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Bestattungen Alles Asche

Findige Unternehmer haben einen lohnenden Geschäftszweig entdeckt: Leichenverbrennung.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Im frisch renovierten Büro von Heinz Knoche und Günther Breitenbach auf dem Hallenser Gertraudenfriedhof herrscht alles andere als Friedhofsruhe. Das Fax surrt, auf dem Computerbildschirm erscheinen die Namen der Eingänge dieser Nacht. Draußen karrt ein Geschäftspartner eine Lieferung an.

»Das Unternehmen läuft«, jubiliert Knoche, der 1990 aus Hannover nach Sachsen-Anhalt gezogen ist. Und Kollege Breitenbach kann nur zustimmen: »Uns beliefern 40 Bestatter. Viele kommen aus 70 Kilometern Entfernung.«

Knoche und Breitenbach bieten eine Dienstleistung, die als anrüchig gilt: Sie betreiben das erste privatrechtlich organisierte Krematorium Deutschlands. In drei Öfen »kremieren« sie, so der Fachausdruck, 8000 Leichen im Jahr - mit solchem Zuspruch, daß bald zwei weitere Öfen gebaut werden sollen. Der Betrieb ist konkurrenzlos günstig und im Service unübertroffen.

Während kommunale Krematorien bis zu 800 Mark für eine Einäscherung verlangen, wird der letzte Dienst in Halle für 198 Mark erledigt - trotz modernster, teurer Umwelttechnik. Einer der Gründe: Die Hallenser betreiben ihr Krematorium als gemeinnützigen Feuerbestattungsverein.

Schon bleibt in der städtischen Feuerhalle im nahen Leipzig (Verbrennungspreis: 420 Mark) die Kundschaft aus. Ähnlich könnte es bald überall sein. Denn findige Unternehmer haben die Feuerbestattung als lohnenden Geschäftszweig entdeckt.

In Berlin meldeten sich auf eine Ausschreibung für ein privates Krematorium 50 Interessenten: Bestatter, aber auch Versicherungen und sogar Banken drängen ins aufflammende Geschäft. Geplant ist, neben den Öfen auch ein »Dienstleistungszentrum für den trauernden Hinterbliebenen«, mit Cafeteria und Besprechungsräumen, zu errichten. Die Trauerhallen könnten mit der Abwärme aus den Verbrennungskammern beheizt werden.

In Bayern wurde kürzlich sogar ein Landesgesetz geändert, um kommerzielle Leichenverbrennungen zu ermöglichen. Der Unternehmer Fritz Panzer will im fränkischen Schlüsselfeld das erste private Krematorium im Freistaat aufmachen. »Ein reicher Mann«, wiegelt er ab, werde er damit wohl nicht, aber »man hat sein Auskommen«.

Gewinne verspricht Panzer sich vor allem durch den Einsatz von weniger Personal: »Man kann mit einem Drittel der Leute auskommen und das Ganze genauso pietätvoll machen wie die Kommunen. Bei denen machen sowieso immer zwei bis drei Mann Brotzeit.«

Auch der Hallenser Knoche meint: »Wir machen das mit 12 Leuten«, wofür kommunale Krematorien 40 Mitarbeiter bräuchten. Rolf-Peter Lange, Berliner Regionalleiter des größten deutschen Bestattungsunternehmens Julius Grieneisen, beklagt, daß in öffentlichen Feuerhäusern die Trauerfeiern immer nur »von Montag bis Freitag« abgehalten würden; samstags sei stets geschlossen. Lange: »Viele Leute wollen aber keinen Urlaubstag dafür nehmen, wenn Oma verabschiedet wird. Die hätten die Feier gern am Wochenende.«

Das Geschäft mit den Einäscherungen gilt als absolut krisensicher, denn die Anzahl der Menschen, die zu Asche werden wollen, wächst Jahr für Jahr um ein Prozent. 1992 zählte der Deutsche Städtetag 268 000 Feuertote.

Viele Krematorien sind dem Ansturm schon nicht mehr gewachsen: Wartezeiten von bis zu sechs Wochen - der Tote liegt währenddessen im Kühlfach - sind an der Tagesordnung. Aus Berlin werden schon Leichname nach Dessau und Neubrandenburg versandt; 10 000 Särge gehen mittlerweile pro Jahr auf die Reise. Im Ruhrgebiet schicken Bestatter Tote nach Holland - die Asche wird reimportiert.

Besonders flott wurden Begräbnisunternehmer bis vor kurzem im Brüsseler Krematorium Vilvoorde bedient: Dort schoben Angestellte statt 6 Leichen, wie üblich, am Tag 14 Särge ins Feuer. Mit den Überresten machten sie ebenfalls kurzen Prozeß. Häufchen für Häufchen füllten die Mitarbeiter nach der Verbrennung in Urnen, was gerade im Ofen lag; manchmal schütteten sie auch noch ein bißchen Staub vom Vortag dazu - Devise: alles Asche.

Ob pietätvoll oder nicht: In einigen evangelischen Regionen, etwa im thüringischen Bad Salzungen, wird beinahe jeder Leichnam (98,6 Prozent) verbrannt. Seit der Vatikan 1962 die Feuerder Erdbestattung gleichstellte, steigt auch in katholischen Landstrichen die Anzahl der Kremationen.

Vielen Hinterbliebenen ist die Erdbestattung schlicht zu teuer. Eine Verbrennung kostet an die 1000 Mark weniger, ganz abgesehen vom kleineren Grabstein. »Wenn Sie heute in Zehlendorf ein Doppelgrab kaufen, kann Sie das 10 000 Mark kosten«, rechnet Bestattungsprofi Lange vor. »Für 3000 Mark kriegen Sie dagegen ein Urnengrab für die ganze Familie.«

Das haben längst auch Sozialämter bemerkt, die mittellose Bürger unter die Erde bringen müssen. »Die haben feste Gebühren. Da bleibt für die Grabstelle nicht mehr viel übrig«, berichtet Lange. Günstigste Lösung: das Urnengrab. Y

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