Zur Ausgabe
Artikel 40 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Am geilsten sind die Saufspiele«

Düsseldorfer Gymnasiasten über die Trinksitten von Schülern und Lehrern Auszüge aus dem Tonbandprotokoll eines Gesprächs mit Rolf G. und Günter K., beide 17 und Schüler der 11. Klasse eines Düsseldorfer Gymnasiums: *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Wenn da eine Fete ist, privat oder in der Schule, verabreden wir uns an einem Getränkeshop oder irgendwo zu Hause. Da trinken wir erst mal ein Bier; so zwei bis drei Flaschen pro Mann können es schon sein. Damit machen wir uns ein bißchen lustig.

Das ist besonders wichtig, wenn auf einem offiziellen Schulfest Alkoholverbot ist. Vor dem letzten, Ende Februar, haben wir uns vorher zu fünft drei Flachmänner geteilt. Auf so Feten trifft man fast keinen, der vorher nichts getrunken hat.

Auf den privat organisierten Schülerfesten gibt es meistens Bier als Grundlage, weil es am billigsten ist. Wir waren zum Beispiel Anfang Februar auf einer kleinen Karnevalsfete, zwölf Schüler zwischen 17 und 19, darunter fünf Mädchen. Wir hatten 25 Liter Bier, zwei Flaschen Blue Curacao, eine Flasche Batida de Coco, eine Flasche Campari, eine Flasche Cognac und eine Flasche Whisky.

Auf einer anderen Schülerfete im Februar haben zwei 16jährige in circa einer halben Stunde je eine Flasche Rum leergemacht. Die hatten aber vor der Fete jeder schon eine Flasche Bier getrunken. Der eine konnte gerade noch krabbeln, der andere wurde ins Krankenhaus eingeliefert.

Wenn ich (Günter) ein bißchen getrunken habe, fange ich unheimlich an zu reden. Ich fühle mich dann auch richtig fröhlich. Aber das geht nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt, dann wird mir echt schlecht.

Ich (Rolf) muß mich dann häufig übergeben. Dann macht man eine kleine Pause von 15 Minuten, bis der Magen sich etwas beruhigt hat, ißt etwas, und dann kann man weitertrinken.

Auf unserer Dezemberfete bei S. habe ich das viermal hintereinander machen müssen. Aber nach dem Kotzen trinkt man irgendwie automatisch weiter, wahrscheinlich auch, damit dieses schlechte Gefühl wieder weggeht. Zwei Mädchen waren da besser dran. Die gingen auf die Toilette, steckten sich den Finger in den Hals, alles ex und hopp, und machten dann weiter.

Mädchen trinken meistens nicht so viel. Wir kennen eigentlich nur zwei, die sich schon mal richtig vollaufen lassen. Es passiert auch, daß sie sich zu viert eine Flasche Sekt oder Wein teilen, in der Zeit trinken wir jeder so drei Flaschen Bier runter.

Wenn Mädchen was getrunken haben, hat das den Vorteil, man kriegt sie schneller rum. Da kann man etwas mit ihnen anstellen.

Am geilsten ist es, wenn so Saufspiele gemacht werden. Da sagt plötzlich einer: Bring mal ein paar Würfel her, wir spielen »Lügen«. Würfelt man zum Beispiel 4 und 3, sagt man 43, verdeckt aber die Zahl mit einem Bierdeckel. Der nächste versucht, die Zahl zu überbieten. Wenn er das nicht schafft, kann er lügen. Fordert ihn dann einer auf, die Würfel aufzudecken, und er hat gelogen, kriegt er einen Strich. Hat er nicht gelogen, kriegt der andere einen Strich. Drei Striche sind ein Bier ex, sieben Striche ein Wodka ex.

Wenn man das eine Stunde durchgespielt hat mit vier Leuten, sind bestimmt zwei am Ende. Das brauchen nicht mal harte Sachen zu sein. Bei so einem Rotwein von der billigen Sorte wird einem ganz schön schlecht.

Auf ähnliche Weise spielen wir auch Mühle. Da stellt man aufs Mühlebrett statt Spielsteinen gefüllte Schnapsgläschen. Wenn die geschlagen sind, müssen sie ausgetrunken werden. Wer viele Gläschen verliert, und das kann ja bei Mühle schnell gehen, muß eine Menge runtertrinken.

Das ist das Spannende an diesen Alkspielen: Das ist wie über ein Hochseil balancieren, und drunter ist kein Netz. Man kriegt so ein schaurig-schönes Gefühl, so eine Mischung aus Stärke und Schwäche.

Dann gibt es auch so ein Spiel, da muß man bestimmte Bewegungen ausführen: zum Beispiel Tasse anheben, absetzen; anheben, nippen, absetzen; anheben, nippen, trinken, absetzen - immer schön die Reihenfolge einhalten. Macht man einen Fehler, muß man das Glas auf ex runterkippen. Und Fehler macht man, wenn man schon was getrunken hat, unglaublich leicht.

Mir (Günter) steht jetzt ein anderes Spiel bevor: Wettsaufen. Ich habe mich mit einem 16jährigen darüber gestritten, wer von uns mehr vertragen kann. Wir haben vereinbart, einen Kasten Bier zu kaufen. Der 16jährige darf die Biersorte auswählen. Jeder muß zehn Flaschen austrinken. Der Schnellste bestimmt das Trinktempo. Wer als erster unter den

Tisch fällt, hat die Wette verloren. Ich wünschte, ich hätte es schon hinter mir.

Unsere Lehrer wissen genau, daß wir auf unseren Feten, auch auf den Schulfeten, Alkohol trinken. Aber die sagen im allgemeinen nichts. Als wir vergangenes Jahr auf Skifahrt in Südtirol waren, haben sich die Lehrer allein zusammengesetzt und getrunken. Da gab es Abende, wo der Oberstudienrat L. nicht mehr fähig war, selber aufzustehen. Wir haben ja manche Lehrer an unserer Schule, die trinken schon vormittags. Wenn einem unser Musiklehrer entgegenkommt, hat der schon mal eine Fahne.

Bei inoffiziellen Schulfeten trinken die Lehrer voll mit. Unser Lateinlehrer hatte uns letztes Jahr zur Abschlußfete der zehnten Klasse zu sich nach Hause eingeladen. Er hatte ein Faß Bier besorgt, dazu einen Kasten Bier und auch Wein. Ich (Rolf) habe so circa 15 Glas Bier getrunken. Später habe ich dann noch so drei, vier Glas Rotwein getrunken, bis ich alles ausgekotzt habe.

Auch der Lehrer war ganz schön blau. Der hat dann Musik angemacht und die Mädchen praktisch zum Tanzen gezwungen. Und beim Tanzen hat er sie abgeknutscht. Das macht er immer, wenn er getrunken hat. Die meisten Mädchen lassen es sich gefallen, ich glaube allerdings widerwillig. Sie sagen, sie haben Angst, daß es sich auf ihre Zensuren auswirkt, wenn sie ihn nicht lassen.

Manchmal erstreckt sich die Trinkerei schon bis in den Unterricht. Eines Tages, als ich (Rolf) Sport hatte, sah ich, wie die Leute aus der 13 mit einem Kasten Bier zum Sport gingen.

Unser Direktor ist einer der wenigen Lehrer, die ab und zu mal durchzugreifen versuchen. Bei einer Schulfete Ende Februar hat er auf dem Parkplatz vor der Schule ein Mädchen erwischt, das einem Jungen gerade eine Flasche Bier rüberreichen wollte. Der Direktor schnappte sich die Flasche und hat sie auf dem Parkplatz zerschmettert.

Wir kennen natürlich auch die Einwände der Erwachsenen gegen den Alkohol. Einer unserer Sportlehrer sagt immer, man solle lieber Hasch legalisieren und den Alkohol verbieten, weil Hasch lange nicht so schlimm sei wie Alkohol. Im Unterricht haben wir mal über Alkoholprobleme eine Gruppenarbeit gemacht, wofür wir sogar in einem Jugendwettbewerb 300 Mark gewonnen haben.

Aber die Praxis sieht halt anders aus. Wenn man mit mehreren Leuten zusammenkommt, taucht doch die Frage auf, was man machen soll. Da die Leute oft unterschiedliche Interessen haben, ist der Alkohol das einzige, das miteinander verbindet. Es macht einfach Spaß, mit anderen Leuten zusammenzusein und zu erleben, daß ich mit ihnen saufe. Man hat einfach Freude. Man fühlt so was wie Befriedigung, Erfüllung.

Zur Ausgabe
Artikel 40 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.