Abzug der Briten aus Nordirland Ende eines dunklen Kapitels

Um Mitternacht geht in Nordirland der längste Kampfeinsatz in der Geschichte der britischen Armee zu Ende. Nach 38 Jahren übernimmt die Polizei wieder die Verantwortung für die Sicherheit in der Krisenprovinz. Doch der Rückzug ist keine Reaktion auf den Friedensprozess.

Von Ralf Sotscheck, Dublin


Dublin - Der frühere Armeechef, General Michael Jackson, sagte, es sei nicht nur der längste, sondern auch einer der wichtigsten Einsätze gewesen. "Einer der ganz wenigen auf britischem Boden", fügte er hinzu, "und einer der ganz wenigen, die von den bewaffneten Kräften eines entwickelten Landes gegen irreguläre Kräfte zu einem erfolgreichen Ende gebracht worden sind."

Ein britischer Soldat beim Überwachen eines Oranier-Umzugs 1999: Es konnte keine militärische Lösung geben
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Ein britischer Soldat beim Überwachen eines Oranier-Umzugs 1999: Es konnte keine militärische Lösung geben

Ein Soldat vom Rang Jacksons muss die Rolle der Armee wohl beschönigen. Denn mit der Realität hat seine Einschätzung wenig zu tun. Der britische Militäreinsatz in Nordirland war nicht erfolgreich. Die Armee wurde rasch zum Teil des Problems.

Der Sommer 1969 war von schweren Auseinandersetzungen geprägt. Mit Religion hatte das nichts zu tun. Die Bürgerrechtsbewegung hatte gleiches Wahlrecht sowie gerechte Wohnungs- und Jobvergabe gefordert. Bis dahin durften bei Kommunalwahlen nur Hausbesitzer wählen, und das waren überwiegend Protestanten.

Viele von ihnen waren bereit, ihre Privilegien gewaltsam zu verteidigen. Ihre Milizen, unterstützt von der fast ausschließlich protestantischen Polizei, überfielen katholische Viertel, bis deren Bewohner Barrikaden errichteten. Am 14. August 1969 entsandte die Londoner Regierung Truppen nach Nordirland, um die beiden Seiten zu trennen.

Krieg mit 3500 Toten

Die "Operation Banner", so glaubte man, würde nur wenige Monate dauern. Die Soldaten wurden von der katholischen Minderheit zunächst freudig begrüßt, hielt man sie doch für neutral. Doch die Flitterwochen währten nicht lange. Schon bald wurde klar, dass die Armee den Status quo verteidigen sollte, und zwar mit allen Mitteln. Heute weiß man, dass der Geheimdienst der Armee Agenten beschäftigt hat, die mit Hilfe ihres Führungspersonals an Morden, Waffenschmuggeleien und Bombenanschlägen beteiligt waren. Es ist eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der britischen Armee.

Unter diesen Voraussetzungen erhielt die Irisch-Republikanische Armee (IRA), die Ende der sechziger Jahre nur noch als Veteranenverein existierte, frischen Zulauf. Der Konflikt eskalierte. In seinem Verlauf sind mehr als 3500 Menschen ums Leben gekommen, 763 Soldaten wurden getötet, die meisten von der IRA. Der letzte, der starb, war Stephen Restorick, der im Februar 1997 von einem IRA-Heckenschützen erschossen wurde, obwohl der Friedensprozess damals bereits weit fortgeschritten war. Die Erkenntnis, dass es keine militärische Lösung für den Konflikt geben konnte, hatte sich schon Mitte der achtziger Jahre sowohl bei der britischen Regierung, als auch bei der IRA durchgesetzt.

Die daraus resultierenden Verhandlungen, die anfangs geheim geführt wurden, mündeten am Karfreitag 1998 in das Belfaster Abkommen, das eine Regionalregierung unter Beteiligung aller Parteien vorsah - auch der politischen Flügel der paramilitärischen Organisationen. Doch es dauerte weitere neun Jahre, bis eine stabile Regierung zustande kam. Ausgerechnet die Erzfeinde von Sinn Féin ("Wir selbst"), dem politischen Flügel der IRA, und der Democratic Unionist Party des radikalen Protestantenpfarrers Ian Paisley einigten sich im Mai diesen Jahres auf eine Machtteilung, nachdem sich die IRA quasi aufgelöst hatte.

Sondergerichte und Sondergefängnisse

Oberst Wayne Harber, der Kommandant der britischen Truppen in Nordirland, sagte am Wochenende: "Für uns war das kein Krieg. Wir haben nicht unsere gesamten Mittel eingesetzt, und der Einsatz war von begrenzter Dauer. Was wir im Irak gemacht haben - das ist ein Krieg. Das hier ist lediglich ein Konflikt." Aber man hat ihn wie einen Krieg behandelt. Die Terroristen wurden mit Hilfe von Sondergesetzen von Sondergerichten ohne Geschworene verurteilt und in Sondergefängnisse gesteckt.

1972 waren 27.000 Soldaten in Nordirland stationiert, insgesamt wurden 300.000 Mann eingesetzt. Seit dem Friedensprozess sank die Zahl stetig, zum Schluss waren es noch 10.500. Davon bleiben 5000 in Nordirland, aber sie übernehmen keine Polizeiaufgaben mehr. Die Wachtürme im Grenzgebiet sind abmontiert, die Bessbrook-Kaserne, eine der größten auf den britischen Inseln, ist geschlossen, das Royal Irish Regiment der britischen Armee ist aufgelöst.

Die Situation in Nordirland sei für solche Maßnahmen stabil genug, lautet die offizielle Begründung. In Wirklichkeit ist es der Mangel an Rekruten. Mehr als 12.000 Soldaten sind in Afghanistan und im Irak stationiert. In einem geheimen Memorandum des britischen Oberkommandanten General Richard Dannatt, das der Presse zugespielt wurde, heißt es, die Armee sei überstrapaziert: "Wir haben nicht das Potential, um auf unerwartete Situationen zu reagieren."

Einer der höchsten britischen Soldaten in Nordirland, Generalleutnant Nicholas Parker, sagte, die Truppenreduzierung werde in Nordirland weitergehen, bis das Niveau von Glasgow oder Yorkshire erreicht sei. "In fünf Jahren sollte es möglich sein, dass Soldaten in Uniform auf dem Weg zurück in ihre Kaserne im Supermarkt einkaufen, und niemand zuckt mit der Wimper", sagte er. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Die protestantischen Milizen haben ihre Waffen noch nicht abgegeben. Vorvergangene Woche wurde bei einer internen Fehde ein Polizist lebensgefährlich verletzt.

Korrektur: Ursprünglich hatten wir fälschlicherweise in diesem Artikel geschrieben, der Nordirlandeinsatz der britischen Armee sei schon in der vergangenen Nacht zu Ende gegangen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.



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