Aids-Waisen in China Die Provinz der trostlosen Kinder

In Henan leben Zehntausende von Aids-Waisen ohne staatliche Unterstützung. Private Gruppen versuchen, den Kindern ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Doch staatliche Funktionäre verbieten die Hilfe - aus Angst davor, dass ihre eigenen Versäumnisse bekannt werden könnten.

Von , Peking


Chinesische Aids-Waisen in der Provinz Henan: "Wir werden eine Schule bauen"
REUTERS

Chinesische Aids-Waisen in der Provinz Henan: "Wir werden eine Schule bauen"

Henan - Wang Yaru hat sich sorgsam Zöpfe gedreht und die Fingernägel violett angemalt. Sie ist zum ersten Mal in einer großen Stadt, und gleich ein kleiner Star: Gerade ist sie im Pekinger Fernsehen aufgetreten, und bei McDonalds war sie auch schon.

Das neunjährige Mädchen im gelben Anorak und den typischen roten Wangen eines Landkindes ist eines der Tausenden Kinder aus den Aids-Dörfern der Provinz Henan. Bis zu eine Million armer Bauern, schätzen Experten, haben sich in den neunziger Jahren allein in Henan mit dem HIV-Aidsvirus angesteckt, weil sie ihr Blut an skrupellose Händler und Kliniken verkauft hatten. Die mischten das Blut mit dem anderer Spender und leiteten es intravenös wieder ein, nachdem sie das Plasma entnommen hatten - eine todsichere Methode, das Virus zu verbreiten.

Inzwischen sterben in der Provinz ganze Dörfer aus, über den Bewohnern schwebt das Stigma der Aussätzigen. Viele Bauern sind durch die Ausgaben für Arzneien und Ärzte inzwischen tief verschuldet und zum elenden Sterben verurteilt.

Wangs Vater starb im vorigen Jahr, ihre Mutter scheint sich nicht infiziert zu haben. Doch keine Schule war bereit, die kleine Wang und ihren jüngeren Bruder aufzunehmen - bis eine Gruppe couragierter junger Leute aus Peking auftauchte.

Im Ort Shangqiu gründeten sie im Oktober letzten Jahres ein Internat für Aids-Waisen - die "Schule des östlichen Schatzes". In den kahlen, ungenutzten Räumen einer Moschee fanden 18 Kinder Platz, darunter die Geschwister Wang. Das Mädchen, nunmehr in der zweiten Klasse, ist seither eine glänzende Schülerin: "In Chinesisch habe ich 96, in Mathematik 100 Punkte", berichtet sie stolz.

Den Unterricht übernahmen Studenten und pensionierte Lehrer. Monatelang ging es gut, doch jetzt kam das Aus: Die Behörden von Shangqiu schlossen vorige Woche die Schule und steckten das Mädchen Wang und die anderen Schüler in ein städtisches Waisenheim. Neun weitere Kinder, die gerade eingetroffen waren, wurden zurück in ihre Dörfer transportiert.

Zur Begründung hieß es, die Schule habe keine Genehmigung: Private Lehranstalten dürfen nur arbeiten, wenn sie eine Million Yuan (rund 100.000 Euro) hinterlegen können. "Wir hatten versucht, das Geld zusammenzubekommen", sagt Schulgründer Li Dan. Der Pekinger Li, 26, hängte sein Astronomiestudium an den Nagel, um den Aids-Waisen zu helfen.

Bis zur Schließung hatte die Schule mit einer Spende der Uno in Höhe von 20.000 Yuan (rund 2000 Euro) und durch den Verkauf von Büchern überlebt. Die Lehrer hatten sich ein äußerst bescheidenes Monatsgehalt ausgezahlt: 400 Yuan (ca. 40 Euro).

Die Aktivisten wussten, dass sie sich rechtlich auf dünnem Eis bewegten. So dürfen Privatpersonen zum Beispiel laut Gesetz keine Spenden sammeln. Neuerdings verbieten die Vorschriften auch, überhaupt Lehranstalten aus Spendengeldern zu errichten.

Denn private Hilfsorganisationen sind der KP zutiefst suspekt. Viele Funktionäre wittern hinter den Gruppen staatsfeindliche Aktivitäten - und fürchten zudem Gesichtsverlust, wenn die Initiativen die Versäumnisse der Beamten deutlich machen.

Die Funktionäre von Shangqiu schienen immerhin zunächst mit dem Projekt zu sympathisieren. Doch nach dem positiven Echo in der Presse auf die Schule überwog die Skepsis - sie versiegelten Fenster und Türen der "Schule des östlichen Schatzes".

Das passt zum Verhalten der Provinzregierung, die den Aids-Skandal nach wie vor zu vertuschen versucht. "Die Funktionäre geben immer nur das zu, was ohnehin bekannt ist", sagt Li Dan.

Lange Zeit hatte die chinesische Regierung das Aids-Problem tabuisiert, obwohl internationale und nationale Fachleute von einer grassierenden Seuche sprechen und eine schlimmere Katastrophe vorhersagen, falls nicht bald entschieden durchgegriffen wird.

Die Pekinger Genossen scheinen die enorme Gefahr mittlerweile begriffen zu haben. Premier Wen Jiabao schüttelte jüngst sogar einem Aids-Infizierten die Hand - und gab damit das Signal für das ganze Land, die Seuche ernst zu nehmen. Eine Kommission des Staatsrates soll die Kampagne gegen Aids koordinieren. Chinesische Zeitungen und TV-Sender dürfen ausführlich berichten - so wie den Fall der kleinen Wang Yaru.

Chinesisches Mädchen neben einem Anti-Aids-Plakat: Das Brandmal der Krankheit
AP

Chinesisches Mädchen neben einem Anti-Aids-Plakat: Das Brandmal der Krankheit

Doch China ist groß und die Parteiführung weit. In der 92-Millionen-Einwohnerprovinz Henan, die den Ruf hat, Sammelpunkt für die rückständigsten und unfähigsten Funktionäre Chinas zu sein, ist von Offenheit kaum etwas zu spüren. Kein Politiker hat bisher die Verantwortung für die Geschäfte mit infiziertem Blut übernommen. Vom staatliche Frauenverband, der sich in anderen Provinzen um Aids-Waisen kümmert, ist seit Jahren nichts zu hören. Die Zentrale in Peking ist unfähig oder unwillig, die Genossen zu einem menschlich anständigen Verhalten zu bewegen.

Zwar kündigte die Henaner Provinzführung nach langem Zögern kürzlich an, 76 Kader in besonders betroffene Dörfer zu schicken und für jedes der offiziell 2026 Waisenkinder einen Zuschuss von 100 Yuan (10 Euro) im Monat zu zahlen. Dies ist ein Tropfen auf den heißen Stein, denn die Henaner Genossen haben offenkundig die Zahlen nach unten korrigiert. Im ganzen Land leben nach anderen Statistiken über 70.000 Aids-Waisen und Halbwaisen - die meisten davon in Henan.

Kaum ein Außenstehender gelangt in die Aids-Dörfer, Journalisten und unabhängige Helfer werden schon mal von Schlägern bedroht, wenn sie die Kranken besuchen wollen. Als die Pekinger "Jugendzeitung" Hilfsgüter schickte, mussten sich die Lastwagen nachts auf Schleichwegen den Weg zu den Opfern suchen. Funktionäre versuchten auch die Ärztin Gao Yaojie davon abzuhalten, nach Peking zu einer Fachkonferenz zu fahren. Die betagte Medizinerin hatte als erste den Blutspendeskandal enthüllt.

Bis heute weigern sich die Schulen, Kinder von Aids-Kranken aufzunehmen, geschweige denn das Schulgeld zu erlassen, weil ihre kranken Eltern das Einkommen für Medikamente ausgeben müssen oder gar kein Einkommen mehr haben. Inzwischen schicken die Behörden immerhin Arzneien zu den Aids-Patienten. Doch es fehlen Fachkräfte, die den Kranken helfen, die Aids-Cocktails richtig zu dosieren. "Viele nehmen deshalb die Medikamente nicht mehr", beobachtete Li Dan.

Als er sein Heim eröffnete, gab es in der Nähe bereits ein anderes privates Aids-Projekt. Ein HIV-infizierter Bauer betreute 53 Aids-Waisen. Als die Mitarbeiter des staatlichen TV-Senders CCTV für ihn eine Million Yuan spendeten, wurden die Kader wach: Sie griffen sich das Geld, bauten in Windeseile das erste städtische Aids-Waisenhaus und holten die Kinder ab.

Dabei soll es offenbar bleiben, Pläne für weitere Heime scheinen nicht zu existieren. Selbst "ein, zwei Schulen sind wie eine Träne im Ozean", sagt Li Dan. Er gibt sich deshalb nicht geschlagen: "Wir werden eine Schule bauen - für 1000 Schüler."



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