Heiterkeit Acht Beine, wenig Hirn
Die junge Frau war nicht zum Blödeln aufgelegt - sie hatte gerade ein Kind geboren. Ein Arzt aber drückte fest und schmerzhaft auf den Uterus der Mutter und rezitierte grinsend einen Fernseh-Werbespot: »Und der Bauch ist weg!«
Ärzte sind durchaus für ihre grotesken, oft ordinären Späße bekannt. Überraschend ist die Erkenntnis, daß selbst Frauen im Gebärstuhl über Witze kichern. Die italienische Sprachwissenschaftlerin Franca Pizzini jedenfalls behauptet: »Der Moment größter Spannung in der Entbindungsphase ist zentral für die Humorproduktion.«
Pizzini untersuchte die Kreißsaal-Kommunikation während 100 Entbindungen in Mailänder Kliniken und wertete 40 Gespräche von Gynäkologen und Gynäkologinnen mit ihren Patientinnen aus. Ergebnis der Analyse: Wenn das Baby da ist, gebären die Niedergekommenen oft noch Pointen. So erkundigte sich eine gutgelaunte Frau, während der Mediziner gerade ihren Dammschnitt versorgte: »Sie nähen mich doch hoffentlich nicht ganz zu?«
Der derbe Scherz stammt aus einem zutiefst seriösen wissenschaftlichen Werk über das Lachverhalten von Frauen. Helga Kotthoff, 42, Soziolinguistin aus Konstanz, hat die Pizzini-Studie zusammen mit neun anderen Untersuchungen zum Thema Frauenhumor in einem Buch gebündelt*. Zudem erscheint eine ebenfalls von Kotthoff herausgegebene wissenschaftliche Aufgliederung witziger Alltagssituationen**, in der sie gemeinsam mit Forschungskollegen analysiert, wie Ökos sich über Normalos mokieren, Orchestermitglieder sich anpflaumen und Freunde sich gegenseitig parodieren. ______(* Helga Kotthoff (Hrsg.): »Das Gelächter der ) ______(Geschlechter. Humor und Macht in Gesprächen von Frauen ) ______(und Männern« (Aktualisierte Auflage). ) ______(UVK-Universitätsverlag Konstanz; 292 Seiten; 38 Mark. ) ______(** Helga Kotthoff (Hrsg.): »Scherzkommunikation. ) ______(Beiträge aus der empirischen Gesprächsforschung«. ) ______(Westdeutscher Verlag, Opladen; 262 Seiten; 48 Mark. )
Warum unterscheidet sich der weibliche Humor vom Herren-Witz? Und wie entsteht die geschlechtsspezifische Heiterkeit? Kotthoff vertritt in »Gelächter der Geschlechter« die These, daß Frauen zu den heiteren Seiten des Daseins ein anderes Verhältnis haben als Männer.
Das geschlechtsgesteuerte Humorverständnis scheint von Kindeskalauern an erlernt zu sein. So hat eine der Forscherinnen die Scherz-Prägung von Kindern untersucht und dabei herausgefunden, daß Jungen »verbale Kampfkraft« und einen »auftrumpfend-sarkastischen« Humor entwickeln, während Mädchen untereinander »feinsinniger« und »kooperativer« herumulken.
Ein wissenschaftlicher Vergleich von Klosprüchen auf Männer- und Damentoiletten ergab ein ähnliches Bild: Witzig gemeinte Männer-Parolen erschienen den Empirikern in der Regel »egozentrisch«, »sexbezogen« und »herabwürdigend«, während sie die lustigen Lokus-Losungen der Frauen als »in interpersonell«, »ratgebend« oder gar als »romantisch« einstuften.
In fast allen Gesellschaftsbereichen dominiere der barbarische Männer-Jux. »Wer Humor hat und wer nicht«, befindet Kotthoff, »definieren die Mächtigen« - und das seien eben meist die Männer. Der Frauen-Humor sei in die »gängigen Humormodelle nicht integriert«, konstatiert auch die Amerikanerin Mercilee Jenkins in ihrem Aufsatz »Was ist daran so lustig? Scherzen unter Frauen.«
Typisch weiblich, so Jenkins, sei folglich der Einsatz von Zoten als Gleichberechtigungswaffe. Oft setzten Frauen ihren Humor ein, um Diskriminierungen zu verarbeiten - die männerfeindliche Pointe als ausgleichende Gerechtigkeit.
Als Paradebeispiele für die neue feministische Lachkultur führt Helga Kotthoff die Showstars Maren Kroymann und Hella von Sinnen an. »Komik ist mit dem vordergründig Weiblichen nicht kompatibel, weil man zum Objekt gemacht wird«, zitiert sie die Spaßmacherin Kroymann, »als Komikerin bin ich Subjekt.«
In einem ihrer berühmtesten Sketche dreht die »Nachtschwester« Kroymann die Situation der sexuellen Belästigung um und vergeht sich verbal an ihrem Chef: »Sie gehören mal wieder so richtig durchgefickt.«
Viele Frauen finden solch männerverachtenden Schabernack komisch. Zotiges ist längst keine Männerdomäne mehr. Der Sprachforscher Jürgen Streeck ließ bei einem Damenkränzchen im Altersheim ein Tonband mitlaufen - und war erstaunt, wie obszön die Seniorinnen schwatzten.
»Schmutzige Witze schaffen Ersatzlust«, deutet Streeck den anzüglichen Rentnerinnen-Klamauk, denn »Lachen ist eine Abfuhr von Erregung«. Kein Wunder, daß humormäßig frustrierte Frauen nun verstärkt zu harten Zoten greifen, die gegen die Männerwelt gezielt sind. »Die Frauen haben ja auch genug Grund, verbal zurückzuschlagen«, findet Wissenschaftlerin Kotthoff.
Selbst das Prinzip des Blondinenwitzes läßt sich gegen seine männlichen Erfinder wenden: »Was hat acht Beine und einen IQ von 40? Vier Männer vor der Sportschau.« Die Sexwitze der Frauen, so Kotthoff, erreichen im gröbsten Fall das Erniedrigungsniveau der sanftesten männlichen Sexwitze.
Einige antipatriarchalische Pointen fallen allerdings durchaus heftig aus. Zum Beispiel diese: »Warum hat der liebe Gott den Mann erfunden? Weil ein Vibrator nicht den Rasen mähen kann.«
* Helga Kotthoff (Hrsg.): »Das Gelächter der Geschlechter.Humor und Macht in Gesprächen von Frauen und Männern"(Aktualisierte Auflage). UVK-Universitätsverlag Konstanz; 292Seiten; 38 Mark.
** Helga Kotthoff (Hrsg.): »Scherzkommunikation. Beiträge ausder empirischen Gesprächsforschung«. Westdeutscher Verlag,Opladen; 252 Seiten; 48 Mark.