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Lernen Alles ploppt

Spielen, basteln, verstehen in drei Dimensionen: Ein Holländer hat eine Marktnische entdeckt - das 3-D-Sachbuch für Erwachsene.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Mathematik ist doch mehr als Zahlen und Formeln. Mathematik bedeutet, die Kombinationsmöglichkeiten von Eissorten in einer Waffel zu bestimmen oder die Wahrscheinlichkeit zu ermitteln, welches von zwei Papp-Rennpferden als erstes im Ziel sein wird.

Und auch Kunst ist mehr, als unverständliche Installationen kryptisch zu interpretieren; Kunst verstehen heißt ein Mobile zusammenzubasteln oder in einen papiernen Nachbau von Vermeer van Delfts Atelier zu sehen.

Jedenfalls ist das in Ron van der Meers dreidimensionalen Büchern so. Wenn aus ihnen ein papierner Tempel hochklappt, dann gibt es etwas zu lernen: daß die griechischen Baumeister die Prinzipien ebenmäßiger Komposition entwickelt haben, beispielsweise, und was der Goldene Schnitt ist.

Denn seine großformatigen Werke sind Sachbücher einer neuen Kategorie: Die »Mathematik-, Kunst- und Musik-Pakete« (alle erschienen bei Ars Edition, München) sind interaktive Bücher, in denen Wissen nicht nur durch Text und Bild, sondern auch durch Aktion vermittelt wird. Eine Art Buchspielzeug als letzte Waffe der Büchermacher gegen die Computersklaven, Mitmach-Bücher gegen Mitmach-Computerprogramme.

Allein von seinem »Kunst-Paket«, in dem der Leser eine Camera obscura zusammenbasteln oder mit einem Claude-Glas Licht und Schatten studieren kann, wurden weltweit 350 000 Stück verkauft. »Die Idee ist genial«, lobte die New York Times, »das Buch unwiderstehlich.«

Die Bücher kommen einem neuen Trend zum textarmen Unterhaltungsbuch entgegen: Bilderbücher wie »Das magische Auge« dominieren seit Monaten die Bestsellerlisten.

Die Van-der-Meer-Pakete bedienen ein uneingestandenes Bedürfnis vieler Blätterer: Sie vermitteln das trügerische Gefühl, aufgrund kleiner Informationshäppchen mitreden zu können. Vielleicht wirkt deshalb auch van der Meer selbst wie ein fröhliches, lebendes Trivial Pursuit.

Dabei lohnt die genauere Beschäftigung mit den Paketen, für die Professoren und Experten die Texte geschrieben haben und denen auch Kassetten beiliegen: Inhalte von Büchern, die nicht nur zum Lesen sind, sondern auch Tastsinn und Gehör ansprechen, bleiben besonders gut im Gedächtnis. Wohl auch deshalb ordern ganze Schulklassen inzwischen die 3-D-Pakete.

Der Holländer van der Meer, 49, lebt seit seinem Studium am renommierten Londoner Royal College of Art, wo er auch lange Gastdozent war, in England. Vor 17 Jahren zeigte ein Freund ihm zufällig ein »Pop-up«-Kinderbuch, in dem alles ploppte und klappte. Seitdem entwirft, malt und konstruiert er selbst solche Bücher. Zwölf Millionen hat er mittlerweile verkauft.

Er ist ein Besessener. Rote Schuhe zu tragen ist eine seiner Obsessionen. Morgens zum Krafttraining zu gehen eine andere. Bis zwei, drei Uhr nachts sitzt er am großen Glastisch im Atelier seines Wohnhauses, klebt, faltet und schneidet aus. Sechs bis acht Bücher pro Jahr publiziert van der Meer mit Hilfe nur eines Assistenten. Seine Frau kümmert sich, am gegenüberstehenden Schreibtisch sitzend, um Buchhaltung, Verkauf und Auslieferung der Bücher.

Es ist eine winzige Marktnische, die van der Meer entdeckt hat. Denn weltweit gibt es nur etwa zwei Dutzend Papieringenieure, die Pop-ups entwerfen - und von Hand zusammengebastelt werden die aufwendigen Bücher vor allem in Asien und Südamerika.

Die Technik des Pop-ups ist alt: Der Deutsche Lothar Meggendorfer entwickelte sie vor ungefähr hundert Jahren - dennoch gibt es kein deutsches Wort für die Papierkonstruktionen, die aus der zweiten in die dritte Dimension emporschnellen, sobald die Buchseite aufgeschlagen wird. Mechanische Bücher, in denen Papierräder gedreht oder an Pappstreifen gezogen werden kann, gibt es dagegen schon viel länger. Der deutsche Sternenforscher Apianus etwa verfaßte im 16. Jahrhundert ein Astrologie-Buch, in dem an Schnüren Sonne und Sterne bewegt werden können.

So schön van der Meers Bücher auch sind - sie werden die Gattung kaum vor der digitalen Revolution retten. Der amerikanische Verlag des Holländers arbeitet bereits an der nächsten Dimension - van der Meer auf CD-Rom. Y

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