AKW Fukushima USA zweifeln an Japans Rettungsstrategie

Tun die japanischen Techniker das Richtige, um eine noch größere Katastrophe im AKW Fukushima zu verhindern? Zum ersten Mal haben die USA den Kriseneinsatz ihres Verbündeten in Frage gestellt: Die Behörden verschleierten die Gefahr - und konzentrierten sich auf den falschen Reaktor.


Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Militärhubschrauber werfen zur Kühlung Wasser über dem Reaktorblock 3 im japanischen AKW Fukushima ab (mehr im Liveticker). Doch Fernsehbilder legen nahe, dass die verzweifelte Aktion vergebens ist, weil ein Großteil der Wassermenge sich bereits in der Luft zerstreut und den Reaktorblock gar nicht mehr gezielt erreicht.

Amerikanische Experten glauben, dass sich die Japaner auf den falschen Reaktor konzentrieren und ein anderer noch viel gefährdeter ist: der Reaktor 4. Die US-Atombehörde hat überraschend deutlich zu erkennen gegeben, dass sie Angaben ihres wichtigsten Verbündeten in Asien vor Ort misstraut. Die Brennstäbe im Reaktor 4 lägen trocken, sagte Gregory Jaczko, Chef der Atomregulierungsbehörde NRC, in Washington.

Im Abklingbecken gebe es kein Wasser mehr, die dort gelagerten Brennstäbe lägen vermutlich im Trockenen. Die Strahlung dort sei deshalb "extrem hoch" und stelle für die noch in der Anlage befindlichen Arbeiter eine tödliche Gefahr dar, wurde Jaczko in der "New York Times" zitiert. Seine Informationen habe er zum Teil von japanischen Kollegen, aber auch von unabhängigen Quellen, berichtete Jaczko. Es war das erste Mal, dass ein hochrangiger US-Offizieller sich kritisch zur Informationspolitik der Japaner äußerte.

Die japanischen Kollegen bestreiten bislang eine solche Gefährdung im Reaktor 4 - oder relativieren, der Zustand dort sei nicht mit Sicherheit zu bestätigen. "Wir haben Angst, dass der Wasserstand im Reaktorblock 4 der niedrigste ist", sagte immerhin Hikaru Kuroda, ein Mitarbeiter des Kraftwerkbetreibers Tepco. Weil sich die Arbeiter diesem Block nicht nähern könnten, sei es nur möglich, "die Lage visuell von weit weg" zu beobachten.

Auch IAEA wegen Reaktor 4 besorgt

Alarm schlug auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA): Die Temperatur in den Abklingbecken der abgebrannten Brennelemente hätten dramatisch hohe Werte erreicht. Im Reaktor 4 wurden schon am Montag und Dienstag 84 Grad Celsius gemessen. Laut IAEA wird die Temperatur in den Aufbewahrungsbecken unter normalen Umständen unter 25 Grad Celsius gehalten.

Für die Abklingbecken in den noch als weitgehend intakt geltenden Reaktoren 5 und 6 meldete die IAEA für Mittwoch 6 Uhr deutscher Zeit 62,7 beziehungsweise 60 Grad Celsius.

Über den Wasserstand der Becken machte die IAEA keine Angaben, sondern nur zur Temperatur. Das Kühlsystem benötigt für das Umwälzen des Wassers konstante Stromversorgung, was in dem havarierten AKW nicht mehr der Fall ist. "Falls die Brennelemente nicht mehr länger von Wasser umschlossen sind oder die Wassertemperatur den Siedepunkt erreicht, (...) können die Brennstäbe das Risiko radioaktiver Verstrahlung bergen", teilte die IAEA mit.

Amerikaner halten Schutzzone für Bürger für zu klein

Die Amerikaner zogen bereits Konsequenzen aus ihren Erkenntnissen: Sie forderten ihre in Japan lebenden Bürger und ihre Soldaten im Hilfseinsatz auf, sich in einem Umkreis von 80 Kilometern zu den havarierten Reaktoren in Sicherheit zu bringen oder sich nur in Gebäuden aufzuhalten. Die japanischen Behörden hatten die Bewohner des Katastrophengebiets nur aufgefordert, sich in einer Entfernung von 30 Kilometern nicht im Freien aufzuhalten.

Ähnlich kritisch wie die Amerikaner beurteilte auch der Gouverneur der Präfektur Fukushima die Lage. Die Evakuierungsvorbereitungen seien unzureichend, sagte Yuhei Sato dem japanischen Fernsehsender NHK. "Die Angst und Entrüstung, die Menschen in Fukushima empfinden, haben den Siedepunkt erreicht", sagte er.

US-Präsident Barack Obama telefonierte am Mittwochabend mit Japans Regierungschef Naoto Kan über die Lage im Katastrophengebiet. In einer Mitteilung des Weißen Hauses hieß es, die beiden Regierungschefs hätten ihr Bündnis bekräftigt und über Schritte gesprochen, die die USA unternehmen, um für die Sicherheit ihrer Bürger in Japan sorgen.

Die US-Regierung ordnete erste Evakuierungen von US-Bürgern aus Japan an. Es sollen Flugzeuge gechartert werden, um Bürgern zu helfen, die vor den erhöhten Strahlenwerten fliehen wollen. Von den freiwilligen Evakuierungen waren rund 600 Angehörige von Mitarbeitern der US-Regierung in Tokio und Yokohama betroffen.

Das US-Außenministerium gab eine Reisewarnung für Japan heraus und legte US-Bürgern in Japan nahe, das Land zu verlassen. Die angekündigten Charterflugzeuge würden privaten US-Bürgern zu Hilfe kommen, die das Land verlassen wollen, teilte ein Mitarbeiter des US-Außenministeriums, Patrick Kennedy, mit. Für Menschen im Süden Japans bestehe zwar geringere Gefahr, die wechselnden Wetter- und Windverhältnisse könnten aber in den kommenden Tagen zu einem Anstieg der radioaktiven Strahlung an anderen Orten im Land führen.

Auch das deutsche Außenministerium in Berlin rät den rund tausend verbliebenen Deutschen im Großraum Tokio-Yokohama, sich in anderen Landesteilen in Sicherheit zu bringen oder das Land zu verlassen. Es handele sich um eine "erhebliche Aktualisierung" der Reisehinweise, sagte ein Sprecher. Teile der deutschen Botschaft sind nach seinen Worten von Tokio nach Osaka verlegt worden, um den Bundesbürgern konsularisch zu helfen.

als/dpa/DAPD/Reuters

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Seite 1
Barath 17.03.2011
1. ...
Zitat von sysopTun die japanischen Techniker das Richtige, um eine noch größere Katastrophe im AKW Fukushima zu verhindern? Zum ersten Mal haben die USA den Kriseneinsatz ihres*Verbündeten in Frage gestellt: Die Behörden verschleierten die Gefahr - und konzentrierten sich auf den falschen Reaktor. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751455,00.html
Will jemand bitte nochmal was von der "German-Angst", dem "deutschen Panikbürger" oder den "vorbildlich, pragmatischen Japanern" schreiben? Nicht das hier noch hinterher ein paar Leute aufwachen müssen...
gunman, 17.03.2011
2. Weitermachen ...
Zitat von sysopTun die japanischen Techniker das Richtige, um eine noch größere Katastrophe im AKW Fukushima zu verhindern? Zum ersten Mal haben die USA den Kriseneinsatz ihres*Verbündeten in Frage gestellt: Die Behörden verschleierten die Gefahr - und konzentrierten sich auf den falschen Reaktor. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751455,00.html
Man darf gespannt sein, wie oft diese Geschichte noch umgeschrieben werden wird. Die Wahrheit werden am Ende nur wenige kennen. Insoweit, weitermachen ...
calypte 17.03.2011
3. soso
Zitat von sysopTun die japanischen Techniker das Richtige, um eine noch größere Katastrophe im AKW Fukushima zu verhindern? Zum ersten Mal haben die USA den Kriseneinsatz ihres*Verbündeten in Frage gestellt: Die Behörden verschleierten die Gefahr - und konzentrierten sich auf den falschen Reaktor. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751455,00.html
Wieso belädt man nicht 20 fette Flugzeuge mit Eis und Schnee und wirft das ganze dort drauf ? Mhh ob ich noch schnell nen Patent darauf anmelde?
benutzer750 17.03.2011
4. Da hilft nur noch beten.
Zitat von sysopTun die japanischen Techniker das Richtige, um eine noch größere Katastrophe im AKW Fukushima zu verhindern? Zum ersten Mal haben die USA den Kriseneinsatz ihres*Verbündeten in Frage gestellt: Die Behörden verschleierten die Gefahr - und konzentrierten sich auf den falschen Reaktor. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751455,00.html
Oje. Wenn das stimmt, was die USA mit ihren Drohnen herausgefunden haben, ist es wirklich sehr ernst, denn dann wäre Inkompetenz am Werk und das darf in einem Fall, in dem es um die Rettung von Menschenleben geht, gar nicht sein. Wir können nur beten, dass die Verantwortlichen das Richtige tun und dass die Maßnahmen rechtzeitig fruchten. PS: Interessanter Weise droht die größte Gefahr offenbar von einer Seite, die in den üblichen Szenarien nicht vorkommt, nämlich aus dem ungekühlten Abklingbecken und nicht aus den Reaktoren. Abklingbecken haben keine Sicherheitshülle.
Koana 17.03.2011
5. Egal wie man es betrachtet...
Zitat von sysopTun die japanischen Techniker das Richtige, um eine noch größere Katastrophe im AKW Fukushima zu verhindern? Zum ersten Mal haben die USA den Kriseneinsatz ihres*Verbündeten in Frage gestellt: Die Behörden verschleierten die Gefahr - und konzentrierten sich auf den falschen Reaktor. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751455,00.html
... selbst wenn man jetzt das AKW rettet, die Verstrahlung des Raumes Nordjapan minimal bleibt, so hat man doch nur das Symptom ein weiteres mal eingedämmt. Nachdenken! http://oberham.wordpress.com/
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