Agoraphobie Drinnen vor der Tür

Thomas Krug verließ seine Wohnung zehn Jahre nicht - aus Angst, er könnte draußen sterben. Der 46-Jährige litt unter Agoraphobie. Die Krankheit fängt mit einem schlechten Gefühl an, manchmal folgen Panikattacken, am Ende kann die Isolation stehen. Die Geschichte eines Traumas.

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Berlin - Am letzten Tag seines ersten Lebens schaffte es Thomas Krug* nicht mehr bis zum Briefkasten. Mattgrau war dieser Berliner Morgen, die Wolken hingen träge über Reinickendorf, und es waren nur sechzig Schritte. Die Haustür fiel hinter ihm ins Schloss, Mist, dachte Krug noch, aber der Brief musste weg. Er konnte das, es war ja nur über die Straße.

Noch fünfzig Schritte, Krug starrte auf den Briefkasten, das Herz schlug schneller und drückte gegen die Brust wie eine Faust, da waren Menschen und der Bordstein und ein Hund und das Licht. Krug keuchte, konnte nichts mehr fixieren. Er würde jetzt sterben, ganz sicher, das dachte Thomas Krug, und auch, dass sie später schreiben würden, er sei mit dieser blöden Steuererklärung in der Hand krepiert. Er drehte um.

Ein paar Minuten später schloss sich die Wohnungstür hinter Thomas Krug, nur hier oben war er sicher. Das wusste er jetzt.

Krug ging nicht mehr zum Briefkasten, er ging gar nicht mehr raus. Zehn Jahre lang.

Jetzt sitzt er an einem Holztisch, der sehr lang ist und massiv, und Krug, ein kleiner, runder Mann mit weichem Gesicht, wirkt etwas verloren. Er hat ein schwarzes Hemd an und eine schwarze Hose, er saugt an einer Pall Mall und lächelt matt. Es ist immer noch nicht leicht, über das alte Leben zu sprechen, über die letzte Panikattacke draußen und das Jahrzehnt drinnen. 3676 Tage auf 120 Quadratmetern mit weißen Wänden, offener Küche, Balkon, vier Fenstern raus zur Straße. Zur Normalität.

Der Körper brach aus, aber die Worte fanden den Weg nicht

Thomas Krug gilt als geheilt, er hat heute keine Angst mehr vor der Normalität da draußen. Vor ein paar Monaten hat er seine Wohnung wieder verlassen, der Briefkasten war kein Problem mehr in diesem neuen, alten Leben. Nicht mal die Eröffnung dieses riesigen Elektro-Marktes in Reinickendorf, die Krug sich als Mutprobe vorgenommen hatte. Womöglich ist alles gut, aber die Agoraphobie ist kein Mantel, den man einfach ablegen kann, und Krug weiß das. Er nennt sich immer noch einen Komplett-Agoraphobiker, vorsichtshalber. "Angst vor belebten Plätzen, Straßen, Reisen, öffentlichen Verkehrsmitteln" - es klingt wie die Aufzählung von ein paar schlechten Charaktereigenschaften. Man hat sie eben.

Schon vor fünf Stunden saß Krug in seinem Wohnzimmer, dieser Abend war noch grau und kühl, und es schien, als würde der Mann in schwarz den Kampf wieder verlieren. Er wollte über seine Krankheit reden, er wollte das seit zwei Jahren. Er hatte es geschafft, aus diesen 120 Quadratmetern Schutz und Gefängnis auszubrechen. Aber jetzt fanden Krugs Worte den Weg nicht. Er sprach stattdessen über die Große Koalition, die WM und die Frage, ob man Nudelwasser Öl beigeben soll.

Dann redete Krug über Filme. Über Jack Nicholson und "Einer flog übers Kuckucksnest" und einen Traum, den er letzte Nacht hatte.

"Ich war Robert De Niro in Taxi Driver."

In welcher Szene?

"Als er in seinem Zimmer steht und diese Holzschiene für die Waffe ausprobiert. Klackklack." Krug macht die Bewegung nach, streckt den Arm aus und winkelt ihn wieder an. Er grinst.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?

"'Ein Freund von mir' mit Jürgen Vogel und, wie heißt der andere noch?"

Daniel Brühl. Sie waren im Kino?

"Ja, ich war im Delphi mit einem Kumpel. Wie lange ich nicht mehr im Kino war, ich weiß das gar nicht mehr."

Und in diesem Moment begann Thomas Krug doch noch, über sein altes Leben zu reden.

Es hat lange gedauert, sich überhaupt zu verabreden. Krug hasst Termine noch immer, er hat sie schon damals als unangenehm empfunden, als alles angefangen hat, nach der Sache mit seiner Frau und dem Kind. "Ich habe mich schlecht gefühlt, wenn jemand anrief. Ich habe abgesagt, wenn sich jemand treffen wollte", erzählt er. Damals dachte Krug noch, dass er vielleicht keine Lust auf Gesellschaft habe. Als die ersten Panikattacken kamen, dachte er, dass der Grund dafür "zu viel Input" sei. Das Licht, die vielen Menschen. Er setzte eine Sonnenbrille auf, auch wenn es dunkel war. Irgendwas stimmte nicht, Krug wusste das. Aber er hoffte, dass es irgendwann aufhören würde.

Dabei ging es gerade erst los.

Krug lief zum Augenarzt, doch der sagte, alles sei in Ordnung. Krug ging zum Allgemeinmediziner, aber auch der konnte nichts finden. "Meine Blutwerte waren top, mein physischer Zustand bestens", sagt Krug, "er hat mir nur einen Rat gegeben: Ich solle mal über eine Therapie nachdenken." Er wippt auf dem Stuhl. "Der hat mir das damals so deutlich gesagt." Doch ein Mann braucht keine Therapie, das dachte Krug damals, 34 Jahre alt, selbständig, Vater einer Tochter. Okay, er war geschieden nach der Sache mit seiner Frau und dem Kind, aber ein Mann wird nicht psychisch krank wegen so was. Oder?



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