Acapulco Mit der Pistole am Strand

Acapulco - ein Traum am Pazifik? Das ist längst Geschichte. Der mexikanische Urlaubsort wird von Kriminellen dominiert. Ein Geschäftsmann sagt: "Ich fürchte um mein Leben."

AP

Neben Handtüchern und Sandalen gibt es ein neues Strandaccessoire in Acapulco. Einen kleinen schwarzen Beutel, den manche Männer um den Hals oder die Schulter tragen. Darin: eine Pistole. "Als ich euch vor meinem Büro stehen sah, hätte ich fast in meine Tasche gegriffen", sagt ein Geschäftsmann, der nach eigener Aussage von kriminellen Banden erpresst wird. "Ich fürchte um mein Leben."

Beobachtungen eines Reporters der Nachrichtenagentur AP aus Acapulco - jenem Sehnsuchtsort an der mexikanischen Pazifikküste, der längst auch von der Gewalt in dem Land heimgesucht wird.

Im Januar wurde ein Rockverkäufer am Strand erschossen, der Täter entkam auf einem Jetski. Ein Mann wurde getötet, als er in einem Restaurant am Strand ein Bier genoss. Auch wegen solcher Fälle untersagte die US-Regierung ihren Angestellten Mitte April, nach Acapulco zu reisen.

Die mexikanische Regierung reagiert, wie sie immer reagiert im Kampf gegen die Kriminalität: Sie schickt schwer bewaffnete Polizisten und Soldaten in die Stadt. Heute sei es fast einfacher, einen Truck voller Soldaten, einen Bundespolizisten oder Sicherheitsleute der Touristenpolizei zu finden als ein Taxi an der Promenadenstraße "Costera", schreibt AP-Reporter Mark Stevenson.

"Diese Gegend wurde kugelsicher gemacht", behauptet Xavier Olea, Staatsanwalt des Bundesstaates Guerrero. Die Morde gehen jedoch weiter. "Es gibt 300 Auftragskiller an der Costera", behauptet ein Mann aus der Unterwelt im Gespräch mit AP. Ein guter Killer mache umgerechnet rund 250 Euro pro Woche.

In Acapulco zeigen sich die Schwächen der Regierungsstrategie: Die Bundespolizisten kennen sich vor Ort nicht gut aus, vor allem wenn es von den Strandbereichen in die verwinkelten Viertel an den Bergen geht. Mit ihrer schweren Bewaffnung wirken sie auf viele Bürger abschreckend, zumal auch die Sicherheitskräfte in Mexiko einen fürchterlichen Ruf haben. Vielerorts vertrauen Anwohner ihnen weniger als lokalen Drogenbaronen.

"Es ist das gleiche Problem in Guerrero, in Tamaulipas, in Michoacan", sagt Sicherheitsforscher Alejandro Hope über die Bundesstaaten mit hohen Mordraten. "Plötzlich gibt es einen Notfall, sie schicken Truppen und kurzfristig sinkt die Kriminalitätsrate. Aber dann gibt es woanders einen Notfall und die Truppen müssen weiterziehen." Eine wirkungsvolle lokale Verbrechensbekämpfung sei in der Zeit aber nicht entwickelt worden.

Ein Kartell will die Macht zurück

Ende April kam es in Acapulco zu einer langanhaltenden Schießerei, wie man sie seit Jahren in der Stadt nicht mehr miterlebt hatte. Bundespolizisten feuerten aus einem Hotel heraus auf Angreifer auf der Straße.

Laut Staatsanwalt Golea hängt die neue Gewaltserie mit dem Drogenhandel zusammen: Das Beltran-Leyva-Kartell versuche, die Kontrolle über die Stadt zurückzugewinnen, im Kampf gegen das vergleichsweise junge "Kartell von Acapulco".

Die Gewalt hat nicht nur Auswirkungen auf den Tourismus. Rund 1600 Geschäfte hätten wegen Sicherheitsproblemen schon dicht gemacht, sagt der Chef der Handelskammer, Alejandro Martinez. Erpresser machten den Unternehmern zu schaffen. "Zuerst schicken sie Textnachrichten", so Martinez. "Dann kommen Anrufe, und wenn man nicht bezahlt, kommen sie zum Laden, vier oder fünf Männer, und fragen nach dem Besitzer."

Trotz der Gewalt im Touristenbezirk: Am schlimmsten ergeht es noch immer den Menschen in Acapulcos armen Vororten. Dorthin hätten sich die Gangs zurückgezogen, sagt Polizeichef Max Sedano.

In Ciudad Renacimiento etwa bewachen Soldaten in Kampfausrüstung eine Schule, seit Gangster Schutzgeld von den Lehrern erpressen wollten. Der 71-jährige Pedro Ramirez verkauft auf der Straße vor der Schule kleine Gebrauchsgegenstände. Tagsüber sei alles ruhig, sagt er und deutet auf die Soldaten. "Aber sobald sie gehen, wird es gefährlich. Es ist, als gebe es eine Sperrstunde. Niemand geht nachts noch nach draußen. Und am Morgen tauchen tote Menschen auf den Straßen auf."

hut/AP



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