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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Alle mal zuhören

Ein junger Mann schweigt ein Jahr lang. Was will er damit sagen?
aus DER SPIEGEL 43/2001

Da steht er, Brett Banfe, 19 Jahre alt, vor ihm die Mikrofone, und er hört nicht auf zu reden. Fast 30 Kamerateams sind im Saal, eigentlich wollen sie nur seinen ersten Satz mitnehmen und eine kleine Anekdote. Das reicht für einen bunten Beitrag über den Verrückten, der ein Jahr lang nicht gesprochen hat. Alltagsgeschäft.

Aber Banfe, der Mann, der ein Jahr lang geschwiegen hat, redet weiter. Von den Teenagern in Amerika, die sich nicht ernst genommen fühlen, weil ihnen niemand zuhört, und dass man sich über die Amokläufer auf den Schulhöfen nicht zu wundern braucht. Seine Stimme, die anfangs noch so anrührend unsicher klang, ist jetzt fest.

Nach 15 Minuten Monolog packen die ersten Medienleute ein. Banfe hat mittlerweile die Gleichheit aller Menschen beschworen, die Uno erwähnt und von seiner Mutter berichtet, die am gleichen Tag mit dem Rauchen aufgehört hat, als er das Sprechen einstellte. »Halt«, ruft er den Reportern nach, »ich bin noch nicht fertig.« Wenig später drängt seine Agentin ihn sanft vom Mikro weg.

Bevor Brett Banfe zu schweigen begann, war er ein ganz normaler Junge aus New Jersey: links und rechts ein Ohrring, Piercing im Mund, Durchschnitt in der Schule, sehr begabt im Breakdance und noch besser im Witze erzählen.

Bis zu jenem Tag im Sommer 2000: Mit einem Freund albert er herum, wie es wohl wäre, wenn man mal einen ganzen Tag lang die Klappe hielte.

»Das schaffe ich«, sagt der Freund.

»Und ich schaffe ein Jahr«, sagt Banfe.

»Dann mach.«

Seine Mutter nimmt ihn nicht ernst, hält das Vorhaben ihres Sohnes für eine typische Teenager-Idee, die er nie umsetzen werde.

Ihr Sohn erklärt ihr, dass er ein schlechter Zuhörer ist, so wie die meisten Menschen schlechte Zuhörer sind. Und dass er sich ändern will. Dass es ihm Ernst ist und er demnächst mit dem Schweigen anfangen wird.

Als zwei Wochen später die ersten Reporter zu Hause anrufen, um über den Jungen mit der seltsamen Idee zu berichten, glaubt sie es langsam auch. Dann kommt das Fernsehen, Brett sitzt bei Howard Stern, einem berüchtigten Showmaster. Stern stellt ihn als »Blödmann« vor und fragt, wie jemand, der noch ganz bei Trost ist, sich so etwas vornehmen kann. »Kriegst du Geld dafür?«

Banfe verneint.

»Aber die Weiber werden dir nachrennen.« Damit ist für Stern der Fall erledigt.

Banfe hat den Schweigebeginn auf den 1. September 2000 gelegt. Da beginnt sowieso ein neuer Lebensabschnitt, er wechselt aufs College. Die stellvertretende Direktorin versichert ihm, ein schweigender Schüler, der wirklich zuhört, sei kein Problem, sondern ein Glücksfall. Ein Arzt erklärt, dass die Sprachfähigkeit nicht leiden werde: Die Muskeln, die man beim Sprechen einsetze, seien die gleichen, die man auch beim Schlucken, Räuspern und Husten benutzt.

Für die ersten Tage auf dem Campus will Banfe sich ein Schild basteln: »Hallo, ich bin Brett, und ich spreche nicht mehr bis zum 1. September 2001«. Darunter die Adresse seiner Web-Seite.

Das Schild braucht er nicht. Pünktlich zum Semesteranfang hat die College-Zeitung sein Bild und seine Story auf der Titelseite. Außerdem stellt die Firma Motorola ihm, seinen Freunden und der Familie ein T900 zur Verfügung, ein Gerät zum drahtlosen Empfang von E-Mails und anderen Textbotschaften.

Eine Internet-Firma verspricht ihm 12 000 Dollar, wenn er durchhält. Banfe will das Geld am Ende seines Jahres spenden, aber leider hält die Firma nicht durch: Im Januar geht sie Pleite.

Die ersten Schweigewochen sind schwer. »Ich konnte bei McDonald's nicht mehr beim Drive-Thru-Service bestellen, ich konnte meiner Mutter nicht mehr 'Gute Nacht' sagen, und ich konnte keine Witze mehr erzählen.«

Einmal winkt ihn die Polizei an den Straßenrand, weil er zu schnell gefahren ist. Banfe sagt keinen Ton. Das mag der Officer nicht, und seine Bereitschaft, sich die Erklärung auf dem T900 durchzulesen, ist ziemlich begrenzt. Banfe ist kurz davor, sein Gelübde zu brechen.

Beim Tanzen trifft er ein Mädchen, Brittany. Die beiden verlieben sich. Seine Stimme kennt sie nicht, aber ihr gefällt seine Ernsthaftigkeit. Banfe ist ein Vorbild, weil er sich etwas vorgenommen hat und das auch durchhält.

Nach ein paar Wochen ist der Reiz weg. Brittany auch.

Je länger er schweigt, desto mehr ist er davon überzeugt, dass man damit die Welt verbessern kann. Er glaubt, seine Gedanken seien tiefer als je zuvor. Er schreibt seinem Abgeordneten, ob man nicht an den Schulen einmal im Jahr eine Schweigestunde abhalten sollte.

Als daraus nichts wird, erklärt er auf seiner Web-Seite den 23. Mai zum Welt-Schweigetag. Die ganze Menschheit soll 60 Minuten lang die Klappe halten. Doch sie hält sich nicht daran.

Am Ende geht es nur noch ums Durchhalten. »Ich hatte nie eine tiefere Botschaft«, sagt er heute. »Ich habe das nur für mich getan. Jeder sollte eine Aufgabe haben und niemals aufgeben.«

Sein erster Satz bei der Pressekonferenz war ein Shakespeare-Zitat: »Dies über alles: Sei dir selber treu.« Das ist der Lieblingsvers seiner Mutter.

Tatsächlich aber war der Spruch aus »Hamlet« gar nicht sein erster Satz. Am Vorabend hatte Banfe bereits laut gebetet. Dass seine Stimme erhalten bleibt und dass er die Pressekonferenz nicht vermasselt. ANSBERT KNEIP

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