Afrikanische Dynastie Dürre im Land der Regenkönigin

Das Volk der Bolobedu hat ein Problem. Die magischen Kräfte der jugendlichen Königin, Modjadji VI., scheinen verbraucht. Die Kranke kann den Regen nicht mehr rufen, in der Region im Nordosten Südafrikas herrscht Dürre. Gerüchte besagen, ein Fluch liege auf dem Herrschergeschlecht. Doch die Wahrheit ist weit weniger mystisch.
Von Harald Stutte

Es sind keine guten Zeiten für afrikanische Könige. Ihre einst heile Welt ist aus den Fugen geraten - auch im scheinbar so idyllischen Nordosten Südafrikas. Eine über Jahrhunderte gewachsene Gesellschaft zerfällt schleichend. Die Jungen wandern in die Städte ab, dahin, wo sie am Ende auch keine Arbeit finden. Wenn sie in ihre Dörfer zurückkehren, schleppen sie "the disease" ein, "die Krankheit", wie Aids verharmlosend genannt wird. Außerdem haben sie keinen Respekt mehr vor ihren Führern, verlieren den Glauben an die alten Zauber.

Auch Modjadji VI., Herrscherin über das Volk der Bolobedu, kennt das Problem. Einst gehörte ihr Hof gehörte zu den am meisten respektierten Herrscherhäusern im südlichen Afrika. Denn man sagte den Bolobedu-Königinnen nach, Macht über den Regen zu besitzen. Und Regen bedeutet in diesem trockenen Landstrich Leben. Das hat sich bis heute nicht geändert.

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Afrikanische Dynastie: Im Land der Regenkönigin

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Doch Königin Modjadji - "Frau, die der Sonne gehört", bedeutet ihr Name - wirkt traurig, müde und fühlt sich krank. Dabei ist sie gerade mal 26 Jahre alt. Während sie Gästen aus dem fernen Europa gegenüber sitzt, geht ihr Blick ins Leere. In T-Shirt, Wickelrock und einem pink-farbenen Krempenhut auf dem Kopf sitzt sie auf dem Fußboden ihrer Audienz-Hütte. Die Fremden haben auf einem Sofa Platz genommen und blicken auf die Herrscherin herab.

Sie direkt anzusprechen, ist nicht erlaubt. Auch lange Blickkontakte sind verpönt, denn dies gilt als unhöfliche Attacke auf die Seele der Königin. Um mit der Königin zu reden, müssen die Gäste eine Art "stille Post" spielen: Der Gast richtet eine Frage an den örtlichen Tour-Guide, der sie - mit blumigen Worten ausgeschmückt - an einen alten Herren namens Pafaras weiter reicht. Der betagte Onkel der Königin ist einer der wenigen Menschen, die Modjadji Vi. direkt ansprechen dürfen. Dazu senkt er den Kopf tief, so dass er der Regentin fast zu Füßen liegt. Aus dieser Art Froschperspektive richtet er die Fragen direkt an die Herrscherin, immer wieder unterbrochen von einem langen "eehhh", in der Sprache der Bolobedu ein Ausdruck der Zustimmung.

Ob sie tatsächlich Regen herbeizaubern kann, wollen die Gäste wissen. Die Antwort enttäuscht etwas: "Das kann nur Gott", sagt Modjadji, "aber ich kann den Kontakt zu den Vorfahren herstellen." Die Regenkönigin, eine Art transzendentales Medium? Vorfahren spielen - wie bei allen afrikanischen Völkern - auch bei den Bolobedu eine zentrale Rolle. Wer den Kontakt zu den Ahnen verliert, verliert seine Seele.

Makobo Caroline Modjadji - so ihr bürgerlicher Name - spricht über ihr Studium in England, das ihr Alt-Präsident Nelson Mandela ermöglicht hat. Die Ausbildung musste sie abbrechen, weil sie krank wurde. Die Frage, an welcher Krankheit sie denn leide, wagt niemand in der Runde zu stellen. In Afrika spricht man nicht über Krankheiten. Wildeste Spekulationen gibt es aber dennoch - was nicht verwundert: In dem Land sind 20 Prozent der Bevölkerung HIV-positiv. Oder ist der Grund für die Schwäche der Königin vielleicht doch ein Fluch, der auf der Bolobedu-Herrscherlinie liegt? Immerhin starben 2001 in kurzem Abstand Modjadjis Mutter und Großmutter. Und: Könnte das an dem Blutbad liegen, das der König Mugodo vor mehr als zwei Jahrhunderten in seiner eigenen Familie anrichtete?

Einst waren es die Männer, die bei den Bolobedu das Zepter schwangen, als sich die Sippe aus dem heutigen Simbabwe kommend um das Jahr 1800 im Daja Wald niederließen. Der damals regierende König hatte eine finstere Erscheinung: Geister prophezeiten Mugodo, seine Söhne hätten die Absicht, ihn zu beseitigen. Der mit Intrigen erfahrene Machtmensch reagierte sofort. Er ließ alle Söhne töten, am Leben blieb Tochter Modjadji. Ihr erzählte der Herrscher, die Geister hätten befohlen, sie solle an seiner Seite Königin werden. Der Zufall wollte es, dass genau zu diesem Zeitpunkt die Region unter einer anhaltenden und langen Trockenperiode ächzte. Und wie durch ein Wunder begann es zu regnen, als Modjadji I. Königin wurde. Ein Mythos wurde begründet, das Zeitalter des Matriarchats brach an.

Nicht einmal der legendäre Shaka Zulu - eine Art Napoleon Afrikas, der alle Völker im Süden unterwarf - wagte es, sich mit den Bolobedu-Königinnen anzulegen. Denn Frieden mit ihnen hieß stets auch Frieden mit den Launen der Natur. Für die Öffentlichkeit, auch für ihre Untertanen, blieb die Regenkönigin bis in unsere Tage hinein eine Herrscherin ohne Gesicht. Nur selten verließ sie ihren königlichen Kral. Dafür baten sie die Ahnen um himmlisches Nass, wenn wieder einmal die Ernte zu verdorren drohte. Man sagte ihnen nach, selbst über Hagel, Blitz und Donner zu gebieten. Kein Wunder - für das Phänomen gibt es eine Erklärung: "Die Königin sitzt auf einem 500 Meter hohen Ausläufer der Drakensberge. Da regnet es natürlich häufiger als im staubtrockenen Umland", sagt Chris Boonzaaier, Anthropologie-Professor an der Universität Pretoria.

Doch mit dem neuen Südafrika brach auch eine neue Zeit für die Bolobedu an: Schon die Vorgängerin der jetzigen Regenkönigin brach die Isolierung, denn die Monarchie hatte Geldsorgen. Ihr eigentliches Geschäft - das "Regenmachen" - trat zunehmend in den Hintergrund. Dafür präsentierte sie sich der Öffentlichkeit, natürlich für Geld. Mythische Stätten - Khoro (der Platz der rituellen Tänze) und Ntlo (die königliche Hütte) - wurden von Kameraaugen entweiht. Zum Unwillen der Untertanen, die den Ausverkauf der mythischen Bolobedu-Geheimnisse befürchteten.

Und nun, im zweiten Jahr von Modjadji VI., leidet das Land unter anhaltender Trockenheit. Das nähert die Zweifel an der spirituellen Fähigkeit der Königin. Besonders jetzt, wo die Regenzeit einsetzen sollte - und der Staub der ausgedörrten Erde die Luft rot färbt.

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