Afghanistan Erdrutsche bedrohen die Überlebenden

Während die internationale Hilfe für die Erbebenopfer in Afghanistan anläuft, gab es dort neue Erdstöße. Auch Erdrutsche gefährden die Menschen im Katastrophengebiet. Der afghanische Regierungschef Hamid Karzai hat einen nationalen Trauertag ausgerufen.


Eine junge Frau trägt Wasser durch die Reste ihres Hauses
AFP

Eine junge Frau trägt Wasser durch die Reste ihres Hauses

Nahrin - Das neue Erdbeben könnte weitere Schäden angerichtet haben, befürchteten nach BBC-Berichten Experten der Vereinten Nationen. Um 13.22 Ortszeit erschütterten am Mittwoch Erdstöße der Stärke 5,4 bis 5,8 die Region. Sein Epizentrum lag nahe dem des ersten Bebens der Stärke 6,1 vom Montag. Die Zahl der Erdbeben stieg damit auf acht. Außerdem gab es zahlreiche Nachbeben.

Die Serie schwerer Erdbeben hat seit Montag bis zu 4800 Menschen getötet. 150.000 Menschen sind obdachlos. Die Folgen der Erdbebenserie sind so verheerend, weil die Beben ihre Energie nur zehn Kilometer unter der Erdoberfläche freisetzen. Dies führe aber zugleich dazu, dass die Schäden auf eine relativ kleine Region begrenzt blieben, berichtete ein BBC-Reporter.

Hamid Karzai besuchte am Mittwoch das Erdbebengebiet und versprach Hilfe. Er rief dort einen nationalen Trauertag aus. Die Bevölkerung solle an diesem Donnerstag der Opfer gedenken. "Das Volk von Afghanistan hat so viel gelitten, und dies ist noch eine Tragödie", sagte Karzai bei seinem Besuch in Nahrin. Der Übergangspremier forderte die Überlebenden auf zu sagen, was sie brauchen, und versprach Hilfe. Allein in Nahrin wurden Agenturberichten zufolge mindestens 700 Menschen getötet.

Nicht nur die Obdachlosen, sondern die meisten Überlebenden in den betroffenen Ortschaften verbringen die Nächte im Freien, weil die andauernden Beben die Gefahr neuer Zerstörungen bergen. Unter den Taliban, die im vergangenen Jahr ausländische Helfer systematisch schikaniert hatten, hätte die Hilfe nach Ansicht von Experten nicht so rasch anlaufen können.

Gefahr durch Erdrutsche

Ein deutscher Arzt der Isaf-Truppe hilft einem Opfer in Nahrin
AFP

Ein deutscher Arzt der Isaf-Truppe hilft einem Opfer in Nahrin

Erdrutsche bringen die Menschen in der Katastrophenregion zusätzlich in Bedrängnis. "Eines der Probleme ist, dass Erdrutsche außerhalb der Stadt die Hauptstraßen abgeschnitten haben", sagte der Projektleiter der Deutschen Welthungerhilfe, Joachim Boenisch. Die Bewohner aus den Dörfern müssten daher über verminte Felder fliehen. Im Moment seien drei Hubschrauber der Internationalen Schutztruppe (Isaf) vor Ort, der Unicef-Versorgungsstützpunkt werde aufgebaut. Die Situation sei derzeit "ruhig", berichtete Boenisch.

Am Mittwochabend war immer noch das Bröckeln der bebengeschädigten Mauern zu hören. An jeder Ecke in Nahrin bot sich ein Bild der Verwüstung, die schwersten Schäden waren an den aus Lehm und Holz gebauten Häusern zu sehen.

Hilfe läuft an

Inzwischen läuft die internationale Hilfe für die Erdbebenopfer in Afghanistan an. Auch deutsche Hilfsorganisationen sammeln vor allem Zelte, Decken, Nahrungsmittel, Medikamente und andere Hilfsgüter. Bis zu 20.000 Menschen sind laut Unicef obdachlos. Das Auswärtige Amt teilte mit, das deutsche Isaf-Kontingent werde umgehend im Konvoi mit hundert Experten ins Katastrophengebiet aufbrechen. Auch die Möglichkeit einer Luftbrücke werde vorbereitet.

Am Mittwoch starteten außerdem 13 Unicef-Lastwagen mit Hilfsgütern von Masar-i-Scharif nach Nahrin. Auch Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes sind dorthin unterwegs. Nach Informationen der Deutschen Welthungerhilfe sind fast 80 Prozent der Häuser in Nahrin zerstört. Gemeinsam mit der irischen Organisation Concern werde sich die Deutsche Welthungerhilfe am Wiederaufbau von Häusern, Schulen und Straßen beteiligen. Fahrzeuge der Welthungerhilfe brächten außerdem einen Stromgenerator des THW nach Nahrin.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) ließ Nahrung, Decken und Medikamente für 6000 Familien mit Lastwagen in die Region bringen. Russland schickte Ärzte, Hundeführer, Pioniere und ein Feldlazarett. Die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" und das deutsche Technische Hilfswerk THW bauten Notkliniken auf. Schwerverletzte müssten ausgeflogen werden, weil das Krankenhaus von Nahrin zerstört sei, sagte Klaus Buchmüller vom THW. Den Helfern drohen nach Aussage der Vereinten Nationen keine Gefahren durch Taliban- oder Al-Qaida-Kämpfer. "Dieser Teil des Landes ist relativ sicher", sagte Andrew Cox vom Uno-Büro für humanitäre Hilfe (Unocha).



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