Gespräch mit Vater von Edward Snowden "Mein Sohn wäre ein miserabler Spion"

Edward Snowden wurde in Stockholm der Alternative Nobelpreis verliehen, in Abwesenheit, versteht sich. Dafür kamen andere namhafte Enthüller. Und Snowdens Vater Lon, der erzählt, wie sein Sohn ihn politisierte.
Preisverleihung in Stockholm: "Dies ist erst der Anfang"

Preisverleihung in Stockholm: "Dies ist erst der Anfang"

Foto: JONATHAN NACKSTRAND/ AFP

Als die Videoleitung endlich stand, schaute Edward Snowden wie immer bescheiden und etwas spitzbübisch lächelnd von der Leinwand in die Gesichter seiner Fans. Die waren in den Reichstag in Stockholm zur Verleihung des Alternativen Nobelpreises  gekommen - und wollten dem Whistleblower so nah sein, wie es eben geht, wenn der im Exil in Russland weilt. Die Botschaft des Ex-CIA-Beamten und Ex-NSA-Zuarbeiters ging im Rauschen der schlechten Übertragung teilweise verloren, aber: "Dies ist erst der Anfang", sagte Snowden. "Ich hoffe, ich kann auf euch zählen."

Es kursieren Gerüchte, dass nur ein Bruchteil des Top-Secret-Materials, das Snowden während seiner Beschäftigung bei den Geheimdiensten sammelte, veröffentlicht wurde. Wenn das stimmt, ist tatsächlich kein Ende abzusehen.

Zu Verleihung gekommen waren alle Prominenten, die in Snowdens Geschichte wichtig sind: Der ebenfalls ausgezeichnete "Guardian"-Chefredakteur Alan Rusbridger, dessen Investigativ-Redakteure die ersten Enthüllungen 2013 losgetreten hatten, Sarah Harrison, die mit Snowden auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo ausharrte, als völlig unklar war, wo er Zuflucht finden würde und US-Schauspieler John Cusack, der Snowden seit Langem unterstützt.

Daniel Ellsberg: "Snowden ist durch und durch Patriot."

Daniel Ellsberg: "Snowden ist durch und durch Patriot."

Foto: LEON NEAL/ AFP

Für die Anwesenden ist Snowden ein Held, der sich mit der Weitergabe hochgeheimer NSA-Dokumente an Journalisten gegen den mächtigen Sicherheitsapparat der Vereinigten Staaten gestellt hat. Der der Welt den Beweis geliefert hat, dass eine globale, systematische Überwachung aller Bürger Realität und von den USA und ihren Partnern gewollt ist. Und der dafür Abschied nehmen musste von seinem alten Leben.

Russland hat Snowden eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung bewilligt. Sollte er in die USA zurückkehren, droht ihm eine lange Haftstrafe. Und der Unmut jener Landsleute, die in ihm einen Verräter sehen, der die nationale Sicherheit gefährdet hat. Also harrt Snowden aus, meldet sich gelegentlich auf Konferenzen per Live-Schalte zu Wort und arbeitet dem Vernehmen nach als Consultant.

"Sein Material befindet sich nicht in Russland", sagt Daniel Ellsberg, der einst die entlarvenden Pentagon Papers des US-Verteidigungsministeriums zum Vietnamkrieg veröffentlichte. Ellsberg ist sich sicher, dass Snowden nicht mit den russischen Diensten zusammenarbeitet. "Er ist durch und durch Patriot."

Die russische Regierung gefällt sich in der Rolle des Retters, der einem politischen Flüchtling Asyl gewährt, während viele westliche Staaten dies nicht hinbekommen. "Russland zeigt, dass es keine Angst vor den USA hat. Ich wünschte, mehr Länder würden so viel Unabhängigkeit zeigen", sagt Ellsberg. "Wenn sich die USA und Russland wieder annähern würden, wäre das gut für die Welt - aber schlecht für Snowden."

Auch Edwards Vater Lon ist nach Stockholm gekommen. SPIEGEL ONLINE hat ihn zur Situation seines Sohnes befragt. Er betont mehrfach, dass er nur als Privatmann spricht, zeigt sich aber im Gespräch überraschend politisch - und angriffslustig.

SPIEGEL ONLINE: Herr Snowden, wie geht es Edward in Russland?

Snowden: Ich spreche oft mit ihm, allerdings immer in Anwesenheit von Anwälten. Ich bin froh, wenn ich nichts Schlimmes höre. Mein wichtigstes Anliegen als Vater ist, dass er in Sicherheit und gesund ist. Im Moment ist er richtig glücklich und ich bin so froh und dankbar, dass er in Russland sein kann. Weil ich glaube, dass dies derzeit der sicherste Ort für ihn ist.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie da ganz sicher?

Snowden: Nun, er muss in einem Land sein, das in der Lage ist, ihn vor Zugriffen aus den USA zu schützen. Es gab ja andere Staaten, die darüber nachgedacht haben, ihm Asyl zu gewähren, es aber aus verschiedenen Gründen bisher gelassen haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber die russischen Dienste werden doch versuchen, sein Wissen und seine technische Kompetenz für sich zu nutzen.

Snowden: Das würde er nicht tun, da bin ich ganz sicher. Es gibt Kräfte in den Staaten, die diese Spion-Theorie vertreten, aus politischen Gründen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er angesprochen wurde. Aber ich kann Ihnen versichern: Edward Snowden wäre ein miserabler Spion.

Lon Snowden: "Das einzige, was wir aufgebaut haben, war der 'Islamische Staat'."

Lon Snowden: "Das einzige, was wir aufgebaut haben, war der 'Islamische Staat'."

Foto: AP/dpa

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie persönlich Probleme mit den US-Behörden, weil ihr Sohn als Staatsfeind gilt?

Snowden: Nein, ich bin aber auch vollkommen furchtlos, was das betrifft. Ich sage, was ich will und ich reise, wohin ich will. Ich liebe meinen Sohn, aber ich bin auch ein sehr wütender Bürger der Vereinigten Staaten. Ich bin wütend darüber, dass die Regierung meine Privatsphäre auf so vielfältige Art verletzt. Dass die USA sich als Weltpolizei aufspielen, obwohl das gegen die Verfassung ist. Wütend über die schrecklichen Dinge, die US-Regierungen in meinem Namen weltweit angerichtet haben. Die Irak-Invasion, der blinde Gehorsam, die vielen toten Soldaten und Zivilisten. Wir sind angetreten, eine Demokratie aufzubauen, doch wir haben das Land zerstört. Das einzige, was wir aufgebaut haben, war der "Islamische Staat".

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie schon vor den Enthüllungen Ihres Sohnes ein politischer Mensch?

Snowden: Nein, überhaupt nicht. Ich war irgendwie gemäßigt konservativ, ein ganz normaler US-Bürger, der keine Ahnung hat, was eigentlich vor sich geht im Land. Der sich bei US-Mainstream-Medien informiert, die keine Nachrichten verbreiten, sondern schlicht Parteipropaganda. Heute weiß ich das. Republikanisch oder demokratisch - diese Begriffe haben in unserem Land keine Bedeutung mehr. Ich bin extrem frustriert von beiden politischen Parteien. Sie dienen vor allem einer Idee - der des Profits. Denn mit Kriegen kann man gut Geld verdienen.

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