Gesägt, getan Ausgeschraubt

Antriebslos

Antriebslos

Foto: SPIEGEL ONLINE

Zu seinem Akkuschrauber hatte Benjamin Schulz ein fast zärtliches Verhältnis. Dann verabschiedete sich das Gerät in den Werkzeughimmel. Jetzt ist der Trennungsschmerz akut. Ein Nachruf.

Er war er ein treuer Begleiter über viele Jahre. Immer da, wenn ich ihn brauchte. Seine Energie war oft die Rettung in höchster Not. Wenn ich ihn berührte, spürte ich sofort die Verbindung zwischen uns. Er machte mir das Leben leichter, hielt zu mir, auch wenn ich ihn fallenließ.

Mein Akkuschrauber.

Nun muss ich Abschied nehmen. Mein treuer Gefährte ist von mir gegangen. Sein Ableben hatte sich angedeutet. Er hatte weniger Schwung als früher. Er brauchte länger, um nach der Arbeit wieder zu Kräften zu kommen. Da wollte jede Schraube genau überlegt sein.

Es dauerte handgestoppte 20 Sekunden, um eine Zwölf-Zentimeter-Schraube testweise in einem Balken zu versenken. Dort blieb sie dann auch, denn beim Rausdrehen war der Akku alle. Aber dass es so schnell enden sollte, kam überraschend.

Vor ein paar Wochen wollte ich eine Schraube eindrehen, höchstens sechs Zentimeter lang.

Der Schrauber drehte. Und drehte. Und drehte. Die Schraube bewegte sich keinen Millimeter. Dafür machte der Schrauber ähnliche Geräusche wie mein Holzbohrer, als er Bekanntschaft mit dem Metallspatenblatt machte. Hören Sie selbst:

Akku schwach, Getriebe im Eimer.

Als ich ihn bekam, beschränkte sich der Einsatz darauf, ab und zu ein Regal oder einen Schreibtisch aufzubauen. Aus Begeisterung drehte ich manche Schrauben mehrmals raus und wieder rein, obwohl das für die Stabilität der Möbel sicherlich nicht dienlich war.

Die schönen Erinnerungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Schrauber nicht mehr zu gebrauchen ist. Wie sehr er mir fehlt, merke ich erst jetzt, da ich ihn nicht mehr benutzen kann. Akkuschrauber-Entzug Cold Turkey ist ein unterschätztes gesellschaftliches Problem. Ein Kollege hat seit einer Weile auch einen und sagte mir letztens, er frage sich, wie er jemals ohne leben konnte.

Nun stehe ich vor der Aufgabe, einen neuen zu finden. Und ich fühle mich deshalb ein bisschen schäbig. Ein bisschen so wie bei Gerhart Polt, in dessen Sketch "Am Krankenbett" der Hausstand der Oma schon verteilt wird, obwohl die alte Dame noch gar nicht gestorben ist.

Mechanisch ist mein Schrauber ja noch nicht ganz tot, aber es ist klar: Das wird nix mehr.

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Ich kann mich nicht erinnern, über eine Anschaffung jemals so lange und gründlich nachgedacht (okay, herumgegoogelt) zu haben. Lieber gebe ich 250 Euro für einen Akkuschrauber aus als für ein Smartphone. Werkzeug, pfleglich behandelt, kann Jahrzehnte halten. Ich benutze ein Beil, das meinem Urgroßvater gehörte. Mein Vater hat eine Bohrmaschine von seinem Vater geerbt, die ist immer noch in Ordnung. Ein Smartphone ist dagegen nach spätestens fünf Jahren Elektroschrott.

Und wie bei Handys ist oft auch beim Schrauber der Akku die Schwachstelle. Den wichtigsten und wahrsten Satz dazu hat ein Bekannter gesagt: "Über eines musst du dir im Klaren sein: Wenn du den Akkuschrauber brauchst, ist er leer."

Nun lese ich Kataloge, in denen von Amperestunden, Leerlaufdrehzahlen und Drehmoment-Einstellungen die Rede ist. Ich grüble, ob ein um drei Millimeter größeres Bohrfutter einen Aufpreis von hundert Euro wert ist. Und ich frage mich, was zu mir passt.

Ideal wäre ein großes Ding mit Dampf für die harten Aufgaben und ein kleiner, handlicher, für den Innenbereich und Möbelaufbau. Aber ich hätte vermutlich größere Chancen, den Kauf eines zweiten Backofens durchzusetzen als den Kauf zweier Akkuschrauber.

Fest steht nur: Es muss bald was passieren. Beim neuen Schrauber sollen die Leute nicht mehr mitleidig bis amüsiert lächeln, sondern anerkennend nicken. Und vor allem: Der nächste Trennungsschmerz soll mir für lange Zeit erspart bleiben.

Der alte Schrauber liegt übrigens noch im Regal. Aus sentimentalen Gründen.


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