Aids-Aufklärung in Afrika "Let's talk about sex"

Wenn Olivia etwas über Jungfräulichkeit oder Kondome wissen will, verzieht sie sich hinter die Lehmhütte ihrer Eltern. Das Thema Sex ist noch tabu. Doch das erste Talk Radio Ostafrikas will aufklären - als beste Waffe gegen Aids.


Archivbild von 1987: aidserkrankte Frau in Uganda
DPA

Archivbild von 1987: aidserkrankte Frau in Uganda

Kampala - "Let's talk about sex", muntert die ugandische Radiomoderatorin Sanyu Nkinzi ihre Hörerinnen und Hörer auf. Die 16-jährige Olivia will mitreden. Hinter der Lehmhütte ihrer Eltern im nördlichen Ort Kaabong hat sie sich heimlich mit dem Transistorradio ihres Vaters zurückgezogen. Gespannt lauscht sie, was Sanyu und ihre Altersgenossen über das Thema sagen - stets in der Angst, ihre Eltern könnten sie dabei erwischen.

Wie Tausende andere Jugendliche in Uganda will Olivia das Thema Sex nicht unter den Teppich kehren. Ihre Mutter hatte das noch getan. Sie aber will Klartext reden. "Straight Talk", so heißt auch das erste Talk Radio Ostafrikas. Das von der EU und Unicef mitfinanzierte Rundfunkprojekt hat vor zwei Jahren Aids den Kampf angesagt. Aufklärung heißt die schärfste Waffe in einem Land, in dem Sexualkunde noch bis vor kurzem ein Tabu war.

"Ich tat es ohne Kondom"

"Heute geht es um Jungfräulichkeit", erklärt Moderatorin Sanyu. "Ihr wisst, nicht nur Mädchen, auch Jungen können sie sich bewahren, bis sie meinen, dass es so weit sei." Dass auch Jungen zum Sex gedrängt werden, erklärt der 17-jährige Robert: "Meine Freunde schlossen mich nach einem Fest mit zwei Mädchen in unser Klassenzimmer ein. Ich wollte nicht als Spielverderber dastehen. Also tat ich, was sie wollten - aber ohne Kondom, und nun fürchte ich mich vor Aids." In seinem Dorf im Nordwesten Ugandas gibt es keinen Strom und kein Telefon. Um Robert Klartext im Radio reden zu lassen, waren die Reporter des Senders aus Kampala eigens zu ihm gereist.

Mit einem Cassettenrecorder bewaffnet, ziehen die Straight Talker jede Woche über die Dörfer, um immer mehr Jugendlichen ein Forum für ihre Fragen zu geben. "Hier in Kampala werten wir die Anliegen unserer Hörer aus und ziehen notfalls Experten für ihre Beantwortung zu Rate", erklärt Programmdirektorin Anne Akia Fiedler. 25 Minuten Talk-Radio pro Woche erreichen auf diese Weise Tausende Jugendliche in den entlegensten Winkeln des Landes, in dem rund 820.000 Menschen mit dem Aidsvirus infiziert sind.

Prüdes Tansania und Kenia

Während derart tabufreie Wellen in prüden Nachbarländern wie Tansania oder Kenia, wo Aufklärungsunterricht an Schulen noch bis vor kurzem ein Strafdelikt war, nicht denkbar wären, passt "Straight Talk" in das Aids-Bekämpfungsprogramm der Regierung in Kampala. Uganda, das einst eine der höchsten Infektionsraten südlich der Sahara verzeichnete, hat mit seiner offensiven Aufklärungspolitik große Erfolge erzielt. Laut Gesundheitsbehörden sank die Rate der HIV-Infizierten in der Gruppe der 15- bis 30-Jährigen während der vergangenen fünf Jahre um 20 Prozent.

"Die meisten jungen Leute haben sich vorher infiziert, weil sie von Kondomen und sonstigen Schutzmechanismen keine Ahnung hatten", weiß Anne. Und der beste Schutz für eine Frau sei eben, einfach Nein zu sagen, wenn sie das wolle.

Das erste Mal mit 15

Die Werbung für Entscheidungsfreudigkeit sei daher eines unserer größten Anliegen. Denn einer Uganderin, die im Schnitt mit 15 Jahren ihren ersten Sexualkontakt habe, werden derartige Entscheidungen traditionell von Männern abgenommen. Die Programmdirektorin weiß, dass bislang nur 20 Prozent ihrer Hörerschaft Mädchen sind - ein weiteres Problem männlicher Entscheidungen, wie sie sagt. "Die meisten empfangen uns mit dem Transistorradio ihrer Väter. Einem Jungen gibt ein Vater das Radio eher als einem Mädchen. Schließlich kann ein Junge schon arbeiten, um wieder Geld für neue Batterien zu beschaffen."

Zweimal im Monat gibt das "Straight Talk"-Team daher Zeitungen heraus, in denen der Inhalt ihrer Sendungen nachzulesen ist. Sie werden an alle Schulen des Landes verschickt. Mit Erfolg, wie Radiomoderatorin Sanyu gerade wieder feststellt: "Einen guten Tipp gibt uns gerade der Straight-Talk-Fan-Club der Mädchenschule in Lira", posaunt sie lachend ins Mikrofon: "Kondompackungen nicht mit den Zähnen aufreißen. Das gibt Löcher."

Antje Passenheim, dpa



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