Unglücksfähre in der Adria "Norman Atlantic" lief trotz Sicherheitsmängeln aus

War die Unglücksfähre "Norman Atlantic" überhaupt seetüchtig? Bei einer Inspektion hatten Experten Sicherheitsmängel festgestellt. Das geht aus einem Dokument hervor, das SPIEGEL ONLINE vorliegt.


Athen/Rom - Die Retter sprechen von einer der schwersten Operationen, die sie je erlebt haben - für die Menschen an Bord und deren Angehörige ist es ein Albtraum: Nordwestlich der griechischen Insel Korfu geriet die Fähre "Norman Atlantic" am Sonntagmorgen mit fast 500 Menschen an Bord in Brand, unter ihnen Kinder. Ein Passagier kam ums Leben. In Griechenland wird nun diskutiert, ob das Schiff überhaupt hätte eingesetzt werden dürfen.

Schwere Vorwürfe erhob im Radiosender Skai der Spediteur Panagiotis Panagiotopoulos, der zwei seiner Fahrer auf der Fähre hat. Er habe sich am Vorabend mit der Reederei gestritten, weil das Schiff seiner Meinung nach nicht für die Fahrt geeignet gewesen sei. "Das ist verantwortungslos!"

Bei einer Inspektion sollen zuletzt Sicherheitsmängel festgestellt worden sein. Aus einem Dokument vom 19. Dezember, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, gehen die verheerenden Ergebnisse der Inspektion hervor. So wurden Mängel bei den Evakuierungsplänen sowie bei der Notbeleuchtung und bei anderen lebensrettenden Vorrichtungen durch die Untersuchung deutlich.

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Feuer auf Adria-Fähre: An Bord der "Norman Atlantic" gefangen

Auch das staatliche griechische Fernsehen NERIT und andere Medien berichten über eine Inspektion der Hafenbehörde von Patras. Der Reederei sei eine zweimonatige Frist zur Behebung dieser Mängel eingeräumt worden, berichtet NERIT. Ob das Schiff dennoch als seetüchtig gelten konnte, blieb unklar.

Günstige Verbindungen nach Sardinien

Wie die "FAZ" online berichtet, wurde die Fähre im Jahr 2009 von der italienischen Werft Visentini mit Sitz bei Rovigo nahe der Po-Mündung gebaut. Die Unglücksfähre sei bereits unter anderen Namen im Tyrrhenischen Meer im Einsatz gewesen. Gechartert hatte das Schiff die Linie Saremar, die von der Region Sardinien als öffentliches Unternehmen betrieben wurde, berichtet die Nachrichtenseite. Mit subventionierten Preisen versuchte die Region, Einheimischen und Touristen günstige Verbindungen auf die Insel zu bieten, nachdem die privaten Fährbetreiber in kurzer Zeit ihre Tarife verdoppelt hatten.

Seit dem Jahr 2013 fährt das Schiff demnach unter dem Namen "Norman Atlantic" für die Reederei "Anek Superfast". Seit 2011 kooperiert sie bei der Vermarktung der Routen mit der privaten Fährlinie Superfast, die ebenfalls zwischen Italien und Griechenland pendelt und zeitweise auch in der Ostsee unterwegs war.

Warum am Sonntagmorgen dann Feuer ausbrach, ist noch unklar. 478 Menschen sollen an Bord gewesen sein, darunter 18 Deutsche. Noch immer sitzen Hunderte auf der brennenden Fähre fest und wissen nicht, ob und wann sie gerettet werden.

vek/dpa/Mitarbeit: Giorgos Christides

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