Aids in Ägypten "Von Safer Sex haben die Leute noch nie gehört"

Homosexualität ist ein Tabu, Aids-Aufklärung findet nicht statt - jetzt bekommt Ägypten die Quittung für dieses verschämte Schweigen: Das HIV-Virus hat sich rasend schnell ausgebreitet, Experten sprechen von einer Epidemie. Ein Betroffener berichtet von seinem Leidensweg.

Aus Alexandria berichtet


Marwan erinnert sich noch gut an den Tag, an dem sein Leben in die Brüche ging.

Der 28-Jährige stand in einem Behandlungsraum einer Privatklinik im ägyptischen Alexandria, neben ihm seine Frau Sara.

Marwan weiß seit 15 Monaten, dass er HIV-positiv ist: "Mein Leben war weiß, und nun ist es plötzlich nur noch schwarz"
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Marwan weiß seit 15 Monaten, dass er HIV-positiv ist: "Mein Leben war weiß, und nun ist es plötzlich nur noch schwarz"

Der Arzt hatte zunächst zwei gute Nachrichten: Hepatitis B und C hatte er in Marwans Blut nicht nachweisen können. Doch beim HI-Virus sei das anders: Leider müsse er Marwan mitteilen, dass er HIV-positiv sei.

"Mit sind die Beine weggesackt, ich habe auf dem Boden gelegen und geweint und geschrien", erinnert sich der Marwan. Sara habe ihn in den Armen gehalten, gestreichelt, versucht, ihn zur Vernunft zu bringen. "Damals wussten wir noch nicht, dass sie und Meya auch infiziert sind", sagt der ehemalige Handy-Verkäufer. Er hatte seine Frau angesteckt, die das Virus vermutlich bei der Geburt an ihre Tochter weitergab.

Marwan sitzt im Büro der Caritas im ägyptischen Alexandria: Keine hundert Schritte vom Mittelmeer entfernt, in einem Prachtbau im Zuckerbäckerstil, an dem die Zeit und die salzige Gischt genagt haben.

Seit Marwan vor 15 Monaten erfuhr, dass er positiv ist, ist dies sein zweites Zuhause, sein Refugium, sein Arbeitsplatz. "Ich habe alle Kontakte zu Freunden abgebrochen, ich habe mein altes Leben aufgegeben", sagt er. Was das heißt, ist schwer aus ihm herauszubekommen: Er habe Drogen gespritzt, gibt er zu Protokoll. Doch seine muskelbepackten Oberarme erzählen eher von langen Stunden im Fitnessstudio als von Nächten im Drogenrausch. Dass Marwan vermutlich bisexuell ist und sich bei außerehelichem Sex mit Männern angesteckt hat, sagen die Mitarbeiter der Caritas, Marwan selbst kann es nicht zugeben.

"Ein leckeres Bonbon isst man doch auch nicht mit Papier"

Schwule Männer, die heiraten, um den Schein zu wahren, trotzdem weiter homosexuell aktiv sind und das Virus an ihre Frauen und Kinder weitergeben: "Das ist das Problem, das Aids in Ägypten zur großen Gefahr macht", sagt Sany Kozman.

Homosexualität in Ägypten sei so stigmatisiert, dass es unendlich schwierig sei, Aufklärung zu betreiben, sagt er. "Wir kommen an die Leute nicht ran, und wenn, dann höre ich, dass man ein leckeres Bonbon doch auch nicht mit Papier isst", sagt Kozman.

Der Arzt ist Vorsitzender der Aids-Hilfe der Caritas in Ägypten, er berät die Vereinten Nationen, wenn es um HIV/Aids in Ägypten geht. "Die Leute wissen gar nichts, von Safer Sex haben sie noch nie gehört", sagt er.

Kozmans Ausführungen sind erschreckend: Eine von der Caritas und dem nationalen ägyptischen Programm zur Bekämpfung von HIV/Aids in Auftrag gegebene Studie ergab, dass sich das Virus viel schneller verbreitet hat als angenommen.

267 Angehörige von Hochrisikogruppen - die Mehrheit homosexuelle Männer, aber auch Drogenabhängige und Prostituierte - wurden 2006 von der Caritas Alexandria getestet: 6,2 Prozent waren HIV-positiv. "Wenn das stimmt, dann ist Ägypten kein Land mit niedriger Verbreitung mehr, sondern hat das, was wir eine "konzentrierte Epidemie" nennen", sagt Kozman.

Die Weltgesundheitsorganisation stuft die landesweite Verbreitung des Virus als "konzentriert" ein, wenn über fünf Prozent der Angehörigen der Risikogruppe infiziert sind. Ägypten stünde dann auf einer Stufe mit den meisten lateinamerikanischen und südostasiatischen Ländern, Tendenz steigend.



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