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Allahs Info-Stand

Ortstermin: Das Islamobil fährt durch Deutschland, um ein Imageproblem zu lösen.
aus DER SPIEGEL 37/2006

Neben der katholischen Kirche parkt das Islamobil. Das Islamobil ist, so steht es auf dem Informationsblatt, »eine mobile-multimediale Informationseinrichtung in Form eines Sattelaufliegers«. Man könnte auch sagen, das Islamobil ist eine Kreuzung aus Moschee und Wohnmobil. Ein Moschmobil.

Es hat zwei elektrisch ausfahrbare Minarette mit Halbmond und eine Kuppel. Im ausgefahrenen Zustand ist das Islamobil 13,60 Meter lang und 8 Meter breit. Es ist ein Spezialfahrzeug. Angefertigt, um aufzuklären und klarzustellen, um Missverständnisse auszuräumen und Vorurteile abzubauen. Eine Art fahrender Info-Stand im Namen Gottes. Das Islamobil soll das wahre Bild des Islam durch Deutschland tragen. Deshalb wurde es erbaut, sagen die Erbauer.

Im Informationsblatt steht: »Mit Hilfe Allahs und durch die ehrenamtliche Mitarbeit tritt das Islamobil, das die Zielsetzung hat, den Islam der westlichen Gesellschaft näherzubringen, als ein wirkungsvolles Aufklärungsinstrument auf«.

Von den Erbauern, dem Islam-Info e. V., ist an diesem Tag in Dortmund niemand da. Dafür aber Özcan Kuri. Er ist heute der Aufklärer. Kuri ist 35 Jahre alt, seit 15 Jahren in Deutschland, er war mal in der Fleisch- und Dönerbranche tätig, ist jetzt arbeitslos und ehrenamtlicher Vorsitzender der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs in Dortmund. Milli Görüs ist die größte islamische Vereinigung in Deutschland und wird vom Verfassungsschutz beobachtet.

Özcan Kuri hat das Islamobil für das Münsterstraßen-Fest gemietet. Jeder könne das Islamobil mieten, sagt er. Kuri, also Milli Görüs, zahlt für den Tag »500 oder 600 Euro mit Aufbau und Abbau«.

Eigentlich sind es perfekte Zeiten für Aufklärung. Die Frage ist, ob das Islamobil das richtige Aufklärungsmittel ist und Özcan Kuri der richtige Aufklärer.

Der Islam sieht, vom Westen betrachtet, aus wie ein Problem. Er scheint zornig und gestrig zu sein. Terroristen berufen sich auf ihn, Regime und Fanatiker. Es gibt Islamisten, die Hamas, die Hisbollah, den Dschihad und al-Qaida. Sie sind allesamt Nachrichtenstars. Im Moment ist Osama Bin Laden wahrscheinlich der bekannteste Muslim. Man könnte sagen, das Islam-Bild ist in der Krise, es gibt ein Imageproblem. Das Islam-Bild ist ein Feindbild geworden. Der Islam ist eine Religion, die man kaum kennt, aber fürchtet. Zumindest hier im Westen. Es sind perfekte Islamobil-Zeiten.

Aufklärungsfahrzeuge haben eine gewisse Tradition in Deutschland. Es gab schon den Steuererhöhungs-Protest-Bus vom Bund der Steuerzahler und den gelben McDonald's-Info-Bus. Und es gab das Guido-Mobil. In dem saß Guido Westerwelle, fuhr im Jahre 2002 durch das Land und erklärte den Bürgern, warum die FDP bei den Bundestagswahlen 18 Prozent der Stimmen erreichen werde.

Das Islamobil gibt es seit 2001. Es fuhr gerade los, als kurze Zeit später die Türme des World Trade Center zusammensackten. Das Islamobil fuhr weiter. Der 11. September hat die Welt verändert. Nur die Welt im Islamobil nicht. Draußen reden sie viel über das Feindbild. Im Islamobil wohnt das Idealbild.

Das Islamobil hat angeblich 250 000 Euro gekostet. Finanziert aus Spenden für den Islam-Info e. V. , der Islam-Info e. V. sei ein unabhängiger Verein von Muslimen, sagt der Vorsitzende. Der Verfassungsschutz sagt, der Verein sei von Milli Görüs beeinflusst.

Özcan Kuri steht am Eingang, lächelt, er ist ein freundlicher, höflicher Mann, aber irgendwie hilft das heute nicht. Es bleibt leer im Islamobil, den ganzen Tag. Nebenan ist das Münsterstraßen-Fest, da gibt es Musik und Essen. Im Islamobil gibt es Info-Monitore und Schautafeln. Über Mohammed, die Muslime, die Moschee, die Familie und die fünf Säulen des Islam. Einige Bekannte von Herrn Kuri tauchen auf, einige muslimische Frauen und Mädchen stehen vor den Schautafeln.

Auf der »Warum wird der Islam so oft missverstanden?«-Tafel steht: »Der Islam wird häufig missverstanden und mag in manchen Gegenden der heutigen Welt sogar exotisch erscheinen. Vielleicht ist das so, weil die Religion in der westlichen Welt das Alltagsleben nicht mehr bestimmt, während der Islam das Leben ist.«

Auf der »Wie fördert der Islam Frauen und ihre Rechte?«-Tafel steht: »Nach dem Koran sind Frauen und Männer gleich vor Gott. In einigen Teilen der islamischen Welt werden Frauen nicht so behandelt, wie die islamische Lehre es verlangt. Aber das sind kulturell bedingte Bräuche.«

Auf der »Was sagt der Islam zum Krieg?«-Tafel steht: »Der oft missverstandene und übermäßig gebrauchte Ausdruck ,Dschihad' bedeutet wörtlich ,ganzer Einsatz' und nicht ,heiliger Krieg' (ein Ausdruck, den es im Koran gar nicht gibt).«

Womöglich stimmt das alles, es erklärt nur nichts. Das Problem des Dschihad ist ja nicht in erster Linie, dass er oft missverstanden wird, sondern dass es ihn gibt. Es ist, als hätte man im Islamobil Teile der Wirklichkeit übersehen. Im Islamobil gibt es keine Kämpfe, keine Probleme, keinen 11. September. Das ganze Zerwürfnis der letzten Jahre kommt nicht vor.

Özcan Kuri, der Aufklärer, steht am Eingang und wartet auf Aufzuklärende. »Wir haben das Thema 11. September schon fast vergessen«, sagt er. »Wir müssen nach vorn schauen. Wir haben Hoffnung.« Das Islamobil ist kein Aufklärungsmittel, es ist ein Werbeauto, das durch Deutschland tourt.

Draußen scheint der Islam Angst zu machen. Hier drinnen ist er gut. Die Zeit steht still. Das Islamobil könnte durch die achtziger Jahre fahren. Oder die siebziger. Aber jetzt ist September 2006.

JOCHEN-MARTIN GUTSCH

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