Satire-Video Afrikaner, sammelt Heizkörper für Norwegen

Spendensammeln paradox: In einem Video werden Afrikaner aufgerufen, Heizkörper nach Norwegen zu schicken, schließlich müssten dort Kinder frieren. Erik Schreiner Evans, einer der Macher des Films, erklärt im Interview, um was es tatsächlich geht.
Chor zu Radi-Aid: "Das Blatt hat sich gewendet"

Chor zu Radi-Aid: "Das Blatt hat sich gewendet"

Foto: SAIH

Abgemagerte Säuglinge, auf deren Lippen Fliegen sitzen, gehören zur Vorweihnachtszeit wie Lebkuchen mit Zuckerguss. Hilfsorganisationen setzen auf die besinnten Menschen der ersten Welt und hoffen, mit berührenden Fotos und Filmen Geld einzuwerben für ihre Projekte in Afrika.

Ähnlich kommt auch zunächst ein Video daher, in dem ein Rapper namens Breezy V von einer Zeit der Not spricht. Viele Leute wüssten nicht, sagt Breezy V, "was da gerade los ist". Als er das sagt, ist ein Mann zu sehen, der auf vereister Straße und bei starkem Wind versucht, sich auf den Beinen zu halten.

Es ist ein Spendenaufruf an alle Afrikaner zugunsten von Norwegen, diesem kalten Land im Norden, in dem Kinder frieren. "Wir müssen unsere Heizkörper sammeln, dorthin schicken, Wärme verbreiten, Licht verbreiten, Lächeln verbreiten", sagt Breezy V. Dann beginnt ein Lied: "Das Blatt hat sich gewendet", singt ein Chor zu Bildern von Menschen in Schnee und Kälte, "jetzt heißt es Afrika für Norwegen."

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Wer mitsingen will, bekommt Hilfe: Der Text wird wie beim Karaoke eingeblendet, die Wörter werden zur richtigen Zeit mit einem kleinen, von Silbe zu Silben hüpfenden Heizkörper markiert.

Für Mobil-Nutzer: Das Video finden Sie hier .

Das Video stammt von der norwegischen Organisation SAIH, in der sich Studenten und Akademiker politisch engagieren. Auf YouTube inspiriert es bereits die Nutzer: Unter dem Video wird lebhaft diskutiert, ein Kommentator schlägt vor, Afrika solle Fahrräder an die USA spenden, das helfe gegen Fettleibigkeit.

Im Interview erklärt SAIH-Präsident Erik Schreiner Evans, was es mit dem Film tatsächlich auf sich hat.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie mit dem Video erreichen?

Schreiner Evans: Norwegen ist ein kaltes Land. Aber die Menschen hier wären sicher sehr frustriert, wenn dies das einzige wäre, was man über ihr Land weiß. Doch genau so ist es mit afrikanischen Ländern: Die Menschen haben ein sehr beschränktes Bild von dortigen Verhältnissen, sie verbinden Afrika mit hungernden Kindern, notleidenden Frauen und waffenverrückten Männern.

SPIEGEL ONLINE: Das ist das Bild, das Hilfsorganisationen in ihren Spendenaufrufen gerne verbreiten, um möglichst viel Geld einzusammeln.

Schreiner Evans: Sie erzählen eine wichtige Geschichte Afrikas, aber die Botschaft ist sehr beschränkt. Auch die Medien verstärken das negative Image, ihre Berichte drehen sich ja häufig um Hunger und Krieg. Afrika ist aber so viel mehr als ein armer Kontinent. Sieben der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften befinden sich in Afrika. Jeder dritte Afrikaner gehört der Mittelschicht an.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie dann nicht einen Film darüber gemacht?

Schreiner Evans: Wir haben uns entschieden, einen humoristischen Weg einzuschlagen: Das Ziel ist, die Art zu verändern, wie Informationen über Afrika wahrgenommen werden. Wir ermutigen Menschen, für Notleidende zu spenden, aber wir hoffen, dass sie durch das Video zu reflektieren beginnen und erkennen, dass es in Afrika mehr gibt als Leid. Hoffentlich kommen einige Leute darauf, sich über die Ursachen der Probleme Gedanken zu machen und zu überlegen, was getan werden könnte, um etwas nachhaltig zu ändern. Das wäre phantastisch.

SPIEGEL ONLINE: Sind denn schon Heizkörper eingegangen?

Schreiner Evans: Heute morgen rief uns eine ältere Dame an und fragte, wie sie ihren Heizkörper spenden könne. Wir sind nicht sicher, ob es ein Witz war. Sonst waren die Reaktionen sehr gemischt. Es gibt viele, die die Ironie nicht verstehen und entsprechend kritisch sind.

SPIEGEL ONLINE: Was halten ihre vermeintlich bettelarmen Freunde in Afrika von ihrem Film?

Schreiner Evans: Sie lieben es! Die meisten dort wissen, dass es Regionen gibt, die wirklich Hilfe benötigen, aber zugleich sind sie von dem eindimensionalen Bild genervt, das der Westen von ihrem Kontinent hat. Viele empfinden den westlichen Umgang mit Afrika als Bevormundung.

Das Interview führte Birger Menke
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