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14. März 2011, 18:31 Uhr

AKW Fukushima

Verzweifelter Kampf gegen die Kernschmelze

Zum zweiten Mal binnen weniger Stunden liegen die Brennstäbe im AKW Fukushima völlig frei - eine Panne hat dazu geführt, dass die Kühlung mit Meerwasser abgeschaltet wurde. Die japanische Regierung hat 230.000 Dosen Jod an die Notunterkünfte nahe der Unglücksanlage verteilt.

Tokio/Berlin - Die Lage im Atomkraftwerk Fukushima I spitzt sich weiter zu: Offenbar hat eine Panne dazu geführt, dass die Situation in Reaktor 2 eskaliert ist. Die Brennstäbe im Reaktor 2 lägen zum zweiten Mal an diesem Montag völlig frei, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo.

Stunden zuvor war der Kühlwasserstand bereits einmal kurzzeitig so stark gesunken, dass die Brennstäbe frei lagen. Mit Hochdruck arbeiteten die Techniker daran, Meerwasser in den Reaktor zu pumpen und ihn so zu kühlen. Regierungssprecher Yukio Edano zeigte sich optimistisch und erklärte, er hoffe, dass die anhaltenden Arbeiten die Situation stabilisieren ( mehr dazu im Liveticker).

Doch wenig später folgte der Rückschlag: Der öffentlich-rechtliche Nachrichtensender NHK berichtete, ein Luftstrommessgerät sei versehentlich abgeschaltet worden. Der Luftdruck sei gestiegen, die Zufuhr kühlenden Wassers in den Reaktor sei gestoppt worden. In der Folge kam es gegen 23 Uhr Ortszeit (15 Uhr MEZ) erneut zur völligen Freilegung der Brennstäbe. Dieses Freiliegen erhöht die Gefahr einer Kernschmelze drastisch.

Auch in zwei weiteren Reaktoren des Störfall-AKW, die Blöcke 1 und 3, war zuvor Meerwasser eingeleitet worden, um die Kühlung sicherzustellen. An beiden Blöcken hatte es zuvor Knallgasexplosionen gegeben, insgesamt 15 Arbeiter waren dabei verletzt worden. Am Montagmorgen war bei einer Detonation das Dach von Reaktor 3 eingestürzt. Die innere Hülle des Reaktors sei aber intakt geblieben, beteuerte die Betreiberfirma Tokyo Electric Power Company (Tepco).

"Entscheidend sind die ersten Stunden"

Die Informationen aus Japan widersprechen sich. Fest steht aber: Nach Angaben der Betreiberfirma ist die radioaktive Strahlung in der Unglücksanlage gestiegen. Grund könnte der Beginn einer Kernschmelze sein. Nach Angaben der Regierung in Tokio droht ein solcher Prozess in drei der insgesamt sechs Blöcke von Fukushima I.

Das ist in den einzelnen Blöcken des Atomkraftwerks Fukushima passiert:

Deutsche Reaktorexperten sind trotz der beunruhigenden Nachrichten von Reaktor 2 optimistisch, dass die befürchtete nukleare Katastrophe in Japan nicht eintritt. Vor allem der Faktor Zeit spielt dabei eine entscheidende Rolle. "Entscheidend sind die ersten 20, 30 Stunden nach der Schnellabschaltung", sagte Antonio Hurtado, Professor für Kernenergietechnik von der TU Dresden, und die seien inzwischen verstrichen. Wenn ein Reaktor abgeschaltet werde, würden anfangs sieben bis acht Prozent seiner Leistung als Nachzerfallswärme weiter produziert. Diese Menge gehe dann jedoch schnell zurück.

Die Meiler des Atomkraftwerks Fukushima waren am Freitag unmittelbar nach dem schweren Erdbeben heruntergefahren worden. "Die kritischste Phase ist mittlerweile überwunden, wir sind daher vorsichtig optimistisch", sagte der Reaktorexperte. "Nach den uns vorliegenden Informationen beherrschen die Betreiber die Situation inzwischen besser."

Der Münchner Strahlenschutzexperte Herwig Paretzke hält die befürchtete Verstrahlung großer Regionen inzwischen sogar für unwahrscheinlich. "Selbst wenn es jetzt noch zu einer großen Explosion und Freisetzung von Nukliden kommen sollte, wären die Folgen nicht so schlimm wie damals in Tschernobyl", sagte der Forscher vom Helmholzzentrum München. "Die Kernreaktion wurde ja schon vor Tagen gestoppt, und die dabei entstehenden besonders gefährlichen Nuklide haben kurze Halbwertzeiten und sind kaum noch vorhanden." Inzwischen würden in den Meilern, nach allem, was man wisse, keine gefährlichen Nuklide mehr produziert.

Hamsterkäufe - und eine Bewegung gen Süden

In Deutschland und anderen Staaten entbrannte angesichts der Katastrophe die Debatte um die Atomenergie neu. Die Bundesregierung rückte von ihrem Kernkraftkurs ab: Sie stellte die erst im Herbst beschlossenen längeren Laufzeiten infrage. Möglicherweise könnten einzelne Anlagen sofort abgeschaltet werden. Die Opposition forderte einen raschen Atomausstieg. Der Münchner Strahlenexperte Edmund Lengfelder sagte: "Eigentlich müssten acht der deutschen Reaktoren sofort abgeschaltet werden."

In Japan wuchsen Chaos und Verzweiflung. Strom, Lebensmittel und Kraftstoff wurden knapp. Das betraf nicht nur die unmittelbare Katastrophenzone des Bebens mit Tsunami im Nordosten des Landes, sondern auch Tokio. Vor Supermärkten und Tankstellen bildeten sich lange Schlangen. Die Behörden zählten seit dem Erdbeben und den Riesenwellen vom Freitag 5000 Tote und namentlich bekannte Vermisste. Hinweise auf deutsche Opfer hatte das Auswärtige Amt nicht. 550.000 Menschen suchten Zuflucht in Auffanglagern. Andere setzten sich nach Süden ab, weg vom Ort der Atomstörfälle.

Auf EU-Ebene wollen die Energieminister der 27 Mitgliedstaaten auf einem Krisentreffen an diesem Dienstag in Brüssel über die Lage beraten. "Dabei geht es um die Frage, ob wir europaweit neue Regeln festlegen müssen", sagte eine Kommissionssprecherin. Die Laufzeiten stehen dort aber nicht zur Debatte. Die Frage, ob sie Atomkraft nutzen, entscheiden die EU-Staaten selbständig. 14 von ihnen betreiben insgesamt 143 AKW. 17 davon stehen in Deutschland.

An der Börse von Tokio brachen die Kurse am Montag nach dem Erdbeben massiv ein. Europas Börsenhändler trotzten dem Sog der dortigen Panikverkäufe indes weitgehend. Dennoch beeinflussten die Naturkatastrophe und die Unfälle in den Atomkraftwerken den weltweiten Aktienhandel maßgeblich. Die japanische Notenbank stellte den Banken eine Rekordsumme von 15 Billionen Yen (rund 130 Milliarden Euro) an kurzfristiger Notfall-Liquidität zur Verfügung ( mehr zum drohenden Finanzcrash in Japan hier).

han/dpa/AFP/dapd

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