Elterncouch Warum es nicht schön ist, eine alte Mutter zu sein

Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

Juno Vai schreibt auf der Elterncouch  im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.

Das erste Kind mit 40 Jahren. Das ist heute keine Seltenheit. Wir gründen immer später Familien - und reden uns das schön. Es ist aber nun mal nicht schön.

Ich habe eine ausgeprägte Abneigung gegen Gruppen. Leider gibt es inzwischen einige, denen ich zugeordnet werde. Eine davon ist die der Spätgebärenden, jener muffig anmutenden Truppe von Frauen, die auf den letzten Metern noch beschlossen haben, ein Kind zu bekommen. Zahlen sind nun mal unbestechlich, was soll man machen.

Ich werde demnächst 50, meine Kinder sind zwölf und neun Jahre alt. Mein Sohn, der unter veritablen Verlustängsten leidet, vertreibt sich manchmal die Zeit damit, auszurechnen, wie lange er noch das Vergnügen meiner Gesellschaft haben wird. Die Rechnung wird langsam unwitzig, selbst wenn ich davon ausgehe, dass ich hundert Jahre alt werde - was vermessen ist und Blödsinn angesichts meines über lange Strecken ziemlich unorthodoxen Lebenswandels. Mit viel Glück bleiben mir noch 30 Jahre und das ist - mit Verlaub - scheiß wenig.

Ich leide also gerade unter akutem Zukunftsverlust und nichts kann mir das versüßen. Nicht der Konsum sinnfreier Frauenzeitschriften, auch keine noch so elaborierte Studie darüber, was Pharmazie und Medizin in Zukunft noch alles für uns bereithalten.

"Du hast da diese zwei vertikalen Falten"

Es ist natürlich trostreich, wenn meine Tochter mir versichert, ich wirke "hundertpro wie 35, das sagen alle meine Schulfreundinnen". Und es ist sehr süß, wenn mein Sohn mich prüfend anschaut und unnachahmlich analytisch feststellt: "Du hast da diese zwei vertikalen Falten." Gefolgt von der Frage: "Die Lebenserwartung für Papa und dich liegt doch so bei 95, oder?"

Nun bin ich nicht die einzige alte Mutter, um mich herum gibt es viele. Aber sie reden nicht darüber, wie sie sich dabei fühlen. Das ist erstaunlich in unserer Quatsch-Gesellschaft, wo über jeden Unsinn geredet wird, die letzte unentdeckte Körperöffnung, die fieseste Sinnesregung, den abartigsten Tabubruch. Aber Vergänglichkeit? Also, bitte! Bleibt auf dem Teppich, nehmt die richtigen Vitamine.

Also schreibe ich jetzt darüber. Und ich schreibe Folgendes: Nein, es ist nicht schön, eine alte Mutter zu sein. Wenn man merkt, dass man beim Badminton aus der Puste ist, bevor es überhaupt spannend wird. Wenn man gequält über Kinderwitze lächelt, weil man eine verknöcherte, humorlose Endvierzigerin ist. Wenn man vergessen hat, was Fantasie vermag, und wie manchmal die Zeit dahintropfte als man selbst klein war. Weil man glaubt, den Kindern mehr Dynamik, mehr Enthusiasmus bieten zu müssen. Und, ja, weil es einem weh tut, die Kinder irgendwann allein lassen zu müssen, wahrscheinlich früher als andere Eltern.

Auf der Habenseite sieht es mager aus. Ich habe Erfahrung, klar. Aber nützt die meinen Kindern? Sie sollen ja schließlich ihre eigenen machen. In Ermangelung der wichtigsten Erziehereigenschaft überhaupt - Geduld - kann ich auch in dieser Hinsicht nicht punkten. Ich glaube aber, dass ältere Eltern sich genau überlegen, ob sie noch Kinder in die Welt setzen wollen. Und wenn die Kleinen dann kommen, sind die Großen dankbar und voller authentischer Demut. Und die kann ganz schön glücklich machen.

Zur Autorin
Foto: Michael Meißner

Juno Vai,
Mutter von Vic (15) und Vito (12)

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Erziehungsstil: Liebe, Verlässlichkeit, Respekt

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