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Showgeschäft Alles Balletti

Das Deutsche Fernsehballett, schönste Altlast der untergegangenen DDR, tingelt heute auf Betriebsfesten und Urologen-Kongressen.
aus DER SPIEGEL 17/1995

Christina konnte nicht verstehen, warum die Menschen plötzlich auf der Mauer tanzten. »Das gibt doch bloß Ärger«, schoß es der Ballerina durch den Kopf, als sie an jenem 9. November die DDR-Nachrichtensendung »Aktuelle Kamera« verfolgte.

Ihren Kolleginnen und Kollegen vom Fernsehballett des Deutschen Fernsehfunks (DFF) ging es kaum anders: Diszipliniert probten die Tänzerinnen und Tänzer im Dresdner TV-Studio weiter für die Unterhaltungsshow »Ein Kessel Buntes« - immer lächelnd, leicht geschürzt und mit bis zu 300 Bewegungshaltungen pro Minute.

Erst spät am Abend sprach sich das Berliner Beben herum. »Da haben wir gehofft, die Show fällt aus«, erinnert sich Christina. Doch keiner aus der Truppe murrte, als der »Kessel Buntes« im Programm blieb: »Wir haben getanzt wie immer.« Solcherart Unbekümmertheit gegenüber den Zeitläuften hat das Ensemble bis heute am Leben gehalten. Das DDR-Fernsehen ist lange abgewickelt, nur die Tänzer des Ost-Balletts, schon zu Honeckers Zeiten hoch geehrt, dürfen weiter ihre Beine schwenken.

Die Truppe gilt als schönste Altlast der DDR, langbeinig, sexy, garantiert asbest- und politikfrei: eben so, wie der Westen den Osten gern hätte.

Jammern ist den Tänzern wesensfremd. Statt sich über steigende Mieten und raffgierige Investoren zu ereifern wie viele Landsleute, hüpfen die Damen (und Herren) im Dreivierteltakt über die Bühne. Die Fröhlichkeit wurde den Ballerinen von Kindesbeinen an eingepaukt.

Neun Jahre lang dauerte der Drill im Internat, bevor Christina im September 1989 mit 19 Jahren in die renommierte Truppe aufgenommen wurde. Das Ballett war für sie ein Versprechen auf die große weite Welt.

Inzwischen wohnt Christina Wagenführ in Berlin-Charlottenburg. Osten? Westen? Die Mauer in ihrem Kopf ist längst zertanzt wie die berühmten Märchenschuhe. »Ist doch egal, wo einer wohnt«, meint Christina.

Wo er wohnt, vielleicht, aber nicht, wo er herkommt. Nur eine einzige Tänzerin aus dem Westen hat die Aufnahme in den ostdeutschen Tänzer-Olymp geschafft. »Die meisten von drüben sind einfach nicht gut genug«, behauptet Chefchoreographin Emöke Pöstenyi.

Das Gehalt von Tänzerin Christina ist mit 4000 Mark brutto nach 14 Jahren Ausbildung und knochenschwerer Arbeit nicht gerade üppig. Doch warum meckern, wenn man Spaß am Job hat? In einem Spielfilm des Blödelbarden Otto ist sie aufgetreten, »den fand ich schon als Kind ganz toll«.

Bei der Galaveranstaltung einer Filmgesellschaft in Hamburg fällt der Applaus nicht geringer aus als beim MDR-Frühlingsfest der Volksmusik in Chemnitz. Stehende Ovationen gibt es hüben wie drüben. Also alles Balletti?

In Berlin-Weißensee sitzt der Rentner Günter Jätzlau, 64, in seiner Zweiraumwohnung und sorgt sich um seine Schäfchen. Vor 33 Jahren hat der Choreograph das Fernsehballett gegründet, 30 Jahre lang als künstlerischer Leiter den Kopf hingehalten und seine Truppe verteidigt »gegen die roten Khmer«, wie er die SED noch heute nennt.

Mit denen wurde er fertig. »Aber dann kamen die Wessis, die wußten ja alles besser.« Als das Ballett 1992 in eine private Gesellschaft umgewandelt wurde, schied Jätzlau resigniert aus.

Aus der Ferne diagnostiziert er bei seinen Tänzerinnen jetzt erste Wendeschäden: »Ophelia war früher nie wütend«, berichtet Jätzlau über eine Solotänzerin der Truppe. »Wenn doch, dann hatse hinter der Bühne jeweint.« Mittlerweile hat der Ballett-Rentner die Ballerina schon richtig wütend auf der Bühne gesehen, »da hab ick jeweint«, sagt Jätzlau.

Die glitzernde Unterhaltungsshow am Samstagabend, ureigenstes Parkett der TV-Tanzmäuse, ist im Osten mit der Wende untergegangen; im Westen war diese Art Fernsehunterhaltung schon lange vorher, mit Peter Frankenfeld, gestorben. Die billigen Game-Shows heute brauchen kein Ballett als Pausenfüller, es gibt ja die Werbespots.

Deshalb haben die Tänzer jetzt weniger in den Fernsehstudios zu tun, um so öfter hüpfen sie Kongressen und Festen vor. Heute zur Betriebsfeier eines Pharmakonzerns nach München, morgen zur Vereinigung Mitteldeutscher Urologen nach Fulda. »Es gibt Termine«, räumt Chefchoreographin Pöstenyi ein, »um die wir uns nicht reißen.«

Doch die 18 Damen und 8 Herren klagen nicht. Selbst Gaby Schreier, mit 39 Jahren dienstälteste Tänzerin, verkneift sich alle Beschwerden. Wie eine Feder tänzelt sie über die Bretter - freilich nur noch einen Sommer lang, dann beginnt für sie der Ruhestand.

In der DDR wurde den Tänzerinnen der Einstieg in einen neuen Beruf mit einer Frührente erleichtert. Auf derlei Privilegien kann Gaby nicht mehr hoffen. »Vielleicht schimpfe ich in einem halben Jahr, wenn ich arbeitslos bin«, ahnt die Balletteuse.

Doch Miesmachen gilt nicht. Wenn die Truppe mit dem Reisebus durch die Republik zockelt, erinnert das Gackern und Prusten im Wageninneren an eine fröhliche Klassenfahrt. Jede der Tänzerinnen hat Hunderte von Schrittfolgen und Nummern im Kopf gespeichert. Daß »wir verdammt gut sind«, weiß die Pöstenyi nicht erst seit gestern. 1978 durfte die gebürtige Ungarin mal am Broadway kiebitzen. »Was die können, können wir schon lange«, stellte sie fest.

So leichtfüßig wie ihre Mädchen ist sie nicht durch die Wende getänzelt. Sie hat darunter gelitten, daß sich im Westen keiner für die Ost-Stars interessierte. Das Büro der Choreographin Pöstenyi ziert denn auch ein frecher Aufkleber: »Gib Wessis keine Chance!«

Doch ohne die geht es längst nicht mehr. Seit das Ballett aus der Konkursmasse des DDR-Fernsehens herausgelöst wurde, fungiert ein Westdeutscher als Geschäftsführer. Zwei Show- und PR-Firmen in Köln und Hamburg sind mittlerweile finanziell an dem Ballett beteiligt. Auch der Mitteldeutsche Rundfunk, einer der Nachfolger des DFF, hält noch Anteile an der Ballett-Gesellschaft - was Pöstenyis Gruppe den sperrigen Titel »MDR-Deutsches Fernsehballett« eintrug.

»Früher lag dein Leben schon mit 18 Jahren fertig vor dir«, räsoniert Christina, »heute hangelst du dich von Jahr zu Jahr.« Immerhin sieht die Auftragslage für 1995 ganz gut aus. »Was wir ausgeben, tanzen wir auch rein«, weiß der Kölner Show-Unternehmer Pal Berkovics, einer der Gesellschafter der Ballett GmbH.

Damit die Kasse klingelt, hüpft die Gruppe nun auch mal um einen Aral-Benzinkanister oder das Coca-Cola-Emblem. Nicht gerade abendfüllend, aber »ein Angebot an die Werbewirtschaft«, sagt Berkovics.

Der Unterhaltungsprofi, selbst in den Fünfzigern aus Ungarn entflohen, betreibt einen bunten Gemischtwarenladen. Neben Thomas Gottschalk, Joan Collins oder Roger Moore vermarktet er auch deutsche Prinzessinnen. Als er 1991 überdies ins Ballett-Geschäft einstieg, mußte er erst mal gegen Vorurteile ankämpfen. »Bei euch liegt doch der Ost-Staub noch auf den Schuhen«, habe ihm mancher Veranstalter bedeutet, erzählt Berkovics.

Mit einer simplen Legende vermarktet die Unternehmensleitung des Fernsehballetts ihre Truppe: »Armes Spitzenballett steppt tapfer durch die verödeten Landschaften.« Doch diese Geschichte hängt den Tänzern langsam zum Halse heraus.

Auch zu DDR-Zeiten war nicht alles Sonnenschein. Einmal pro Jahr, wenn der Stasi-Fußballklub Dynamo Berlin, von wundersamer Hand geführt, mal wieder die Meisterschaft gewonnen hatte, mußte der Cancan bei den Genossen Kundschaftern vorgeführt werden. Stasi-Chef Mielke bat sich nach jedem Auftritt aus, eines der Mädchen küssen zu dürfen.

»Das fanden die gar nicht lustig«, erinnert sich Rentner Jätzlau, »det wurde vorher ausjewürfelt« - wer verlor, mußte die Wange hinhalten. Y

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