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Jugend AGITPOP AUS DEM GHETTO

Sie sind längst zu Hause in der Fremde und doch Fremde im eigenen Land: Die Rapper der türkischen Hip-Hop-Szene in Berlin, Köln und anderen deutschen Großstädten artikulieren vor dem Mikrofon ihre alltägliche Wut - auf islamische Traditionen und deutsche Vorurteile. Nun hat auch der Musikmarkt den Türken-Rap entdeckt.
aus DER SPIEGEL 17/1995

Im Kreuzberger Arbeiterlokal Bel Kepce sitzt Ozan Sinan an einem der Resopaltische, löffelt Hammelfleisch mit Joghurt und trinkt gezuckerten Tee dazu. Er trägt eine Daunenweste, Wollmütze und Kapuzenpulli, die Uniform der Hip-Hopper von Berlin bis Los Angeles, und er scheint allezeit zufrieden zu lächeln.

»Wir dürfen uns nicht mehr mit den Identifikationsmodellen abfinden, die man uns bisher angeboten hat«, sagt Sinan. »Wir sind keine Türken, wir sind keine Deutschen, wir sind wir. Und wer wir sind, müssen wir jetzt langsam mal definieren.« Er sagt das ohne Zorn, ruhig und freundlich; wie einer, der von etwas redet, das schon lange überfällig ist.

Viele seiner Altersgenossen, sagt Sinan, liefen immer noch in die Assimilationsfalle, sie wollten deutscher als die Deutschen sein: »Aber warum sollen wir uns an eine Gesellschaft anpassen, die uns von Anfang an abgelehnt hat? Wenn ich sehe, wie mein Vater zusammenzuckt, wenn ihn ein Deutscher scharf anredet, wie er überfreundlich und vorsichtig mit den Menschen hier umgeht, dann kocht es jedesmal in mir hoch.«

Sinan ist Manager und Kopf eines losen Verbunds aus drei Rapgruppen, der unter dem Namen »Cartel« firmiert. Und er begreift sich als politischer Kämpfer: »Seit 30 Jahren sind wir Türken hier. Wir haben Deutschland genauso mit aufgebaut wie alle anderen Deutschen. Außerdem sind die meisten Türken der zweiten Generation hier geboren. Wir gehören nicht in die Türkei. Wir gehören hierher.«

Hip Hop ist ein Ventil für solche Emotionen. Die Rapmusik dient in Berlin wie in Nürnberg, Kiel und Frankfurt als Sprachrohr einer Generation junger Türken, die sich als kulturelle Avantgarde ihrer Generation verstehen. Sie wenden sich ebenso gegen Ausländerhaß wie gegen die Zwänge der islamischen Tradition. Sie leben im Widerspruch zweier Kulturen, und sie wissen nicht, ob sie sich fremd im eigenen Land oder zu Hause im fremden Land fühlen sollen. »Türksun« heißt einer der Texte des Cartels, und darin skandiert der Rapper Erci Ergün: »Du bist Türke. In Deutschland. Verstehe das, und vergiß es nicht.«

Ozan Sinan ist 23 Jahre alt. Früher mal war er Mitglied der Berliner Straßengang »Giants«, später Marketing-Student und Werbefachmann beim Berliner Radiosender Kiss FM. Nun hat er die erste Cartel-CD produziert. Zum Cartel gehören Erci aus Berlin, Karakan aus Nürnberg und Da Crime Posse aus Kiel.

»Die Jungs haben eine unglaubliche Energie und eine Sprache, die vom Publikum als die ihrige verstanden wird - also alles, was ein Hit braucht«, sagt Martin Brem von der Plattenfirma Mercury, bei der die Rapper unter Vertrag sind. »Dazu kommt, daß man ein solches Projekt langfristig aufbauen kann.«

Bei 800 000 jungen Türken in Deutschland und ein paar Millionen in der Türkei ist die Rechnung einfach: Kommerz plus Agitationspop gleich Umsatz. Auf diese Gleichung setzen auch andere: Kürzlich eröffnete in Köln eine neue Großdiskothek - für junge Türken. 2000 Gäste passen ins »Bodrum«, das im Keller eines Einkaufszentrums in der Kölner Innenstadt liegt. Gespielt wird türkischer Pop: traditionelle Melodien mit den typischen Dreivierteltonschritten, unter die Techno-, House- oder eben Hip-Hop-Rhythmen gemischt werden. Auch in den Importabteilungen der Plattenläden stehen inzwischen in der Türkei produzierte Pop-CDs.

Der Nürnberger Rapper Alper fand den Einstieg in den neuen Markt fürs Multikulturelle mit seiner Band King Size Terror, die er zusammen mit dem Deutsch-Peruaner Chill gegründet hat. »Ich wollte schon immer in meiner Muttersprache rappen«, sagt der Türke Alper, der heute bei Karakan mitmacht. Gleich mit seiner ersten Maxi-CD landete er einen Hit in der deutsch-türkischen Hip-Hop-Szene - ein Debüt mit politischer Sprengkraft. Denn im Text forderte Alper die deutschen Türken zum Zurückschlagen auf. »Defol Dazlak« hieß der Titel, zu deutsch: »Verpiß dich, Glatze«. Auch die Musik war multikulturell: »Wir verwenden türkische und orientalische Samples«, erklärt Alper, »und haben festgestellt, daß die wunderbar mit den Hip-Hop-Beats harmonieren.«

Ähnlich wie die amerikanische wurzelt auch die türkische Hip-Hop-Kultur in der Straßenbanden-Szene. Die schwarzen Gangsta-Rapper Ice Cube, Ice-T oder Public Enemy hatten Banden aus den heruntergekommenen Vierteln von Los Angeles und New York angehört. Ihre Botschaft war klar: Das System ist rassistisch, und der Kampf dagegen findet auf der Straße statt. »Kill the Cops« und »Fuck the Police« hieß es in den Texten.

»Ich erinnere mich noch gut an die Anfänge der Berliner Streetgangs Mitte der achtziger Jahre«, sagt Sinan. »Das waren die ersten, die Rap hörten, und sie sprühten als erste Graffiti an die Wände.« 350 bis 400 Gangmitglieder bildeten damals den harten Kern.

Die jungen Türken lieferten sich nicht nur Straßenschlachten mit verfeindeten deutschen Gangs, sondern manche von ihnen mischten auch im Drogenkleinhandel und im Autoknackergeschäft mit - deshalb gab es bald Ärger mit professionellen Ganoven und mit der Polizei. Heute existieren nur noch die Kreuzberger »36 Boys« als geschlossene Gruppe.

Nach wie vor haben sie ihr Hauptquartier in der »Naunyn Ritze«, dem Jugend- und Gemeindezentrum in der Kreuzberger Naunynstraße. Die Fassade des vierstöckigen Altbaus ist mit Graffiti verziert. Plakate werben für Reggae- und Hip-Hop-Partys, DJ-Workshops und Tanzkurse. Das Cafe ist schon am frühen Nachmittag gut besucht. Ein paar Jungs spielen Kicker, andere schlürfen in einer Ecke ihren Tee, und an der Bar lehnen die Veteranen der Hip-Hop-Szene.

22 Jahre ist Taner Celebi erst alt, aber er war von Anfang an dabei. Ein durchtrainierter Bursche mit herausforderndem Blick, der sich immer noch wie ein Streetfighter kleidet - schwarze Jeans und Bomberjacke. Er kam schon mit neun Jahren zum Hip Hop. »Wild Style« war für ihn damals das Schlüsselerlebnis, der erste Rapfilm, der im deutschen Fernsehen gezeigt wurde: »Ich habe sofort angefangen, die Schriftzüge der Graffiti-Sprüher nachzumachen, und bin voll auf die Musik abgefahren.«

Mitte der achtziger Jahre kam er zu den 36 Boys. »Wir waren die ersten, die hier Bandenkrieg gemacht haben«, sagt er stolz. Heute ist Taner einer der Erzieher in der Naunyn-Ritze, veranstaltet Hip-Hop-Partys und organisiert Breakdance-Kurse.

Die »Kreuzberg Battle Moves« gehören zu seinen Schützlingen, eine Breakdance-Gruppe, die auf Festivals in ganz Europa auftritt. Chef ist Bülent Yavoz, ein gedrungener 17jähriger, der seine dunkelblonden Haare in einen Pferdeschwanz gebunden hat. Bülent war Breakdance-Europameister. Dann geriet er in eine Schlägerei. »So'n Araber hat mir von hinten ein Messer reingestochen«, sagt er. Und fügt trotzig hinzu: »Hat sich von vorne nicht getraut.«

Beim Training in einem kahlen Raum von der Größe eines Schulzimmers versucht er ein paar Drehungen auf dem Rücken, aber nach dem zweiten Mal verzieht er das Gesicht vor Schmerz und läßt andere aus der Gruppe ran. Deniz, ein 15jähriger, der seinen Körper auf der rechten Hand rotieren lassen kann. Ozcan, der auf dem Kopf herumwirbelt. Hasan mit dem Seitenscheitel, der seine Drehungen mit einem kalkulierten Sturz stoppt. Zwei Mädchen sind auch dabei, Bagdagül und Mona. Sie tragen Bomberjacken wie die Jungs, und sie sind genausogut.

»Meine Familie hat sich schon gewundert, daß ich als Mädchen so was mache«, sagt Bagdagül. Bülent nickt. »Die meisten Eltern können mit Hip Hop nichts anfangen«, sagt er, »meine auch nicht.« Deutschen Jugendlichen geht es da nicht anders. Hasan grinst: »Aber dann zeigen sie jedem Besucher das Video von Bülent bei der Meisterschaft.«

Tatsächlich scheint es, als biete die Rapmusik den jungen Türken in Berlin und anderen deutschen Großstädten eine Artikulationsplattform, auf der sich der Zweifrontenkampf gegen einengende türkische Traditionen und gegen ausländerfeindliche Diskriminierung offen austragen läßt.

»Hip Hop ist das beste Medium für ein gemeinsames Bewußtsein«, behauptet Ozan Sinan. In Berlin ist Rap, wie an vielen Orten der Welt, die Volksmusik der an den Rand gedrängten Jugendlichen.

Für Sinan selbst aber ist die Musik mehr als Agitpop: Sie ist eine Karrierechance. Denn Sinan will nicht nur türkische Rapgruppen managen, sondern am liebsten die gesamte Berliner Partyszene. Sein Büro ist mit Designermöbeln eingerichtet, die Wände sind sanft lachsfarben gestrichen, Handy und Faxgerät stehen fast nie still. Zusammen mit einem Freund gibt er das Nightlife-Fanzine Flyer heraus; die beiden veranstalten Partys und bauen eine Marketing-Agentur auf.

Sinan möchte die Tür aufstoßen zum großen Geschäft - auch für seine Bands. Die Jungs der Crime Posse etwa rappen mittlerweile auf türkisch, deutsch, englisch und spanisch, und so träumt Sinan von einer multikulturellen Rapzukunft. »Irgendwann«, sagt Sinan, »wird unsere Herkunft keine große Rolle mehr spielen.« Y

»Defol Dazlak« hieß der Hit: »Verpiß dich, Glatze«

»Die meisten Eltern können mit Hip Hop nichts anfangen«

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