Nach Drohungen von Coronaleugnern Ärztin aus Oberösterreich tot aufgefunden

Die Medizinerin hatte über Monate Drohschreiben aus der Impfgegnerszene erhalten. Am Freitag wurde sie tot aufgefunden – die Polizei schließt Fremdverschulden aus.
Demonstration von Impfgegnern in Innsbruck (Foto vom Januar 2022)

Demonstration von Impfgegnern in Innsbruck (Foto vom Januar 2022)

Foto: Michael Kristen / IMAGO

Die oberösterreichische Ärztin Lisa-Maria Kellermayr ist am Freitagmorgen tot in ihrer Praxis aufgefunden worden. Die zuständige Staatsanwaltschaft Wels schließt ein Fremdverschulden aus, eine Obduktion sei nicht angeordnet worden.

Ende Juni hatte die Allgemeinmedizinerin angekündigt, ihre Praxis in Seewalchen am Attersee vorübergehend zu schließen. Über sieben Monate hatte sie Morddrohungen von Impfgegnern erhalten. Die Kosten für Sicherheitsmaßnahmen in ihrer Praxis, darunter ein Wachmann, habe sie sich nicht mehr leisten können. Mitte Juli machte Kellermayr ihre Praxis endgültig zu. Sie begründete die Entscheidung damit, ihren Mitarbeitern keine Perspektive bieten zu können, »unter normalen Umständen« zu arbeiten.

»Ich habe so viel Geld und Kraft hineingesteckt«

Im letzten Gespräch mit dem SPIEGEL einen Tag vor ihrem Tod betonte Kellermayr, wie wichtig ihre Ordination für sie sei: Als Ärztin in ihrer eigenen Praxis Menschen zu helfen, das sei ihr Traum seit Schultagen gewesen. »Ich habe so viel Geld und Kraft hineingesteckt«, sagte sie. Kellermayr fürchtete den Verlust der Ordination. In ihrer Praxis, mit Blick auf das türkise Wasser des Attersees, sei der einzige Ort, an dem sie sich sicher fühle, das hob sie hervor.

Von der zuständigen Polizeibehörde fühlte sich Lisa-Maria Kellermayr lange im Stich gelassen. Das berichtete die Ärztin bei »Inside Austria«, dem Österreich-Podcast von SPIEGEL und »Standard«.

Wer hinter den Drohschreiben steckt, ist bislang nicht bekannt. Ein Verdacht führt in die rechtsextreme Szene nach Deutschland, die Staatsanwaltschaft in Wels hat die Hinweise bereits dem Landeskriminalamt in Berlin übergeben. Außerdem ermittelt die österreichische Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) in dem Fall. Nach SPIEGEL-Informationen ist ein Verdächtiger den Berliner Behörden bereits bekannt.

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Drohungen gegen die Allgemeinmedizinerin gab es bis zuletzt. Ein Mann aus Oberbayern, dessen Identität dem SPIEGEL bekannt ist, schrieb erst vor wenigen Tagen auf Twitter, sie werde vor ein »Volkstribunal« gezerrt werden. Es war nicht die erste Äußerung dieser Art, Kellermayr ging auch juristisch gegen ihn vor, aber die deutschen Behörden winkten ab: Die Aussage war wohl von der Meinungsfreiheit gedeckt.

Als Expertin geäußert

Dass die Bedrohung nicht nur virtuell war, zeigte sich erst vor einigen Tagen an einem Detail: Im Lift vor dem Gebäude der Praxis fehlte plötzlich der Aufkleber, der auf Kellermayr hinwies. Kellermayr schickte SPIEGEL und »Standard« ein Foto davon und schrieb dazu: »Die einzige ›Beschilderung‹, die uneinsichtig war und ohne Kameras, war diese im Aufzug.«

Lisa-Maria Kellermayr hatte zu Beginn der Pandemie Menschen, bei denen der Verdacht einer Coronainfektion bestand, aufgesucht und sie versorgt. In der Öffentlichkeit äußerte sich die Ärztin mehrmals als Expertin zu Covid-19. Im November 2021 kritisierte sie Corona-Demonstranten dafür, vor einem Krankenhaus eine Rettungszufahrt blockiert zu haben.

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