Airbus-Absturz in Ägypten Für viele Russen ist die Airline schuld

Russland trauert um die 224 Toten des Absturzes über dem Sinai. Die Behörden schließen einen Terroranschlag nicht aus. Öffentlich gerät allerdings die Airline Kogalymawia unter Druck.

Trümmerteile in Ägypten: 224 Menschen starben
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Trümmerteile in Ägypten: 224 Menschen starben

Von , Moskau


Der Schlossplatz liegt im Herzen von Sankt Petersburg, gegenüber des legendären Winterpalais, der Residenz der Zaren. Er ist ein riesiges Halbrund, das den Glanz der Romanow-Dynastie verdeutlichen sollte. Heute meiden Bürger die Mitte dieser fast bedrückenden Weite oft.

Nach dem Absturz von Flug 7K9268 über dem Sinai aber ist das anders. Die meisten Passagiere stammten aus der russischen Millionenstadt und ihrem Umland. Vor der Alexandersäule in der Mitte des Schlossplatzes liegen Blumen und Kerzen. Tausende haben hier am Wochenende der Opfer gedacht. Als die Dunkelheit hereinbrach, hielten sie Lichter in den Himmel und formten daraus den Schriftzug "Mama", ein Zeichen des Mitgefühls gegenüber den zahlreichen Petersburger Familien, die am Samstag Angehörige verloren haben.

Die Behörden stehen am Anfang der Ermittlungen, die Auswertung der Flugschreiber dauert an. Die Behörden gehen davon aus, dass der Airbus in der Luft auseinanderbrach. Dafür spricht das Bild, das sich den Bergungstrupps am Ort des Absturzes bietet: Die Trümmer sind weit verstreut, die Rede ist von bis zu 20 Quadratkilometern. Ein Korrespondent des russischen Staatsfernsehens meldete von der Unglücksstelle, Cockpit und Heck des Flugzeugs seien fünf Kilometer voneinander entfernt gefunden worden. Das Heck liege zudem näher zum Startflughafen, das spreche dafür "dass es als erstes abgerissen wurde".

Die Tageszeitung "Kommersant" zitiert ausführlich einen Behördenmitarbeiter, der mit den Ermittlungen vertraut ist. Demnach soll es im Flugzeug zu einem plötzlichen, extremen Druckverlust gekommen sein. Der Jet sei dadurch praktisch "zersprungen". Ursache könnten demnach die "Explosionswelle einer kleinen Bombe im Gepäck, abgerissene Teile des Motors oder Ermüdungsrisse in tragenden Konstruktionen" des Flugzeugkorpus gewesen sein.

Das Bild an der Absturzstelle ähnele dem eines Absturzes aus dem Jahr 1997. Damals war nahe der russischen Stadt Tscherkessk eine Antonow-24 abgestürzt, 50 Menschen starben. Der Rumpf des Flugzeugs war im Bereich der Toilettenkabinen auseinandergerissen, Grund war damals unentdeckter Rost. Diese Version gelte allerdings aus Behördensicht als nicht wahrscheinlich, schreibt der "Kommersant". Der Airbus 321 sei regelmäßig nach internationalen Standards gewartet worden.

Die mit den Ermittlungen vertraute Quelle wies der Zeitung gegenüber darauf hin, ein Terroranschlag sei bislang nicht auszuschließen. Ein kleiner Sprengsatz könnte ein Loch in die Wand des Flugzeugs gerissen haben - ähnlich wie bei dem Anschlag auf einen Pan-Am-Jet 1988 über dem schottischen Lockerbie.

Die Airline Kogalymawia wiederum erklärte am Vormittag, ein technischer Defekt sei ausgeschlossen. Nur eine "mechanische Einwirkung" könne die Zerstörung des Airbus in der Luft erklären, so Firmenvertreter Alexander Smirnow. Im Übrigen habe das Unternehmen nicht mit finanziellen Problemen zu kämpfen gehabt.

Russlands Bundesagentur für Arbeit hatte am Morgen berichtet, Kogalymawia habe Mitarbeitern zwei Monatsgehälter nicht ausgezahlt. Russlands Flugbranche leidet derzeit unter Rezession und Rubel-Abwertung. Marktführer Aeroflot hat im ersten Quartal 2015 70 Millionen Euro Verlust gemacht. Die zweitgrößte Fluglinie Transaero schlittert gerade in den Bankrott. Utair, Russlands Nummer drei, ging im Frühjahr praktisch pleite und wird nun saniert. Die großen Linien gelten in Russland allerdings als weitgehend modern und sicher.

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Absturz auf dem Sinai: Russland trauert

Aeroflot hat eine der jüngsten Flugzeugflotten weltweit (rund 4,5 Jahre). Regelmäßig in Unglücke verwickelt sind dagegen Mini-Linien. 2011 stürzte in Jaroslawl ein Jet der Firma Jak-Service ab, 2013 ein Flug der Tatarstan Airline. Beiden Unternehmen wurde nach den Abstürzen die Fluglizenz entzogen.

Die Aufsichtsbehörden haben Kogalymawia alle Flüge untersagt. Büros wurden durchsucht, ebenso Räume des zuständigen Tourismus-Veranstalters. Die Frau des Co-Pilots berichtete dem Sender NTW, ihr Mann habe sich über den Zustand des Flugzeugs beschwert. In den vergangenen Jahren gab es bereits Zwischenfälle: 2011 brannte eine Tupolew des Unternehmens aus, drei Personen starben. 2010 wurden bei einer Notlandung einer Kogalymawia-Tupolew 46 Passagiere verletzt.

Das Unternehmen sitzt in einer Kleinstadt in Sibirien und verfügt über ein halbes Dutzend Flugzeuge. Wichtigster Anteilseigner ist der türkische Geschäftsmann Hamit Bagana. Ihm gehört die türkische Airline Onur Air. Sie galt früher als anfällig, 2005 war ihr zwischenzeitlich verboten, Ziele in der EU anzufliegen. Die Unglücksmaschine wurde vor Jahren auch von Onur Air benutzt.

Alexej Puschkow, Chef des Außenausschusses der Duma und Mitglied der Kreml-Partei "Einiges Russland", fordert ein Eingreifen des Staates. "Die Katastrophen der letzten Jahre stehen in der Regel in Zusammenhang mit kleinen Firmen. Die wollen maximalen Gewinn bei minimalen Aufwendungen", so Puschkow. Bis auf die größten drei Airlines sollte der Staat deshalb alle anderen schließen.

Ähnlich sieht das auch die oppositionsnahe Zeitung "Nowaja Gaseta". Dort schreibt die Kolumnistin Julija Latynina, im Westen würden Flugzeuge nur im Falle einer Verkettung von sehr unglücklichen Umständen abstürzen. In Russland dagegen seien sie die "gesetzmäßige Folge eines Saustalls"

Video: Unglücksmaschine offenbar in der Luft zerborsten

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