Absturz in Queens Fehlerhafter Turbinentyp in rund 1000 Flugzeugen?

Einen Tag nach dem Airbus-Absturz im New Yorker Stadtteil Queens deutet weiterhin alles auf einen Unfall hin. Die Ermittler gehen bisher von einem mechanischen Fehler im Triebwerk aus. Turbinen dieses Typs sind weltweit in mehr als tausend Flugzeuge eingebaut.


Feuerwehrleute an der Unglücksstelle
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Feuerwehrleute an der Unglücksstelle

New York - Wie bekannt wurde, stellte die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA bereits im vergangenen Monat Sicherheitsmängel an Triebwerken des Typs CF6-80C2 fest, mit denen auch die Unglücksmaschine von Queens bestückt war. Die Behörde hatte eine Inspektion dieser Turbinen empfohlen.

Die FAA-Notiz vom 5. Oktober war das Ergebnis monatelanger Untersuchungen des CF6-80C2-Triebwerks, das weltweit in mehr als tausend Flugzeuge eingebaut ist, darunter auch der US-Präsidentenjet "Air Force One". Die Luftverkehrsbehörde hatte die Inspektionen auf Grund von Berichten über Triebwerksfehler im Frühjahr 2000 veranlasst. Dabei wurde laut FAA ein "unsicherer Zustand" festgestellt. General Electric (GE), der Mutterkonzern des Triebwerkherstellers, erklärte, alle Reparaturanweisungen der Regierung seien eingehalten worden. Das Triebwerk habe als absolut zuverlässig gegolten. Seit 1984 hat GE hat 2954 Triebwerke des betroffenen Typs gebaut. Das linke Triebwerk, das nach bisherigen Erkenntnissen bei dem am Montag abgestürzten Airbus A300 versagte, wurde erst kürzlich gewartet.

Keine fremden Geräusche auf Stimmrekorder

Der zwischenzeitlich geborgene Stimmenrekorder der verunglückten Maschine zeichnete nach Angaben der Verkehrssicherheitsbehörde (NTSB) nichts Auffälliges auf. "Es gibt (auf dem Stimmenrekorder) keine fremden Geräusche oder Dinge, die wir nicht mit der normalen Flugzeugumgebung in Verbindung bringen würden", sagte NTSB-Ermittler George Black im Fernsehsender CBS. In einem anderen Interview schränkte er aber ein, die Aufzeichnungen schlössen Sabotage nicht aus. Bislang gebe es zwar keine Beweise dafür, aber die Möglichkeit müsse weiter in Betracht gezogen werden.

Das Weiße Haus erklärte, zwischen dem Piloten und dem Kontrollturm des JFK-Flughafens habe es keine ungewöhnlichen Gespräche gegeben. Auch die Geheimdienste hätten keinerlei Hinweise auf glaubwürdige Drohungen gegen den Flugverkehr.

US-Außenminister Colin Powell hatte zuvor gesagt, dass es sich "offenbar um einen Unfall" gehandelt habe. Alle bei ihm eingegangenen Berichte deuteten darauf hin, teilte Powell dem Uno-Sicherheitsrat mit. Auch die Vorsitzende der Verkehrssicherheitsbehörde NTSB, Marion Blakey sagte, dass ihre Behörde bisher von einem Unfall ausgehe. Entsprechend werde der Absturz der Maschine auch untersucht. Dennoch würden auch ein Terror- oder Sabotage-Akt sowie eine kriminelle Handlung bis zur endgültigen Klärung der Absturzursache nicht ausgeschlossen, hieß es.

265 Leichen geborgen

Bislang wurden 265 Leichen geborgen. Wie die Polizei weiter mitteilte, wurden mindestens sechs Personen vermisst. Helfer suchten in den Trümmern nach Opfern. Sechs Wohnhäuser wurden weitgehend zerstört, sechs weitere schwer beschädigt. Die Polizei rief Angehörige auf, DNS-Material zur Verfügung zu stellen, um bei der Identifizierung der Opfer zu helfen.

Der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani sagte nach einer Besichtigung der Absturzstelle im Stadtteil Queens: "Ich glaube nicht, dass es Überlebende gibt." An Bord des verunglückten Airbus A300-600 der Fluggesellschaft American Airlines waren nach offiziellen Angaben 251 Passagiere und neun Besatzungsmitglieder. Die Fluggesellschaft hatte zunächst von 246 Passagieren gesprochen, die Zahl aber später korrigiert. Bei den weiteren Opfern handelt es sich um Kinder, die auf den Schößen ihrer Eltern saßen.

Der Airbus A300-600 der Fluggesellschaft American Airlines war um 9.14 Uhr Ortszeit auf dem New Yorker John-F.-Kennedy-Flughafen gestartet. Drei Minuten später stürzte die Maschine über dem direkt an der Küste gelegenen Ortsteil Rockaway des New Yorker Stadtteils Queens ab. Die Maschine mit der Flugnummer AA 587 war auf dem Weg von New York in die Hauptstadt der Dominikanische Republik, Santo Domingo. Der dominikanische Präsident Hipólito Mejía sagte, an Bord der Unglücksmaschine seien etwa 150 Passagiere aus seinem Land gewesen.

Heck der Maschine aus dem Meer geborgen

Flugzeugabsturz in Queens: Feuersbrunst am Rockaway
AP

Flugzeugabsturz in Queens: Feuersbrunst am Rockaway

Der Airbus ist nach Angaben von Bürgermeister Rudolph Giuliani in mehrere Teile zerbrochen. Vier Teile, darunter ein Triebwerk, seien über dem Stadtteil Queens niedergegangen. Ein Teil eines Flügels sei über dem Meer in der Jamaica Bay abgestürzt. Das Heck der Maschine wurde am Nachmittag aus dem Wasser geborgen.

Giuliani rief die seit den Anschlägen vom 11. September nervöse New Yorker Bevölkerung auf, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Die Menschen sollten das Ergebnis der Untersuchung abwarten und ihr Leben ganz normal weiterführen. Der Noch-Bürgermeister sprach davon, die Stadt sei ein weiteres Mal einer schweren Prüfung unterzogen. Sie werde jedoch auch diese Prüfung bestehen.

Augenzeugen: "Explosion in der Luft"

Nach dem Absturz berichteten mehrere Augenzeugen, dass einzelne Trümmer vom Himmel gefallen seien. Andere sprachen von einer Explosion auf der rechten Seite des Flugzeuges.

Queens: Absturz im Vorort Rockaway
SPIEGEL ONLINE

Queens: Absturz im Vorort Rockaway

Bei der abgestürzten Maschine handelte es sich nach Angaben von American Airlines um einen 13 Jahre alten Airbus 300-600. Das linke Triebwerk, das nach bisherigen Erkenntnissen versagte, wurde erst kürzlich gewartet.

Die Absturzstelle war stundenlang in dichten Qualm gehüllt. Insgesamt waren an den Bergungsarbeiten über tausend Rettungskräfte, Feuerwehrleute und Polizisten beteiligt. Dutzende Feuerwehrfahrzeuge waren vor Ort, um die Brände einzudämmen.

Die Unglücksstelle befindet sich am äußersten Rand des Stadtteils Queens auf Long Island. Einer Gegend, die von kleineren mehrstöckigen Gebäuden und Einfamilienhäusern dominiert wird. Wegen des "Veterans Day", eines Gedenktages an die Toten der Kriege, waren ungewöhnlich viele Menschen zu Hause.



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