AKW Fukushima Tepco bezweifelt eigenen Krisen-Fahrplan

Diese Aussagen dürften das Vertrauen in das Tepco-Krisenmanagement weiter untergraben: Der Betreiber des havarierten AKW Fukushima geht offenbar davon aus, die Anlage nicht wie angekündigt bis zum Jahresende stabilisieren zu können.

Inspektoren am AKW Fukushima: "Größere Verzögerung der Arbeit"
DPA/Tokyo Electric Power

Inspektoren am AKW Fukushima: "Größere Verzögerung der Arbeit"


Tokio - In sechs bis neun Monaten, spätestens aber bis Ende des Jahres, soll die Krise im havarierten Atomkraftwerk Fukushima unter Kontrolle sein - mit diesem Zeitplan wagte sich der AKW-Betreiber Tepco Mitte April an die Öffentlichkeit. Nun wird klar: Die Manager könnten zu optimistisch gewesen sein, Tepco traut offenbar seinen eigenen Plänen nicht mehr.

Das berichtet die japanische Nachrichtenagentur Kyodo unter Verweis auf ranghohe Tepco-Mitarbeiter. Ihrer Aussage zufolge ist es unmöglich, das AKW Fukushima bis Ende des Jahres zu stabilisieren. Es werde "eine größere Verzögerung der Arbeit" geben, wird ein Tepco-Manager zitiert. Offenbar hängt die veränderte Einschätzung mit der Enthüllung zusammen, dass es nicht nur in einem Reaktor, sondern in insgesamt drei Meilern des Katastrophen-AKW zu Kernschmelzen gekommen war.

Am Wochenende hatte es eine neue Hiobsbotschaft aus dem Katastrophen-AKW gegeben: In einem Reaktor war zwischenzeitlich das Kühlsystem ausgefallen. Betroffen gewesen sei die Kühlwasserpumpe für den Reaktor 5 und das dortige Abklingbecken für benutzte Brennstäbe, teilte Tepco am Sonntag mit. Die Probleme mit dem Motor der Pumpe seien am Samstagabend (Ortszeit) entdeckt worden. Am Sonntagmorgen sei bei einer viereinhalbstündigen Reparatur eine neue Pumpe eingesetzt worden. Diese sei nun in Betrieb.

Das Wasser im Reaktor hatte eine Temperatur von 68 Grad, als die Panne entdeckt wurde, wie Tepco mitteilte. Die Temperatur sei zwischenzeitlich auf 93,7 Grad angestiegen, bis die neue Kühlpumpe in Gang gesetzt worden sei. Nach dem Erdbeben der Stärke 9,0 und dem folgenden Tsunami am 11. März war es in Fukushima zur schlimmsten Atomkatastrophe seit Tschernobyl vor 25 Jahren gekommen, als die Kühlsysteme von vier der sechs Reaktoren ausfielen. In den Reaktoren 1, 2, und 3 kam es daraufhin aller Wahrscheinlichkeit nach zu Kernschmelzen. Die Reaktoren 5 und 6 befanden sich zum Zeitpunkt des Erdbebens in Wartung.

Japaner misstrauen ihrer Regierung

Die Krise um das havarierte AKW macht sich auch politisch bemerkbar. 70 Prozent der japanischen Wähler wollen, dass Premierminister Naoto Kan seinen Posten verliert. Das geht aus einer aktuellen Umfrage für die Zeitung "Nikkei" hervor. Allerdings ist die Hälfte der Wahlberechtigten der Meinung, Kan sollte zumindest vorerst bleiben und die ersten Schritte der Krisenbewältigung koordinieren. Drei Viertel der Befragten sind der Ansicht, die Regierung habe bei der Bewältigung der Krise schlecht gearbeitet.

Kan könnte im Parlament schon in dieser Woche ein Misstrauensvotum bevorstehen. Die Liberaldemokraten, Japans größte Oppositionspartei, hatten in der vergangenen Woche angekündigt, ein solches Verfahren im Parlament zu starten. Die meisten Oppositionsparteien wollen sich der Initiative anschließen. Allerdings sind die Erfolgschancen eher gering: Mehr als 70 der gut 300 Parlamentarier von Kans Demokratischer Partei müssten gegen den Premierminister stimmen.

Unterdessen warnte die Meteorologische Behörde am Montag vor möglichen Erdrutschen in der Katastrophenregion infolge andauernder Regenfälle. Zwar schwäche sich der Regen inzwischen ab, doch sei der Boden nach dem Mega-Beben und dem Jahrhundert-Tsunami vom 11. Märzgelockert. Berichte über Schäden lagen aber zunächst nicht vor. Der Regen ist eine Folge eines inzwischen zur Tiefdruckzone abgeschwächten Taifuns. Dieser hatte zuvor den Süden mit Regen und starken Winden überzogen. Ein Mensch starb, 61 wurden verletzt.

ulz/Reuters/dpa/AFP



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TiNgElTaNgEl 30.05.2011
1. .
Zitat von sysopDiese Aussagen dürften das Vertrauen in das Tepco-Krisenmanagement weiter untergraben: Der Betreiber des havarierten AKW Fukushima geht offenbar davon aus, die Anlage nicht wie angekündigt bis zum Jahresende stabilisieren zu können. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,765577,00.html
Ich dachte die Lage sei schon stabil? Das wurde doch immer wieder betont.
kabelfritze 30.05.2011
2. Welches Vertrauen?
Zitat von sysopDiese Aussagen dürften das Vertrauen in das Tepco-Krisenmanagement weiter untergraben: Der Betreiber des havarierten AKW Fukushima geht offenbar davon aus, die Anlage nicht wie angekündigt bis zum Jahresende stabilisieren zu können. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,765577,00.html
Was mein Vertrauen am meisten untergräbt ist die Tatsache, dass Tepco nicht sagt, welche Maßnahmen überhaupt zur "Stabilisierung" ergriffen werden sollen. Wenn schon die Rede von einem Zeitpunkt war, muss doch die Vorgehensweise längst klar sein. Oder ist sowas ein Firmen- bzw. Staatsgeheimnis?
nobi007 30.05.2011
3. Das wissen sie doch selbst nicht
Zitat von kabelfritzeWas mein Vertrauen am meisten untergräbt ist die Tatsache, dass Tepco nicht sagt, welche Maßnahmen überhaupt zur "Stabilisierung" ergriffen werden sollen. Wenn schon die Rede von einem Zeitpunkt war, muss doch die Vorgehensweise längst klar sein. Oder ist sowas ein Firmen- bzw. Staatsgeheimnis?
Es tauchen doch täglich neue Probleme auf. Sie glauben sie haben die Atomkraft unter Kontrolle, alles Sicher ? Wir in Europa haben auch alles im Griff !?!?
janne2109 30.05.2011
4. Warum schicken
die anderen Atomnationen keine Fachkräfte dort runter, bittet die jap. Regierung nicht um Hilfe von außen, um überhaupt mal zu sehen was zu tun möglich ist? Ohne diese Menschen natürlich zu gefährden.Offensichtlich ist doch die jap. Regierung bisher nicht in der Lage dank Tepco die eigene Bevölkerung zu schützen. Hier ist eine Regierung in der Lage ein Volk langfristig krank werden zu lassen. Die reichen Japaner haben eh schon reißaus genommen und ihre Familien ins Ausland gekarrt.
baggertonia 30.05.2011
5. Welchen Plan denn?
Wenn sie doch endlich zugeben würden, dass sie allesamt (Tepco und Regierung) keinen Plan haben... dann könnte vielleicht endlich ein internat. Expertenteam eingreifen und das Schlimmste verhindern. Mal sehen, wie lange es dauert, bis sie ihren (unangebrachten) Stolz endlich ablegen.
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