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27. März 2002, 11:52 Uhr

Afghanistan

Neuer Erdstoß erschüttert Katastrophenregion

Die Menschen finden keine Ruhe: In Afghanistan hat es ein weiteres schweres Erdbeben gegeben. Noch immer ist unklar, wie viele Menschen bei der Naturkatastrophe ums Leben gekommen sind. Die Zahl schwankt zwischen 200 und 4800. Die Lieferungen von Hilfsorganisationen laufen auf Hochtouren.

Ein aghanischer Mann in den zerstörten Straßen von Nahrin
AP

Ein aghanischer Mann in den zerstörten Straßen von Nahrin

Kabul/Nahrin - Die neuen Erdstöße am Mittwochmorgen hätten mit der Stärke 5,8 auf der Richter-Skala den Norden Afghanistans bei Nahrin erschüttert, teilte die Straßburger Erdbebenwarte mit. Das ist in etwa die gleich Stärke wie der verheerende Erdstoß vom Montag. Auch das Epizentrum habe etwa dort gelegen, wo es schon am Montag gemessen worden sei.

Bei den vorangegangen Beben hatte es die Stadt Nahrin in der Provinz Baghlan am schlimmsten getroffen. Die Altstadt ist völlig zerstört, auch die etwas entfernt gelegene Neustadt hat schwere Schäden davongetragen. Rund um Nahrin sind in den schwer zugänglichen Bergen des Hindukusch 44 Dörfer teilweise zerstört. Und das in einer Region, die für Hilfskonvois nur schwer zu erreichen ist. Die Uno bemüht sich deshalb, eine Luftbrücke einzurichten und hat die internationale Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) um ihre Mithilfe gebeten.

Außer in der Stadt Nahrin könnten die Beben auch in der weiter nördlich gelegenen Stadt Burka Verwüstungen angerichtet haben. Die Straße dorthin sei aber blockiert, deshalb lägen noch keine Nachrichten aus Burka vor, berichtete der britische Sender BBC am Mittwoch aus Kabul.

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Insgesamt erschütterten seit Montag sieben Erdbeben die Provinz im Norden Afghanistans. Wie viele Menschen den Erdbeben zum Opfer gefallen sind, kann noch nicht genau gesagt werden. Das Uno-Büro für humanitäre Hilfe (Unocha) in Kabul spricht von 4800 Toten, die afghanische Regierung von 2000 Toten, 3000 Verletzten und 30.000 Obdachlosen. Dem widerspricht die Einschätzung von Hilfsorganisationen: Sie gehen nach neuesten Informationen von gut 200 Toten aus. Klaus Buchmüller vom Deutschen Technischen Hilfswerk (THW) sprach am Mittwochmorgen von 150.000 Obdachlosen.

Für die Überlebenden ist die Situation trotz der angelaufenen Hilfsaktionen weiterhin dramatisch. Tausende Menschen verbrachten die Nacht im Freien - und in der Angst vor Nachbeben. Noch am Dienstagabend waren Erschütterungen in der Provinz Baghlan zu spüren. Insgesamt leben in dem betroffenen Gebiet rund 82.000 Menschen. Die Provinz war bis Ende vergangenen Jahres Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen den Taliban und der Nordallianz.

Ein deutscher Sanitätsarzt der Isaf-Truppe bei der Versorgung von Verletzten
AFP

Ein deutscher Sanitätsarzt der Isaf-Truppe bei der Versorgung von Verletzten

Die Uno und Hilfsorganisation sind inzwischen vor Ort und versuchen erste Hilfe zu leisten. 2100 Zelte und 1400 Decken brachten sie ins Katastrophengebiet. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen richtete eine Klinik ein. Dies ist auch dringend notwendig, denn das Krankenhaus von Nahrin ist zerstört.

Das erste Beben am Montag um 19.26 Uhr Ortszeit (15.56 Uhr MEZ) hatte nach neuesten Erkenntnissen eine Stärke von 6,1 auf der Richterskala. Das Epizentrum lag nur acht Kilometer tief unter der Erde. Zwei der nachfolgenden Beben hatten eine Stärke von 5,0. Das US-Informationszentrum in Denver (Neic) verzeichnete seit Montag sieben Erdbeben in der Region. Sie richteten nach Angaben des Neic gerade deshalb so großen Schaden an, weil ihre Epizentren jeweils nur acht bis zehn Kilometer unter der Erdoberfläche lagen.

Luftbild von Zerstörungen in Nahrin
AP

Luftbild von Zerstörungen in Nahrin

Es wird wohl noch einige Tage dauern, bis wirklich eingeschätzt werden kann, wie stark die Erdbeben die Region verwüstet haben. "Die Schäden", sagte Unocha-Sprecher Andrew Cox dem britischen Sender BBC, "erstrecken sich wahrscheinlich auf eine große Fläche." THW-Sprecher Buchmüller lässt aber einen Hoffnungsschimmer erkennen: "Es sind zirka zehn Organisationen sofort vor Ort gewesen. Es treffen stündlich weitere Konvois ein." Und die Zusammenarbeit mit den lokalen Koordinatoren, sagt Buchmüller, "ist hervorragend".

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