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23. März 2011, 06:10 Uhr

AKW Fukushima

Tagelöhner kämpfen gegen nukleare Katastrophe

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Ein paar hundert Menschen versuchen im japanischen AKW Fukushima, den drohenden Super-GAU zu verhindern. Nicht alle von ihnen sind erfahrene Nukleartechniker - auch Hilfsarbeiter sind dabei. Feuerwehrleute sollen von der Regierung massiv unter Druck gesetzt worden sein.

Hamburg - Sie werden als einsame Helden gefeiert, als Japans letzte Hoffnung im Kampf gegen den drohenden Super-GAU: Doch strenggenommen gibt es die "Fukushima 50" schon seit einigen Tagen nicht mehr - aus ihnen sind die "Fukushima 500" geworden. Feuerwehrmänner, Techniker, Soldaten, Mitarbeiter von Zulieferfirmen, sie alle riskieren am havarierten Kraftwerk ihr Leben.

Viel wurde gerätselt über die Helden von der Strahlenfront. Wer sind die Männer? Arbeiten sie freiwillig? Oder wurden sie abkommandiert? Der AKW-Betreiber Tepco gibt darüber bisher keine Informationen. Auch über die Soldaten wurde nichts bekannt. Mehr drang über die Arbeitsbedingungen des "Hyper Rescue Teams", einer Spezialeinheit der Tokioter Feuerwehr, an die Öffentlichkeit. Offenbar wurden die Männer massiv unter Druck gesetzt.

"Wenn ihr nicht schneller arbeitet, müsst ihr mit eurer Suspendierung rechnen", soll ein Mitglied der Regierung den Feuerwehrmännern gedroht haben. Außerdem hätten die Männer stundenlang am AKW ausharren müssen. Das behauptete Tokios Gouverneur Shintaro Ishihara laut der Nachrichtenagentur Jiji. Ishihara beschwerte sich deshalb bei Premierminister Naoto Kan. Wer die Anweisung gab, will Ishihara nicht gewusst haben; er vermutete aber, sie sei "von ganz oben" gekommen.

Und die Beschwerde zeigte Wirkung: Am Dienstag übernahm Industrie- und Wirtschaftsminister Banri Kaieda, zugleich stellvertretender Leiter des Fukushima-Krisenstabs, die Verantwortung: "Wenn meine Bemerkungen Feuerwehrmänner verletzt haben, (…) möchte ich mich in diesem Punkt entschuldigen." Näher ging er auf die Vorwürfe nicht ein. Das hatte zuvor schon Ishihara getan: "Mit solch einer blöden Äußerung wird die Mannschaft entmutigt", klagte der Gouverneur. "Sie verliert den Kampfgeist im Krieg." Laut Ishihara sind die eingesetzten Wasserwerfer für maximal vierstündige Einsätze ausgelegt. Auf Anordnung der Regierung dauerte der Einsatz allerdings sieben Stunden. Alle Fahrzeuge seien nun Schrott, klagte Ishikawa.

"Sie können nicht wirklich helfen"

Die Menschen in Fukushima arbeiten im extremen Grenzbereich. Und nicht alle von ihnen scheinen der Aufgabe gewachsen zu sein. Berichte, Tepco schicke Obdachlose in das Unglücks-AKW, bestätigten sich zwar nicht. Es handelt sich vermutlich eher um Zeitarbeiter. Doch die sind offenbar überhaupt nicht auf die Situation vorbereitet.

Shingo Kanno ist einer von ihnen. Laut einem Bericht des "Guardian" hatte sich Kanno, Familienvater und Tabakbauer aus der Gegend um das AKW, für Hilfsarbeiten in Fukushima anheuern lassen, um etwas Geld nebenbei zu verdienen. Bereits vor der Katastrophe war er als Bauarbeiter in dem Kraftwerk. Als der nukleare Ernstfall eintrat, wurde er zunächst nach Hause geschickt. Doch dann kam ein Anruf aus dem AKW, ob er nicht zurückkehren könne.

Kannos Großonkel sagte der Zeitung: "Sie werden 'nukleare Samurai' genannt, weil sie ihr Leben riskieren, um ein Leck zu dichten. Aber Leute wie Shingo sind Amateure, sie können nicht wirklich helfen, sie sollten nicht da sein."

Warum also riskieren Männer wie Shingo Kanno im Unglücks-AKW ihr Leben?

Ein Mann, der bei einem Zulieferer arbeitet und demnächst in Fukushima eingesetzt werden soll, sagte der japanischen Zeitung "Mainichi": "Wenn ich den Einsatz ablehne, könnte meine Karriere vorbei sein. Deshalb möchte ich den Anweisungen der Firma folgen, soweit es möglich ist." Er wolle weiterhin für seinen jetzigen Arbeitgeber arbeiten. "Ich habe zwar Angst, aber möchte gerne mithelfen, die Katastrophe so klein wie möglich zu halten."

Die wichtigsten Aufgaben der vergangenen Tage waren das Kühlen der Reaktorblöcke und die Wiederherstellung der Stromversorgung. Wegen der hohen Strahlung und der Explosionsgefahr ist vor allem die Arbeit an der Elektrizität hochgefährlich. Nur rund 70 erfahrene Techniker können nach Angaben der Betreiberfirma Tepco daran arbeiten, berichtet "Mainichi".

Seine Familie beschwor ihn vergeblich

Die Männer schuften demnach teilweise in kompletter Dunkelheit, sie wechseln sich im Schichtbetrieb ab, um der Strahlung nicht zu lange ausgesetzt zu sein. Sie tragen Schutzanzüge, Gesichtsmasken, Gummihandschuhe. "Es ist eine mühselige und zeitaufwendige Arbeit", sagte ein Sprecher von Tepco.

Als Shingo Kanno gebeten wurde, ins AKW Fukushima zurückzukehren, da bekniete ihn seine Familie, nicht zu gehen, schreibt der "Guardian" Sie sagten, er sei Landwirt und kein Nukleartechniker, er habe Verantwortung für seine Eltern und für seine kleine Tochter. Am vergangenen Freitag ging Shingo Kanno dennoch zurück zum Kernkraftwerk Fukushima I. Seitdem hat seine Familie nichts mehr von ihm gehört.

Mitarbeit: Yasuko Mimuro

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