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Berlin Alptraum im Niemandsland

aus DER SPIEGEL 21/1996

Lange ist es her, da konnte sich Joschi den Blumen widmen, während seiner Floristenlehre. Inzwischen macht der spindeldürre Mann in Schrott. »Ein Kilo kleingemachtes Auto bringt zwei Mark«, sagt er und fährt sich mit der kohlschwarzen Hand durchs verfilzte Haar.

Joschi, 22, und sein siebenköpfiger Clan haben zwischen ihren Bauwagen auf der Berliner East Side kaum den nötigen Raum, um in einer Runde zu sitzen. »Hier ist alles eng und beschissen«, knurrt Tino, der sich hinter einer verspiegelten Sonnenbrille versteckt. Er balanciert über Bierkästen und zerhackte Stühle, stolpert fast über eine Autobatterie und erreicht gerade noch einen speckigen Autositz zwischen Glasscherben.

»Putzen lohnt nicht«, entfährt es ihm. »Sieht morgen genauso beschissen aus.« Eine mit Haschisch gutgefüllte Wasserpfeife macht die Runde. »Klaro«, sagt Tino, »wir leben im Slum. Aber wir leben wenigstens zusammen.«

Joschis Clan ist einer von vielen, die sich hier verschanzt haben. Es ist die größte jener Wagenburgen, die sich in Berlin und über 40 anderen deutschen Städten als Nischen für Aussteiger, Obdachlose und Laubenpieper etabliert haben. Mehr als einen Kilometer zieht sich unweit des Berliner Hauptbahnhofs einer der letzten Reste des »antifaschistischen Schutzwalls« an der Grenze zwischen den Bezirken Friedrichshain und Kreuzberg. Künstler haben die Betonbarriere bemalt, als »East Side Gallery« wurde sie unter Denkmalschutz gestellt.

Hinter der bunten Mauer, den Blicken der Touristen entzogen, auf einem schmalen Streifen am Ufer der Spree, sind in den vergangenen fünf Jahren immer mehr Großstadt-Nomaden gestrandet. Inzwischen hat die East Side mehr als 200 Bewohner, die in ausrangierten Bussen, Holzhütten oder Bauwagen hausen.

Hunderte von Autowracks rosten neben Schützenpanzern und Lastwagen der NVA, ausgebrannten Limousinen oder zertrümmerten Trabis. Aus prallen Müllsäcken quillt der Unrat.

Halbwilde Hunde, manche ponygroß, streunen zwischen Flaschenbergen und Einkaufswagen herum und kläffen um die Wette. Es stinkt nach Kot, verfaulten Kartoffeln und verbranntem Plastik - im Zentrum der angehenden Metropole hat sich ein Stück Dritte Welt etabliert.

Das Klima auf dem Platz war schon immer roh. Doch seit einigen Wochen schlagen Mißtrauen, Angst und Haß in offene Aggression um.

Ende März wurde Andrej Lapatin, 19, aus Eisenhüttenstadt in der wilden Siedlung erstochen, und wenige Tage später ein niedersächsischer Tourist mit einer glühenden Eisenstange niedergeschlagen. Niemand weiß etwas, niemand hat etwas gesehen, niemand will etwas damit zu tun haben. »Bei uns geht es hart zu«, sagt Joschi, »aber wir bringen keinen um.« Schluß der Debatte.

Nach dem Mord hat die Polizei die East Side zum »gefährlichen Ort« erklärt und marschiert regelmäßig zu Razzien auf. Seitdem stehen die Heroin-Dealer nicht mehr gelassen an der Straße zwischen der Mauer und den Wagen, sondern wickeln ihre Geschäfte so schnell wie möglich ab.

Zwei junge Männer in blütenweißen Jeans sprinten auf die Müllkippe, ziehen Plastiktütchen mit dem weißen Gift aus der Jeansjacke. Hunderter wechseln den Besitzer, fluchtartig verlassen die Dealer wieder den Platz.

Nahezu täglich präsentiert die Boulevard-Presse der Hauptstadt neue Horrorgeschichten von den »lebensgefährlichen Spree-Chaoten« (Bild) im »Dorf der Gesetzlosen« (BZ). CDU-Politiker drängen darauf, die Alptraum-Szenerie im einstigen Niemandsland zwischen Ost und West abzuräumen.

Doch der christdemokratische General a. D. und Innensenator Jörg Schönbohm tut sich schwer, das Elendsquartier jenseits der bunten Mauer aufzulösen. Ein Senatsbeschluß aus dem Jahre 1993 hindert die Politiker daran, Menschen und Müll einfach abzuräumen: Ohne Ersatzgelände für die Wagenburgler, so die Vorgabe aus dem Roten Rathaus, darf nicht vertrieben werden.

Die Sozialverwaltung hat in den vergangenen Jahren 50 Ausweichstandorte geprüft. Aber stets weigerten sich die Bezirke, die Drop-outs von der East Side aufzunehmen.

Ein Sozialarbeiter von der Treberhilfe sieht ab und zu mal vorbei, der Verein »Berliner Tafel« verteilt freitags Lebensmittel. Ansonsten sind sich die Außenseiter seit Jahren selbst überlassen.

Jetzt haben die Bürokraten von Senat und Bezirk wenigstens eine Instanz gefunden, bei der sie ihren Ärger abladen können: die Bundesvermögensabteilung bei der Oberfinanzdirektion. Sie verwaltet das Gelände bis zur Klärung der strittigen Eigentumsverhältnisse.

Mitte April drohte das Landeskriminalamt den Statthaltern von Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) mit einer Strafanzeige wegen Umweltverseuchung; das Umweltamt des Bezirks schickte eine Ordnungsverfügung. Daraufhin bat die Bundesvermögensabteilung Schönbohm als obersten Polizeichef, die East Side von »Menschen und ihrer Habe zu befreien«, damit die Müllbagger anrollen können.

Schönbohm sucht nun eine Hauruck-Lösung: In Kürze sollen Wohnungen, Obdachlosenunterkünfte oder ein Ersatzstandort gefunden werden. Findet sich kein Ausweichgelände oder weigern sich die East-Sider, in eine Wohnung zu ziehen, läßt ein Beamter des Innensenators vernehmen, »dann werden sie eben vertrieben«.

Joschis Clan, der ausnahmslos vom Schnorren, von der Sozialhilfe oder vom Schrotthandel lebt, kennt das schon. Seit Jahren haben sich die jungen Leute immer wechselnde Quartiere in den zahlreichen Berliner Wagenburgen gesucht.

Als die Polizei die abgerissenen Gestalten vor drei Jahren aus ihrem Domizil in Kreuzberg vertrieb, »wollte uns keiner haben«, erinnert sich Tino an die Suche nach einer neuen Unterkunft in der Szene. »Wir waren denen zu dreckig.«

Angela und Charly, die in der Nachbarschaft von Joschis Clan leben, sind hier gelandet, weil sie aus ihren Wohnungen geworfen wurden. Charly hatte Mietschulden, Angela verlor nach acht Jahren mit ihrer Hauswartsstelle auch die Unterkunft.

Wie viele andere haben sie sich einen alten Baustellen-Wagen organisiert, die in Ost-Berlin fast für Null zu haben sind. »Das war ein riesiger Kampf«, sagt Angela, »sich ans Leben im Wagen zu gewöhnen.«

Es dauerte lange, bis sie es alltäglich empfand, daß der Regen das dreckige Geschirr vorspült und Charly Wasser durchs Salatsieb schüttet, wenn sie »afrikanisch duschen« will.

Zusammen mit Charly und einigen anderen Freunden hat die zierliche Angela etwas weiter östlich eine kreisrunde Burg in der Burg gebaut. In der Mitte des Platzes neben verkohlten Relikten des letzten Lagerfeuers erhebt sich ein bizarres Erinnerungsmal für Angelas Freundin Gisela: ein drei Meter hoher Pfahl, umschlungen von einem Tarnnetz und gekrönt von einem gelben Bauhelm.

Mit einer großen Party hatten die beiden die erste Lesbenhochzeit auf der East Side gefeiert. Doch vor zweieinhalb Jahren, berichtet Angela mit tonloser Stimme, »kriegte Gisela irgendwie einen Rappel und wollte baden«. Die einstige DDR-Sportschwimmerin sprang in die Spree.

Am nächsten Tag zog die Wasserpolizei ihre Leiche aus dem öligen Wasser. Seit dem Tod ihrer Liebsten trägt Angela vorzugsweise dunkle Kleidung und wird die »Schwarze Witwe von der East Side« genannt.

Früher hat Angela ihre Freundin mit durchgezogen. Jetzt gibt sie Charly, 36, von ihrer »Sozi-Kohle« etwas ab, damit der Freund nicht mehr schnorren muß.

Nicht nur die beiden sind des Lebens in der East Side überdrüssig. Wer noch über einen Rest Eigeninitiative verfügt, wer seinen Trecker oder Wagen flottkriegt und einen anderen Platz in der Stadt findet, flieht aus dem Siff. Täglich machen sich East-Sider reisefertig, nicht allein wegen der drohenden Räumung.

Die Stimmung ist explosiv. Franzosen, Araber, Türken, Iren und Briten hausen hier nebeneinander - und sind untereinander ebenso verfeindet wie die verschiedenen deutschen Clans.

Wer mit dem Heroin- und Kokain-Handel angefangen hat, weiß niemand genau. Aber »die Ausländer waren das und haben hier alles versaut«, glauben die meisten Deutschen, die sich mit Haschisch und Alkohol begnügen.

Zwischen den Gruppen gibt es kein Gespräch, höchstens Zoff. Erfahrene Wagenburgler wissen, daß die kritische Masse mit 30 Bewohnern erreicht ist. Bei größeren Lagern funktioniert die soziale Kontrolle und die friedliche Konfliktregelung nicht mehr. Seit dem Mord »ist es ganz übel«, klagt Tino und zieht hilflos die Schultern hoch.

Vor seinem Wagen fährt eine schwarz-violette Ente mit hoher Geschwindigkeit vorbei, ein Kumpel aus Joschis Clan kann gerade noch zur Seite springen. »Britenschweine«, brüllt er dem Auto mit englischem Kennzeichen hinterher. Bei nächster Gelegenheit wird er ihnen mal wieder eine mit Nägeln gespickte Bohle vor die Reifen legen: »Anders«, meint er, »bringste die nicht zur Räson.« Y

Die Bezirke wollen die Drop-outs nicht aufnehmen

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Kartenausriß Berlin - Lage der Wagenburg

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