Air-France-Katastrophe Trümmer stammen nicht von Unglücks-Airbus

Es ist ein Rückschlag für die Rettungskräfte: Die von der brasilianischen Marine im Atlantik gefundenen vermeintlichen Wrackteile stammen doch nicht von der abgestürzten Air-France-Maschine. Ein Militärsprecher musste seine zuvor gemachten Aussagen revidieren.


Rio de Janeiro - "Bisher ist kein Teil des Unglücksflugzeugs geborgen worden", sagte Luftwaffensprecher Ramon Cardoso. Vielmehr habe die Marine bisher nur Meeres-"Müll" aufgesammelt. Damit widerrief der Offizier eigene frühere Angaben. Am Morgen hatte er noch erklärt, Marineschiffe hätten erste Trümmer der abgestürzten Air-France-Maschine aus dem Atlantik geborgen.

In dem mutmaßlichen Absturzgebiet rund tausend Kilometer vor der brasilianischen Atlantikküste waren am Donnerstag mehrere Teile gefunden worden, die der Unglücksmaschine zugeordnet wurden. Darunter befand sich auch eine Frachtpalette. Diese sei aber aus Holz gewesen, teilte Cardoso nun mit. An Bord der Air-France-Maschine habe es jedoch keine einzige Palette aus Holz gegeben. "Also ist klar, dass die Palette nicht von dem Flugzeug ist", so Cardoso. Er gab zudem an, dass ein dem Unglück zugerechneter Ölteppich wahrscheinlich eher von einem Schiff stamme.

Der französische Außenminister Bernard Kouchner bat am Donnerstag um Zeit für die Ermittler. "Im Moment kommen wir nicht richtig voran", sagte er nach einem Treffen mit der französischen Gemeinschaft in Rio de Janeiro. Es werde mehr Zeit gebraucht, um die Ursache für den Absturz zu finden. "Wir suchen die Ursache, weil dies die Menschen auf der ganzen Welt interessiert", sagte Kouchner. Er betonte zugleich, dass es derzeit keinerlei Anzeichen für einen Anschlag als mögliche Unglücksursache gebe. "Aber wir schließen nichts aus."

Wie lange die Suche dauern werde, sei völlig offen. Mittlerweile seien drei Marine-Schiffe, darunter auch eine Fregatte, in dem Absturzgebiet. Die Sicht sei derzeit wegen Regens eingeschränkt, aber die See ruhig, so der Luftwaffensprecher. Bislang wurden auch keine Leichen gefunden.

Absturz in Haigebiet

Dem brasilianischen Verteidigungsminister Nelson Jobim zufolge dauert es mindestens 48, manchmal auch bis zu 70 Stunden, bis Leichen im Wasser an die Oberfläche treiben. Dies geschehe aber auch nur, wenn der Rumpf des Körpers unverletzt sei, so der Politiker laut "O Globo Online".

Der Politiker versprach, dass alle Körperteile geborgen würden, die man finden werde. Aber es sei sehr schwierig, da das Meer an der Unglücksstelle rund 3000 Meter tief sei. Außerdem sei die Absturzstelle vor der Küste des brasilianischen Bundesstaats Pernambuco: "Und Sie wissen, was das bedeutet", sagte der Minister im Hinblick auf das als Hairegion bekannte Gebiet.

Außer den brasilianischen Marineschiffen soll in den kommenden Tagen ein französisches Meeresforschungsschiff in der Region eintreffen, dessen Tauchroboter die Flugschreiber bergen könnten. Um die Unglücksursache zu klären, bedarf es dringend der Daten der beiden Flugschreiber.

Anderer Pilot will Lichtblitz gesehen haben

Der Pilot eines spanischen Linienflugzeugs will beim Absturz der Air-France-Maschine über dem Atlantik einen Lichtblitz in der Nähe der Unglücksstelle gesehen haben. "Wir sahen plötzlich in der Ferne einen starken und intensiven Strahl von weißem Licht, der sich vertikal nach unten bewegte", berichtete der Pilot laut der Madrider Zeitung "El Mundo".

Unterdessen rätselten Experten weiter über die Ursache für den Absturz. Dass ein Blitzschlag oder extreme Turbulenzen allein den Absturz ausgelöst haben könnten, wurde stets bezweifelt. Nun gibt es eine mögliche Erklärung: Nach Informationen der französischen Tageszeitung "Le Monde" soll der Airbus des Typs A330 mit 228 Menschen an Bord in der Gewitterzone über dem Meer nicht mit angemessener Geschwindigkeit geflogen sein.

Der Flieger sei mit falschem Tempo unterwegs gewesen, zitierte die Web-Seite des Blattes einen nicht genannten Experten aus dem Umfeld der Ermittlungen. Nähere Angaben wurden nicht gemacht.

Airbus werde in Abstimmung mit der französischen Luftfahrtaufsicht BEA noch am Donnerstag an alle A330-Kunden eine Mitteilung schicken, in der daran erinnert werde, dass die Besatzung bei schwierigen Wetterbedingungen den richtigen Schub der Triebwerke beibehalten müsse, "um das Flugzeug auf Kurs zu halten", hieß es in dem Bericht.

Nach Meinung eines deutschen Luftfahrtexperten sind die Berichte über ein falsches Tempo jedoch wenig glaubwürdig. "Der Spielraum für die Geschwindigkeit ist relativ schmal in dieser großen Höhe", sagte Heinrich Großbongardt. Fliege man zu langsam, reiße der Strömungsfluss ab, fliege man zu schnell, ebenso: "Das macht kein Pilot aus Versehen." Dagegen könnten heftige Vertikalböen die Geschwindigkeit des Unglücks-Airbus schlagartig verändert und so das Auseinanderbrechen der Maschine verursacht haben.

Ermittlungsbehörde warnt vor Spekulationen

Der Unfallforscher und ehemalige Pilot Jean Serrat verfolgt eine andere Theorie zur Absturzursache: Möglicherweise sei das Flugzeug vereist gewesen. Aus Untersuchungskreisen hieß es unterdessen, auch eine Explosion an Bord werde nicht ausgeschlossen. Das Amt für Unfallanalysen (BEA) in Paris warnte erneut vor Spekulationen über die Unglücksursache.

Die Maschine war in der Nacht auf Pfingstmontag auf dem Weg von Rio de Janeiro nach Paris abgestürzt. Die 228 Insassen kamen aus 32 Ländern. Die Zahl der deutschen Todesopfer wurde am Donnerstag nach oben korrigiert: Bei dem Absturz seien 28 Bundesbürger ums Leben gekommen, teilte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Berlin mit. Zuvor war man von 26 Deutschen ausgegangen. Nach neuen Erkenntnissen hatten aber zwei der Insassen die doppelte Staatsbürgerschaft.

Die Tageszeitung "Le Figaro" berichtete unter Bezug auf Ermittlungskreise, die Trümmer seien über mehr als 300 Kilometern verteilt. Dies spreche dafür, dass das Flugzeug in der Luft auseinandergerissen wurde. Darauf weise auch die letzte automatische Meldung aus der Unglücksmaschine hin, derzufolge der Kabinendruck gefallen sei.

Klar ist bisher: Die abgestürzte Air-France-Maschine ist durch eine starke Gewitterfront geflogen und hat erhebliche technische Probleme gehabt. Das gehe aus den automatischen Funksignalen der Maschine hervor, berichtete die brasilianische Zeitung "O Estado de S. Paulo" unter Berufung auf Quellen bei Air France. Satellitendaten hätten gezeigt, dass zu dieser Zeit bis zu 160 Kilometer pro Stunde schnelle Sturmböen auf die Maschine prallten. Alles habe darauf hingedeutet, dass der Autopilot abgeschaltet und das Computersystem auf eine alternative Energieversorgung umgeschaltet worden sei.

Erkenntnisse über die letzten Minuten vor dem Absturz der Passagiermaschine hatten am Mittwochabend Spekulationen über die Unglücksursache angeheizt. Demnach habe der Airbus A330-200 am Montagmorgen zwar keinen Notruf abgesetzt, jedoch ein Dutzend automatische Botschaften gesendet, wonach mehrere lebenswichtige Systeme an Bord ausgefallen seien (siehe Kasten).

Protokoll: Die letzten Signale des Unglücks-Airbus
23 Uhr (Ortszeit)
Der Pilot meldet der Zeitung "O Estado de S. Paulo" zufolge, dass er durch "CBs" fliege - schwarze, elektrisch aufgeladene Wolken, die mit starken Winden und Blitzen einhergehen. Satellitendaten haben gezeigt, dass Gewitterwolken zu dieser Zeit bis zu 160 Kilometer pro Stunde schnelle Sturmböen gegen die Flugrichtung der Maschine schickten.
23.10 Uhr
Eine Flut automatischer Meldungen deutet auf Probleme hin: Autopilot ausgeschaltet, Kontrollen zur Stabilisierung des Flugzeugs ausgefallen, Flugsysteme beeinträchtigt.
23.13 Uhr
Überwachungssysteme, die Geschwindigkeit, Höhe und Flugrichtung angeben, sind ausgefallen. Der Hauptflugcomputer und die Tragflächenklappen funktionieren nicht mehr.
23.14 Uhr
Die letzte Meldung deutet auf einen Druckabfall in der Kabine und einen kompletten Systemausfall hin - katastrophale Ereignisse, als das Flugzeug womöglich bereits in den Ozean stürzte.

In Rio de Janeiro nahmen am Donnerstag mehrere hundert Menschen an einer bewegenden Trauerfeier teil. Auch der französische Außenminister Bernard Kouchner und sein brasilianischer Amtskollege Celso Amorim gedachten in der ökumenischen Feier der Opfer.

jdl/AFP/dpa/Reuters/AP

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