Air-France-Wrack Die Hoffnung ruht auf zwei roten Kisten

Sie könnten Aufklärung über die Absturzursache von Flug AF447 bringen: Die beiden kürzlich aus dem Südatlantik geborgenen Flugschreiber der Maschine sind zur Auswertung in Paris eingetroffen. Die Experten müssen extrem vorsichtig vorgehen, um die Daten nicht zu gefährden.

DPA

Von , Paris


Es wirkt wie eine Beerdigungszeremonie: Aufgebahrt auf Tischen stehen zwei Plexiglasbehälter mit trüber Flüssigkeit, darin schwimmt je eine rote, verbeulte Metallkiste. Schlagartig verstummen die mehr als hundert Journalisten, die zur Pressekonferenz der französischen Flugunfall-Untersuchungsbehörde BEA gekommen sind. Die Verantwortlichen stellen sich in einer Reihe auf und falten die Hände auf dem Rücken zusammen. Stumm starren sie auf die zwei Reliquien des Air-France-Fluges mit der Flugnummer AF447: den Flugdatenschreiber und den Stimmenrecorder.

Für die Ermittler ist es ein großer Erfolg: Die Flugschreiber des Airbus A330, die fast zwei Jahre lang in rund 4000 Meter Tiefe im Atlantik gelegen hatten, sind in Paris angekommen. Erst wenige Stunden sind sie bei der BEA, noch ungeöffnet. "Wir wissen noch nicht, ob wir die Daten wirklich auslesen können", verkündet der BEA-Direktor Jean-Paul Troadec schließlich vor einem Spalier aus zwei Dutzend Fernsehkameras. "Wir sind zuversichtlich", fügt er hinzu.

Ein Mann beobachtet das Treiben mit gemischten Gefühlen: Bernd Gans, der Vorsitzende des deutschen Hinterbliebenenvereins, hat seine Tochter Ines auf dem Flug von Rio nach Paris verloren. "Es fällt schwer mitanzusehen, wie sie die Flugschreiber wie eine Trophäe vorführen", sagt er mit ruhiger Stimme.

Auf der anderen Seite hat Gans diesen Tag fast sehnsüchtig erwartet: Denn auf den Flugschreibern könnte der Grund gespeichert sein, warum der Airbus mit seiner Tochter und weiteren 227 Menschen an Bord am 1. Juni 2009 in den Atlantik stürzte. "Wenn dieser sinnlose Tod noch einen Nutzen haben kann, dann doch den, Lehren aus dem Unfall zu ziehen und das Fliegen sicherer zu machen."

"Wir müssen peinlich genau aufpassen"

Fast zwei Jahre lang, so empfindet es Gans, habe man schon verstreichen lassen, ohne das Unfallgeschehen zu verstehen. Die Angehörigen sehen es als ein Versagen der Behörden, dass diese nicht schon eher die Flugschreiber der verunglückten Maschine geborgen haben. "Sie haben zunächst an den falschen Stellen gesucht, als wollten sie die Blackbox gar nicht finden", meint Gans - und so denken die meisten Angehörigen.

Die Pressekonferenz markiert einen Endpunkt der bisweilen abenteuerlichen Suche nach dem Wrack des Airbus, die mit Sonar, ferngesteuerten Unterseebooten und Tieftauch-Robotern geführt wurde.

Erst Anfang Mai waren die Geräte aus dem Atlantik geborgen worden. Ein Schiff der französischen Marine brachte sich nach Französisch- Guyana, ein Flugzeug nun nach Paris. Transportiert wurden sie in versiegelten Boxen. Um sie vor Korrosion zu schützen, lagen sie in demineralisiertem Wasser. Bewacht von Dutzenden Polizisten wurden die beiden Kisten mit den Geräten am Donnerstag auf dem Flughafen Le Bourget bei Paris aus einem Kleintransporter ausgeladen.

Nun verlagert sich die Arbeit der Ermittler in die Labore im Erdgeschoss des beigefarbenen Gebäudes am alten Flughafen von Le Bourget. Die roten Metallgefäße werden dort geöffnet, die Datenträger gereinigt und unter dem Mikroskop auf mögliche Schäden untersucht.

"Wir müssen peinlich genau aufpassen, keine elektrostatischen Aufladungen zu produzieren, die die Daten gefährden könnten", erklärt Laborleiter Christophe Menez. Das dauere sicher einen ganzen Tag, am Wochenende könnte Menez mit dem Auslesen der Daten auf einen Computer beginnen, der dem Bordrechner des Airbus gleicht. Auch ein Unfallermittler aus Deutschland wird dabei sein, Lothar Müller von der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung, denn unter den Opfern waren auch 28 Deutsche.

Bergung der Leichen hängt von DNA-Erkenntnissen ab

Noch ist es ein großes Rätsel, warum die Langstreckenmaschine vom Typ Airbus A330-200 im Juni 2009 abstürzte. Sicher ist bislang nur, dass sie in eine Unwetterfront flog und dort Probleme bei der Geschwindigkeitsmessung hatte. Schlechtes Wetter und fehlende Tempodaten allein dürften ein solches Flugzeug normalerweise aber nicht abstürzen lassen.

Neben der Suche nach der Unglücksursache gibt es ein weiteres drängendes Thema: An der Fundstelle liegen nicht nur die Überreste des Fliegers, sondern auch Leichen. Viele Passagiere sind noch an den Sitzen festgeschnallt. Sollen sie geborgen werden? Oder soll man sie ruhen lassen in dem schwer erreichbaren Grab in der Tiefsee? Darüber ist, auch unter den Angehörigen, ein Streit entbrannt.

Auf der Pressekonferenz erläuterte der zuständige französische Staatsanwalt Jean Quintard, wie die französische Justiz vorgehen will: Mit den Flugschreibern seien die Erbinformationen von zwei Opfern geborgen und nach Paris gebracht worden. In einem Privatlabor würden die Gewebeproben derzeit untersucht. "Wenn wir keine verwertbare DNA finden, werden wir keine weiteren Leichen bergen", erklärte Quintard. Falls doch, wolle man all jene Leichen bergen, die einigermaßen intakt wirken.

Für die Angehörigen war dies der wohl schlimmste Moment der 90-minütigen Veranstaltung. Während vor allem brasilianische Hinterbliebene auf jeden Fall möglichst alle Körper bergen wollen, sind die europäischen Angehörigen, vor allem die Deutschen, dagegen. Man solle über ein Kreuz nachdenken, das auf dem Meeresboden verankert wird oder auf einer Boje an der Absturzstelle treibt, sagt Gans: "Wir sollten die Leichen in jedem Falle in Ruhe lassen."

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Bins 12.05.2011
1. Titel des Willens
Zitat von sysopSie könnten Aufklärung über die Absturzursache von Flug AF447 bringen: Die beiden kürzlich aus dem Südatlantik geborgenen Flugschreiber der Maschine sind zur Auswertung in Paris eingetroffen. Die Experten müssen extrem vorsichtig vorgehen, um die Daten nicht*zu gefährden. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,762182,00.html
Wenn die Metallscheiben von Festplatten aus den eingestürzten Twin-Towers rekonstruiert werden konnten, hoffen wir mal in diesem Falle auch das Beste. Wenn die Daten noch lesbar sind, ist das wohl eine technische Meisterleistung der Auswerter UND des Herstellers der Flugschreiber.....
atkatla 12.05.2011
2. titel
Es ist ein Unterschied, ob auf eine Festplatte Schutt fällt (bei denen in den oberen Etagen ist es ja nicht ganz so viel wie bei denen aus den Untergeschossen und Magnetisierung ändert sich dadurch ja eigentlich nicht) oder ob es erst einen Aufschlag mit hoher Geschwindigkeit auf die Wasseroberfläche gibt mit anschliessendem Druckanstiegf auf mehrere tausend Bar und im blödesten Fall noch Wassereintritt. Hoffen wir das Beste. Laut wiki sind Flugschreiber bis 6000m Wasserfest. Aber vermutlich wohl nur, wenn sie relativ unbeschadet anfangen abzusinken. Hoffen wir das beste. Ich seh das so wie der Vater in dem Artikel. Wenn wenigtens was draus gelernt werden kann, dann war es nicht ganz umsonst.
JeZe, 12.05.2011
3. ...
Zitat von BinsWenn die Metallscheiben von Festplatten aus den eingestürzten Twin-Towers rekonstruiert werden konnten, hoffen wir mal in diesem Falle auch das Beste. Wenn die Daten noch lesbar sind, ist das wohl eine technische Meisterleistung der Auswerter UND des Herstellers der Flugschreiber.....
Man sollte sich vor Augen halten, dass die Flugschreiber genau für diesen Zweck konstruiiert werden. Entweder die Daten sind physikalisch noch vorhanden, dann kann man sie auch auslesen, oder eben nicht, dann nützt auch keine technische Meisterleistung was.
topaz75 12.05.2011
4.
---Zitat--- Schlechtes Wetter und fehlende Tempodaten allein dürften ein solches Flugzeug normalerweise aber nicht abstürzen lassen. ---Zitatende--- Woher hat der Autor des Artikels denn diese Weisheit? Schon der Verlust (aller) "Tempodaten" ohne schlechtes Wetter reicht durchaus aus, um ein modernes Verkehrsflugzeug abstuerzen zu lassen. In grossen Hoehen muss die Geschwindigkeit innherhalb sehr enger Grenzen (wenige 10 Knoten) gehalten werden, sonst droht ein Stroemungsabriss. Und das ist halt schwer, ohne Instrumente. Genau das ist auch bei dem Birgenair-Unglueck passiert. http://de.wikipedia.org/wiki/Birgenair
seikor 12.05.2011
5. überflüssig
also irgendwie steht in dem Artikel überhaupt nichts Neues drin. Reines Füllmaterial. Dass es mit den Flugschreiben möglich sein könnte, das Unglück zu rekonstruieren, ist doch jedem klar?? Und das man dabei sorgfältig vorgehen sollte, ist doch auch eine Binsenweisheit... enttäuschend!
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