Zur Ausgabe
Artikel 50 / 112

TERRORISMUS Allahs Reservist

Er war auserkoren, im Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen die Pariser Botschaft der USA in die Luft zu jagen, doch statt im Paradies sitzt Nizar Trabelsi nun in einem belgischen Knast: das Doppelleben eines islamischen Terroristen, der eigentlich ein Starfußballer werden wollte. Von Ullrich Fichtner
aus DER SPIEGEL 43/2001

Nizar Trabelsi konnte die Pforte des Paradieses in der Ferne schon sehen, sozusagen, als die belgische Polizei am Morgen des 13. September seine Wohnung in Brüssel-Uccle aushob, Avenue Mozart 4. Es war ein windiger, kühler Tag, kaum 18 Grad, und der Sommer großer Erwartungen war vorüber, für Trabelsi, für die anderen.

Die Ermittler verhafteten mit ihm einen 24-jährigen Marokkaner, Abdelkrim al-Hadouti, ansonsten suchten sie in dem schmutzbraunen Haus in Uccle, drei Stockwerke hoch, nichts Bestimmtes, nur irgendwie Belastendes.

Ihr Verdacht, »Planung und Vorbereitung verbrecherischer Handlungen«, speiste sich aus geheimen Informationen der Franzosen, die älter waren als die erschütternden Schläge von New York und Washington zwei Tage zuvor. Kein direkter Bezug also zur Attacke auf die USA. Und doch ging es auch bei der Razzia in der Avenue Mozart um »Gefahren für die Interessen der Vereinigten Staaten«.

Bei Trabelsi fanden die Ermittler ein Buch mit eingeklebten Zeitungsausschnitten, darin Listen fremder Begriffe in Französisch und Arabisch. Sie beschlagnahmten einen Gebäudeplan, zu dem sie das Gebäude nicht kannten, zunächst. Sie fanden, angeblich, drei Dutzend falsche Pässe und, mit Sicherheit, eine Uzi-Maschinenpistole, made in Israel, 32 Schuss, 4,1 Kilogramm schwer.

Das Buch mit den Zeitungsausrissen erzählte vom ersten Leben Nizar Trabelsis, von seiner jämmerlichen Karriere als einstmals hoffnungsvolles Fußballtalent. Von seinem Kindertraum, ein Held zu sein, geliebt für Hakenschläge und Hattricks, für tödliche Pässe und die anderen magischen Künste des Spiels mit und ohne Ball.

Die Uzi erzählte von seinem anderen Leben. Vom Sterben und Morden und von dunkleren Träumen, von Helden, die sich den Weg freischießen ins Paradies. Die Waffe stand für den Werdegang des ver-

hinderten Fußballers zum verhinderten Terroristen, stand für das verpfuschte Leben eines unscheinbaren Tunesiers, der ohne Vater aufwuchs und eigentlich auch ohne Mutter, und der sich aus einer deutschen Kleinstadt aufmachte ins Weltnetz terroristischer Verbrechen. Trabelsi.

Ein Stürmer war Nizar, 18 Jahre alt, ein freundlicher Kerl, heißt es, bescheiden, scheu, ein Spieler der tunesischen Jugendauswahl, ein Talent und der Stolz eines Onkels, der in der Düsseldorfer Altstadt die Kneipe La Playa bis zur Pleite in den späten neunziger Jahren betrieb.

Vor Publikum schwärmte der Onkel gern von den Qualitäten des Neffen; tatsächlich verkehrte Fortuna an seiner Theke, Erste Bundesliga damals, die Herren horchten auf. Sie luden den Jungen aus Nordafrika ein, Probetraining, am 1. Juli 1989 schon unterschrieb er den Vertrag. Halbprofi, eine Chance. Er war noch so jung.

Sie suchten damals, sagt Alex Spengler, 50, Zeugwart, »einen Hrubesch«. Aber Nizar war kein Hrubesch. Nizar war weich. Bei den Boxern würden sie sagen: Er hatte ein Glaskinn. Für Fortuna Düsseldorf absolvierte er kein einziges Spiel.

Er versagte als Sportler auf ganzer Linie, sagt Spengler, der ihn mochte, »weil, so als Mensch kann ich über ihn nichts Negatives sagen«. Mitspieler von damals, Michael Preetz darunter, heutiger Hertha-Star, erinnern sich kaum an ihn. Er ging so lautlos unter, wie er aufgetaucht war. Nizar stieg ab aus der Ersten Liga, jäh, rasch. Das war 1990.

Nizar Trabelsi heiratete. Simone. Sie lebten zusammen in Neuss, sie hatten, vom September 1990 an, ein Kind, ein Mädchen. Ein Vater war Trabelsi nicht. Er hatte genug mit seinem eigenen Kindskopf zu schaffen. Er sprang in den Optionen des Lebens umher, freudvoll, später, mit den Drogen, immer aggressiver, cholerisch, aufbrausend.

»Er war wie zwei Menschen«, sagt seine Ex-Frau dem SPIEGEL, »es gab den anständigen Nizar, und es gab das Arschloch Nizar, von der einen auf die andere Minute. Er war ein Chamäleon.«

Auch äußerlich. Mit Schnurrbart oder ohne, mit Dreadlocks, mit Glatze, mit Baskenmütze. Die Fotos von damals, sie zeigen einen Mann, der aussehen kann wie ein Angestellter in einem Reisebüro oder wie ein tunesischer Student auf Besuch, wie ein verlotterter Kiffer oder wie ein geschniegelter Zuhälter. Und das alles war er, in seinem ersten, sündigen Leben.

Eine Woche nach den Festnahmen in Uccle, am 20. September, beginnen die rätselhaften Listen aus Trabelsis Wohnung, arabisch-französische Wörter, ihre Geschichte zu erzählen.

In einem Lagerraum hinter dem ägyptischen Imbiss Le Nil im Brüsseler Zentrum, Boulevard Maurice Lemonnier 165, finden Polizisten 96 Kilogramm pulvrigen Schwefel, verpackt in plastinierten Kartons, und 59 Liter Aceton in handelsüblichen Kanistern. Zwei Substanzen, ungefährlich nur für sich. Ins richtige Verhältnis gesetzt, fachmännisch aufbereitet, werden sie zu hochpotentem Sprengstoff. Die im Le Nil gefunden Mengen sind groß. Die mögliche Bombe wäre von gewaltiger Kraft gewesen.

Die Listen aus der Avenue Mozart benennen das Verhältnis der Zutaten. Die Ermittler verstehen: Es sind Rezepturen, nicht nur für eine Aceton-Schwefel-Bombe, auch für andere Alternativen, für chemische Keulen, kleine C-Waffen.

Und alles ist ein Komplott. Der Besitzer des Nil heißt Said, Nachname: al-Hadouti, Meldeadresse: Spuymolenstraat 106, Vilvoorde. Wie sein Bruder Abdelkrim, jener Marokkaner, der am 13. September bei windigem Wetter mit Nizar Trabelsi ins Gefängnis von Brüssel-St.-Gilles einrückt.

Die Brüsseler Zeitungen berichten nervös. Gibt es im braven, gebeutelten Belgien eine »Zelle islamistischen Terrors«? Man erinnert sich der Existenz von Hinterzimmer-Moscheen im Brüsseler Araber-Viertel St. Josse, der radikalen Prediger vom Gotteshaus in Molenbeek. Man schaut genauer in die bärtigen Gesichter auf der Avenue Stalingrad, in die vielen Schaufenster, übersät vom Schwung arabischer Schrift. Gibt es Islamisten in Brüssel? Eine »Zelle Trabelsi«?

Ein Stürmer war Nizar, 21 Jahre alt, als der SV Wuppertal, Zweite Bundesliga, ihn als Talent von Düsseldorf kaufte, er fiel positiv auf in den Vorbereitungsspielen, er war gesetzt, man plante mit ihm: Trabelsi, Nummer 9, Sturmspitze.

Aber der Zweitligist Wuppertal erwarb auf die Schnelle zwei Spieler vom gerade abgestiegenen MSV Duisburg. Die verdrängten Nizar, den Anfänger, der die Welt nicht verstand. Als die Saison begann, war er wieder, wie immer, Reservist.

Er bockte vor Wut wie ein Kind, er ließ die Zügel schleifen, er kam zum Training nur noch unpünktlich oder gar nicht, er wurde allen zur Last.

Der Verein lieh ihn aus, rasch, bloß weg mit dem, ab zum FC Wülfrath, Nizar stieg ab aus der Zweiten Liga. Das war im Jahr 1992.

Sein Leben als Nachtmensch war ausschweifend, er kokste so viel, wie er schlief, er stritt sich hysterisch, lautstark, fordernd, weinend mit seiner Frau. In ruhigen Momenten saß er vor dem Fernseher, »Glücksrad«, Sat.1. Das Spiel mit den Wörtern gefiel ihm. Er lernte schnell, er löste die Rätsel von Grammatik und Syntax und sprach das Deutsche perfekt.

In den Jahren, Monaten, Wochen vor seiner Festnahme bereiste Nizar Trabelsi die Welt, sein zweites Leben führte hinaus aus den kleinen Wohnungen in Neuss, er besuchte Frankreich, Holland, Spanien, England, Afghanistan. Er absolvierte das Bildungsprogramm des modernen Dschihad-Kriegers.

Alle Wege, auch die Trabelsis, führen über London. Dass er da war, steht fest, vermutlich 1998. Er trieb sich herum im nördlichen Islington, spielte sonntags Fußball im spitzen Dreieck des Finsbury Park und besuchte die gleichnamige Moschee in der St. Thomas'' Street 7-15. Ein Bau aus den siebziger Jahren, Sichtbeton, die Kuppel mit Kunststoffplatten mühsam auf prächtig geputzt, das Minarett wie ein Wachturm so grau. Nicht nur freitags erlebte er hier Abu Hamza al-Masris Predigten des Hasses, er hörte den stadtbekannten Hetzer unter Londons Imamen auch an anderen Wochentagen, übte sich eifrig in religiösen Pflichten, legte sich ideologische Prüfungen auf, legte die Schriften aus mit Mentoren. Man kann behaupten: Nizar Trabelsi war ein Kandidat.

Alle, die nach London kommen dürfen, sind es. Und all jene Muslime in der westlichen Hemisphäre, die auserwählt sein könnten, das Paradies mit der Waffe zu erringen, gehen früher oder später nach und durch London, in Fragen des theoretischen Rüstzeugs die größte westliche Filiale des islamistischen Terrors. Einer der Schüler: Trabelsi.

Unklar, wie viele es insgesamt sind oder bislang waren. Aber gewiss ist zu reden von mehreren hundert, vielleicht schon tausend, vielleicht sogar mehr. Die gezielte Rekrutierung und Schulung junger Kämpfer wurde verstärkt, sagt ein hochrangiger belgischer Polizist dem SPIEGEL, in ganz Europa und vor ziemlich genau vier Jahren wie auf einen geheimen Befehl.

Seither registrieren die Dienste und Ämter Europas beunruhigende Aktivität. In den Gefängnissen der Großstädte Europas Ideologen und Scharfmacher, die Automatenknacker, Haschisch-Dealer und sonstwie straffällige Jugend bekannt machen mit der Größe Allahs. Nur wer smart ist, im Fanatismus kühl bleibt, in der Verblendung rational, kann es schaffen. Die Jungen bekommen hinter Gittern ein Ziel. Einen Sinn fürs Leben. Eine Mission.

Nizar Trabelsi brachte es weit. Seine Ex-Frau kann nicht verstehen, wie. 1996, als sie sich scheiden ließen, ihre letzte Begegnung am Familiengericht, machte er ihr auf dem Flur gleich wieder einen kindischen Heiratsantrag. Wie konnte aus ihm ein Kamikaze werden?

In London, in einem heute geschlossenen Jugendclub an der Rossmore Road nahe der Baker-Street-Zentralmoschee, ließ sich Trabelsi nach Recherchen des »Guardian« in der Kunst unterweisen, den Islam als Lehre des Hasses auszulegen.

Abu Kutada, ein anderer extremer Imam Englands, habe seine Schüler in präziser Aggression und zähem Fanatismus unterwiesen. Auf der Bank neben Trabelsi: Kamel Daoudi, er wird bald sein Komplize sein; Djamel Beghal, er soll sein Führer werden.

Ein Stürmer war Nizar, 22 Jahre alt, und der FC Wülfrath, Oberliga, »wäre im Prinzip ein ideales Sprungbrett« für ihn gewesen, sagt Friedhelm Runge, Präsident des Wuppertaler SV, der den Spieler nach Wülfrath verlieh. Aber es habe nie so recht geklappt mit dem Burschen, »weil der sich schwer tat, die deutsche Ordnung anzunehmen«.

Runge bemühte sich trotzdem, man hatte ja Hoffnung, »und außerdem war das unser einziger Muslim«. Er besprach sich oft mit dem Spieler, fragte nach Sorgen und Nöten, aber der Junge mit den Rastalocken wurde immer »verstockter«.

Am Ende mied er das Training ganz und musste bald der Vertragsauflösung zustimmen. Er wechselte zum SV 09 Wermelskirchen, das

heißt, Nizar stieg aus der Oberliga ab. Das war 1993.

In den Wochen vor der Festnahme in Brüssel produzierte Trabelsi an einem einzigen Tag oft Telefonkosten von 20 000 Belgischen Francs, das sind ungefähr 1000 Mark. Er kaufte anonyme »Pay&Go«-Karten für das Mobiltelefon, er wechselte die Anbieter im Wochentakt und die Telefonnummern möglichst alle zwei Tage.

Aber selbst diese Vorsicht fruchtete nichts. Die Nachrichtendienste hakten ein. Trabelsi telefonierte zu viel. Er verhielt sich verdächtig. Und er wusste nicht, dass die Behörden der öffentlichen Sicherheit seinen Namen schon seit August, spätestens, sehr konkret hin- und hermeldeten.

»Trabelsi, Nizar (oder Nezar), auch: Nizar ben Abdelaziz Trabelsi, geboren 22. Juli 1970, Tunesien«, so führt ihn die spätere, große FBI-Fahndungsliste. Vor Juli, August, weiß niemand, wie groß dieser Fisch Trabelsi ist.

Man verfolgt ihn, weil es Neuigkeiten gibt in der Ferne. Ein Freund und Komplize, mit dem er in Corbeil-Essonnes, 30 Kilometer südlich von Paris, schon zusammen gewohnt hat und den er aus London kennt, wurde beim Zwischenstopp von Afghanistan nach Europa in Saudi-Arabien verhaftet wegen eines schlecht verlängerten französischen Passes: Es ist Djamel Beghal.

Der Führer, vielleicht Osama Bin Ladens erster Offizier in Europa, knickt ein. Die Polizei im saudischen Königreich ist so smart, liberale muslimische Geistliche einzubestellen, die Beghal den August über behutsam bearbeiten. Tatsächlich schwört er seinem Meister ab und packt aus, stundenlang.

Im Beisein von Polizei und Justiz hält er Reden über das Räderwerk des islamistischen Terrors, über seine Funktionäre und künftigen Pläne. Djamel Beghal, 36, Franko-Algerier mit doppelter Staatsbürgerschaft, sagt alles, was er weiß.

Er sagt in Sachen Nizar Trabelsi: Er wäre der Letzte in unserer Kette gewesen. Die lebende Bombe. Der Selbstmörder. Der Märtyrer. Todeszeitpunkt: Frühling 2002, voraussichtlich März.

Ein Stürmer war Nizar, 23 Jahre alt, und beim SV 09 Wermelskirchen, Verbandsliga, viertklassig, lief gleich von Beginn an alles schief. Nach der ersten Woche schon ging er gar nicht mehr hin, er hatte die Nase voll, er hatte keine Lust mehr auf Trainer und Mitspieler und Fußball.

Im allerersten Spiel, das er für den SV 09 machen durfte, war er wie aufgezogen, das kam vom Koks, er grätschte, ein brutales Foul, und bekam dafür, keine 20 Minuten auf dem Platz, vom Schiedsrichter die rote Karte und vom Verein eine Abmahnung. Nizar flog raus, schon wieder, er stieg ab aus der Verbandsliga. Das war 1994.

In diesem Jahr fing er sich auch das härteste Urteil wegen seines wilden Doppellebens ein. Ein Düsseldorfer Richter gab ihm ein Jahr und sechs Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, schuldig des zweifachen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz, Kokain.

Am Ende ging es für Trabelsi um 42 Verfahren bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf, um vier Verurteilungen vor den Gerichten: wegen Betrugs, Diebstahls, Verstoßes gegen das Waffengesetz, gegen das Betäubungsmittelgesetz. Wenn Nizar nicht zum Training kam, hatte er einiges andere zu tun. Im Milieu. In Hinterzimmern. Im Verborgenen.

Er ging fremd, betrog seine Frau, er heuerte für die Saison 1994/95 ein letztes Mal bei einem Fußballclub an, VfR Neuss. Die zahlten nicht schlecht und stellten eine Wohnung. In die zog er ein, mit einer Geliebten, einer Frau vom Strich, nun war er ein Zuhälter.

Manchmal noch kam er nach Hause zur Kleinfamilie, zum Kind, zur Ex-Frau, manchmal wie ein geprügelter Hund, weich, er weinte, schwärmte vom Vater, den er nie hatte, von der Mutter, die ihn als Kind ebenfalls verlassen hatte, um in Belgien ihr Glück zu machen. Gelobte Besserung. Gab Versprechen. Lernte nichts dazu. »Ein Versager«, sagt Simone Trabelsi, »schreiben Sie das: Er ist ein Versager.«

Er sank tief. Mitte der neunziger Jahre sieht man Nizar Trabelsi in sehr schlechter Gesellschaft. Er selbst ist sehr schlechte Gesellschaft. Ganz unten. Vielleicht beginnt hier sein Interesse an Rettung. Vielleicht guckt er sich um nach Orientierung. Vielleicht sucht er ein Ziel, für das es sich lohnt. Er ist gemeldet in Neuss, Freiheitsstraße 18, bis 1998. Aber er ist jetzt viel unterwegs. Belgien, Frankreich, England.

Kurz vor dem großen Schlag gegen Amerika, nur Tage vorher, erhält Trabelsi einen Anruf, es heißt, aus Italien, der sich im Staubsauger einer telefonischen Abhöraktion verfängt. Sein Gesprächspartner sagt - sie sprechen, zur Tarnung, einen lokalen arabischen Dialekt -, es stehe ein »großes Ding« bevor, »ein ganz großes Ding«.

Damit waren die anderen gemeint, die Bewegung 11. September. Dass Trabelsi vorab informiert wurde, lässt darauf schließen, dass er im Terrornetz etabliert war. Ein Kader mit höheren Weihen.

Bis zum Juni 2001, so sagt eine Freundin, von der Polizei aufgespürt in Bastia (Korsika), Trabelsis Kind im Bauch, sei er in Afghanistan gewesen, ein halbes Jahr lang, Flug via Saudi-Arabien. Ausbildung in einem Camp des Bin Laden, dazu religiöse Vertiefung des in London Gelernten.

Er lebt nun zeitweilig, von 1998 an, in Corbeil-Essonnes, Boulevard John Kennedy, Nummer 112. Im bürgerlichen Vorort, ganz wie Brüssel-Uccle, lassen sich gut Pläne schmieden. Hier wohnte Trabelsi, hier fand sein zweites Leben statt, ohne Rastalocken, er lebte in Wohngemeinschaft mit Kamel Daoudi, 27 Jahre alt.

Die Wohnung hatte Beghal angemietet für konspirative Zwecke, am 21. September fand die Polizei, als sie in ganz Frankreich sieben Männer festsetzte, in Corbeil-Essonnes zerlegte Wecker, Telefonchips und -karten, Handy-Chassis. Aber Daoudi fand sie nicht.

Gewarnt durch »Le Monde«, die die Festnahme Beghals in Saudi-Arabien ausposaunte, stürzte Daoudi zur Gare du Nord, den »Eurostar« zu erreichen, und befand sich, als die Ermittler am Boulevard Kennedy an die Tür hämmerten, mutmaßlich unter dem Ärmelkanal, Ziel Leicester, wo man ihn vier Tage später fasste.

Daoudi war der Informatiker. Er verschlüsselte Botschaften, verknüpfte Mailboxen und E-Mail-Accounts, er regulierte den Informationsfluss der Zelle, angestellt von der Gemeinde Athis-Mons, nebenan von Corbeil-Essonnes, in einem kommunalen Internet-Café, ein passender Arbeitsplatz.

Trabelsi arbeitete eigentlich nichts. Seine Legende hieß: Fußballspieler, aber im Augenblick, leider, verletzt. Knieprobleme. Er wartete. Er schlief viel. Er würde an der Reihe sein, im März 2002.

Und er sollte Kontakt halten zu den Leuten in Spanien. In der zweiten Juli-Hälfte 2001 weiß die Polizei dort von einem Aufenthalt Trabelsis in einem Ort namens Cascante, wo er einen der Hauptattentäter von New York, den Todesflieger Mohammed Atta, getroffen haben könnte.

Spaniens Chefpolizist Juan Cotino glaubt das. Aber seine Beweislage ist nicht gut. Er ließ in Attas Leihwagen die gefahrenen Kilometer zählen. Und fand dabei heraus, dass Atta nach Cascante hätte fahren können. Aber tat er es auch? War Trabelsi in Spanien? Seine Telefonate sagen

wohl, ja. War er in Cascante, im Haus eines Mohammed Belaziz, der laut »El País« aussagte, Trabelsi und er seien als Kamikazes ausersehen für das große Ding im Frühjahr 2002?

Der Gebäudeplan, den die Polizei am 13. September in der Avenue Mozart in Uccle fand, erzählt eine Geschichte aus Paris. Die Striche und Schraffuren markieren die Mauern, Türen, Fenster der Botschaft der USA, Avenue Gabriel, Place de la Concorde.

Ein Stürmer war Nizar Trabelsi, bis 1996, erfolglos, wie einer nur sein kann. Jeden kleinen Glücksfall, die Erwähnung schon in einem Spielbericht, bewahrte er auf. In einem Buch, gefüllt mit Erinnerungen an sein erstes Leben, das er abgestreift hatte wie eine alte Haut.

Man brachte ihm bei, auf dieses Leben herabzublicken mit Verachtung. Man bot ihm an, sich ein für alle Mal zu reinigen vom Chaos der Sünde. Man schenkte ihm eine Chance. Eine Aussicht auf Rettung.

Ein Stürmer war Nizar, er wusste nur noch nicht, wie genau er es machen würde. Ein Helikopter vielleicht, gefüllt mit einer Bombe aus Schwefel und Aceton, darin er als schweigender Rächer. Ein Kleinbus, ein Auto, in die Tür der Botschaft gefahren und gezündet, am Steuer Nizar, der Märtyrer auf großer Fahrt. Er ganz allein, Nizar, umgürtet mit Bomben, aufrecht geht er über die Schwelle, drüben die Ufer des dritten, letzten Lebens, das Paradies.

Er sah schon dessen Pforte am 13. September, als der belgische Staatsschutz vorfuhr in der Avenue Mozart 4. Wenige Monate noch bis zur heiligen Tat. Er, Nizar Trabelsi, der gesetzte Mann für dieses Spiel, ein Stürmer Gottes, verhindert. Sie machten ihn, wieder, zum Reservisten.

* Beim Wuppertaler SV.* Vor dem Rheinstadion in Düsseldorf.* In der Neusser Wohnung seiner damaligen Frau Simone.

Zur Ausgabe
Artikel 50 / 112
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.