nicht zu pauschal? Der eine Deutsche will zum Beispiel die französische Küche entdecken, der andere auch auf den Kanaren westfälische Mettwurst mampfen.

Urbain: Der Unterschied liegt darin, daß der eine Neues entdecken will, der andere inmitten einer fremden Kultur so leben will wie zu Hause. Diese Typen gibt es natürlich in jedem Land. Deutsche wollen auf Mallorca ihre Bockwurst, Engländer verlangen Fish and Chips. Auf der Insel Rhodos gibt es ein reines Dänen-Viertel, in dem zu dänischen Essenszeiten serviert wird.

SPIEGEL: Der Japaner will sein Sushi, wenn er nicht gerade fotografiert . . .

Urbain: In jedem Klischee steckt ein Stück Wahrheit und ein Stück Verleumdung. Die japanische Fotomanie unterscheidet sich vom deutschen Knipsen. Japanische Touristen sind sehr systematisch. Sie wollen Spuren einer fremden Welt mit nach Hause nehmen. Im Mittelpunkt des europäischen Urlaubsfotos dagegen stehen fast immer Menschen - Kinder, Verwandte, Freunde.

SPIEGEL: Um zum Ferienziel zu kommen, besteigt fast jeder dritte Deutsche das Flugzeug - und erreicht sein Ziel, ohne die Erfahrung des Reisens und der Entfernung gemacht zu haben. Müssen wir die Langsamkeit wieder entdecken?

Urbain: Nein. Wir glorifizieren die Reisen der Vergangenheit. Ich wette, daß jeder, der in einer Reisekutsche seinem Ziel entgegenholperte, begeistert ins Flugzeug umgestiegen wäre.

SPIEGEL: Für den Fischer von der Algarve ist Reisen unerreichbarer Luxus. Die Rollen von Besucher und Besuchtem sind selten umkehrbar. Ist Tourismus, wie die 68er behaupteten, noch immer eine Form des Imperialismus?

Urbain: Wenn ein Reifenhersteller oder eine Druckerei sich in Schwarzafrika niederläßt, zerstören sie durch die Besiedlung die Region, durch die industrielle Arbeit die alten Traditionen. Da scheint mir der Tourismus weniger gefährlich als manche Industrieverlegung. Das eigentliche Problem ist die wirtschaftliche Ungleichheit: Die Touristen führen Konsumverhalten in Gesellschaften ein, die an Armut leiden und sich diesen Luxus nicht leisten können.

SPIEGEL: Land und Leute kennenzulernen ist vor allem Wunsch des Alternativ-Touristen. In der Realität nervt er die Einheimischen - und ist oft ein schlimmerer Naturzerstörer als der Neckermann-Urlauber, der in seiner Bettenburg bleibt. Was ist denn nun ein moralisch korrekter Urlaub: die Pauschal- oder die Individualreise?

Urbain: Wissenschaftler sprechen vom integrierten und vom Enklave-Touristen. Der erste Typ, dazu zählt auch der alternative Rucksack-Reisende, stellt im Grunde kein Problem für die Einheimischen dar. Schwieriger wird es mit dem zweiten, der im abgeschlossenen, luxuriösen Ferienlager lebt. Dieser Urlauber hat eine hochmütige Festungsmentalität. Einheimische kennt er nur als Bedienstete. Er ist ein Ausbeuter - und deshalb wird er ebenfalls ausgebeutet.

SPIEGEL: Welche Sprengkraft trauen Sie dem Tourismus zu, der Menschen aus unterschiedlichen Systemen zusammenbringt?

Urbain: Ich glaube, daß der Tourismus sogar totalitäre Regime ins Wanken bringen kann. Vermutlich würde selbst Fidel Castro diese These bestätigen. Warum sonst hat er auf seiner Insel zwei Welten geschaffen? Hotels für Kubaner und Hotels für Touristen, Märkte für Kubaner und Märkte für Touristen. Vielleicht ist der Tourismus die stärkste Waffe gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. Wer sieht, wie andere denken, hält sich nicht länger für den Nabel der Welt. Eine Welt ohne Tourismus wäre wie ein Archipel mit verschiedenen Volksgruppen, die nichts voneinander wüßten. Die Welt wäre ohne den Touristen ärmer.

SPIEGEL: Herr Urbain, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y

Das Gespräch führten die Redakteure Lutz Krusche und Claudia Pai.* Im Nationalpark Timanfaya auf Lanzarote.

Lutz Krusche, Claudia Pai
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