Algerien Etwa tausend Menschen sterben in den Fluten

Bis zu tausend Tote forderten die sintflutartigen Regenfälle in Algerien. Bewohner der besonders stark betroffenen Armutsviertel von Algier werfen der Regierung Versagen bei den Rettungsarbeiten vor.


Meteorologen erwarten noch weitere Regenfälle: Überschwemmte Autos in Algier
AFP

Meteorologen erwarten noch weitere Regenfälle: Überschwemmte Autos in Algier

Algier - Die Folgen des schweren Unwetters an den Mittelmeerküsten in Spanien und Algerien sind verheerend. Bis zu 1000 Menschen, so vermutet die algerische Presse, könnten umgekommen sein. Die meisten von ihnen wurden am Freitag und Samstag durch die sintflutartige Regenfälle und Überschwemmungen in der Hauptstadt fortgerissen und ertranken in den schlammigen Fluten.

Bisher haben Rettungsdienste und Helfer 579 Leichen aus den Wasser- und Schlammmassen geborgen. Allein in der Hauptstadt Algier starben nach offiziellen Angaben mindestens 538 Menschen.

Fieberhafte Suche nach Überlebenden

Mehr als 200 Menschen sollen durch einen Erdrutsch im Armenviertel Bab el Qued getötet worden sein. Bab el Qued liegt am Fuß eines Hügels, dessen Erdreich nach den sintflutartigen Regenfällen ins Rutschen geraten war. Fieberhaft suchen Rettungskräfte und Anwohner weiter nach Überlebenden.

Zahlreiche Menschen werden noch vermisst. Die Bergungskräfte rechnen mit weiteren Opfern. "Dies ist nicht wie bei einem Erdbeben, wo die Verschütteten in Luftblasen unter den Trümmern Schutz finden können", sagte ein Helfer. "Wie soll man überleben, wenn man unter tausend Tonnen Schlamm begraben liegt?"

"Wir haben alles verloren"

Mindestens 25.000 Menschen, so schätzt man, wurden durch die schwersten Unwetter seit Jahrzehnten obdachlos. Die meisten von ihnen leben in der Hauptstadt Algier. Am Dienstag ordnete die Regierung von Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika eine dreitägige Staatstrauer an.

Die Bewohner besonders stark betroffener Armen-Viertel Algiers demonstrierten wütend und warfen der Regierung Inkompetenz und Versagen bei den Rettungsarbeiten vor. "Bouteflika - Mörder" riefen Jugendliche dem Präsidenten zu, als er am Montag die betroffenen Stadtgebiete besuchte. "Wir haben alles verloren. Die Regierung hat uns Hilfe zugesagt, doch sie hat noch nie gehalten, was sie versprochen hat", sagte eine Frau, die sich mit ihrer Familie mit einem Ruderboot vor den Fluten in Sicherheit bringen konnte.

Versiegelte Gullies aus Angst vor Terroristen

In der Presse wurde kritisiert, dass die Situation durch die Betonierung von Abwasser-Kanälen dramatisch verschlimmert worden sei. In Bab el Qued konnten die Schlammassen nicht von den Kanälen aufgefangen werden, weil diese als mögliche Verstecke für Untergrundkämpfer von der Armee mit Beton verschlossen worden waren. Diese Maßnahme war 1997 getroffen worden. Damals galt das Viertel als Hochburg der Fundamentalistenorganisation Bewaffnete Islamistische Gruppe (GIA).

Nach Wettervorhersagen sind in den nächsten Tagen noch weitere Regenfälle zu befürchten. Die Unwetter sind die schwersten der vergangenen Jahrzehnte.



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