Ambulanz für Sexualstraftäter Konfrontation mit dem eigenen Trieb

Max H. hat sich an Mädchen vergangen, Uwe B. hat sich mit Kinderpornografie stimuliert. Die psychotherapeutische Fachambulanz Würzburg hilft den beiden Sexualstraftätern bei der Resozialisierung, unterstützt von der katholischen Kirche. Ein Besuch.

Von , Würzburg


Jede Sexualstraftat hat eine Vorgeschichte. Oft schlummert der Auslöser ganz weit in der Vergangenheit. Klaus Weths Aufgabe ist es, ihn zu finden. Er ist Leiter der psychotherapeutischen Fachambulanz Würzburg. Seit einem Jahr betreut er 85 Täter aus Franken.

Einer von ihnen ist Max H. Er sitzt auf einem schwarzen Ledersessel in einem lichtdurchfluteten Zimmer mit Blick in einen Innenhof. "Seit ich 19 Jahre alt bin, weiß ich: Ich fühle mich auch zu Kindern hingezogen", sagt er. Heute ist Max H. 51 Jahre alt.

In den zurückliegenden 32 Jahren hat er Karriere gemacht als Arzt, sich einen Ruf erarbeitet, eine Familie gegründet. Und er hat Mädchen ausgezogen, angefasst und den Missbrauch gefilmt. Er hat ihr Vertrauen und das ihrer Eltern zerstört, er kannte die Kinder, seit sie auf der Welt waren. Er wusste, sie würden den Mund halten. "Kinder schützen uns Täter, sie verraten uns nicht", sagt er.

Ein Mädchen tut es 2008 doch. Max H. wird zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, seine Familie muss wegen der Anfeindungen in ein neues Zuhause flüchten. "Ich habe mein Leben an die Wand gefahren", sagt Max H. Während der Untersuchungshaft muss er verlegt werden, weil er von Mithäftlingen bedroht wird. Acht Monate sitzt er in der JVA Straubing, 23 Stunden eingesperrt in einer Einzelzelle mit Videoüberwachung, rund um die Uhr Deckenbeleuchtung. Die Anstaltsleitung befürchtet Suizid.

Wo sitzt die Wut?

"Ich war ein Macher, ich war überdreht, ich war nicht heil", sagt Max H. und blickt durch seine John-Lennon-Brille. Der Absturz aus seinem wohl situierten Leben einerseits und die Aufdeckung seines geheimen Doppellebens andererseits zwingen ihn zur Besinnung. Noch hält seine Frau mit dem Kind zu ihm, noch ist nicht alles verloren.

In der Haft absolviert er eine 28 Monate dauernde Therapie. "Es war nicht meine schlechteste Zeit", sagt er, viel habe er über sich gelernt. Seit Juli vergangenen Jahres ist er auf freiem Fuß, noch drei Jahre hat er Bewährung.

Seit er wieder in Freiheit lebt, kommt er einmal pro Woche in die Fachambulanz Würzburg. Immer setzt er sich auf diesen Sessel, nie auf das Sofa. Bei Klaus Weth darf jeder Platz nehmen, wo er will. Hauptsache er hat freie Sicht auf die Folientafel an der Wand, auf die Weth schwungvoll und mit wenigen Strichen einen Menschen zeichnet und fragt: "Wie, wo und welche Emotionen erleben Sie im Körper?"

Heute geht es um Wut. "Wo spüren Sie sie?", fragt Weth.

"Im Bauch."

"Wo? Im Unterbauch oder im Oberbauch?"

"Im Unterbauch."

"Wie genau fühlt sie sich an?"

Max H. beschreibt die Wut ausführlich, die Antworten gehen ihm leicht über die Lippen. Der einst kopfgesteuerte Mediziner, eloquent und belesen, hat gelernt, auch seine Gefühle in Worte zu fassen. Er wählt sie behutsam aus.

Überrascht sei er gewesen, sagt er, wie viele Menschen in seinem Umfeld seine Tat zwar für verabscheuungswürdig hielten, aber einsähen, dass er lernen müsse, seine Neigung in den Griff zu bekommen. Ihnen selbstbewusst zu begegnen, dabei hilft ihm Klaus Weth. Er müht sich um ein "lückenloses Nachsorgemanagement" für Straftäter wie Max H.

Weth ist ein wuchtiger Mann, mit Dreitagebart und fränkisch rollendem "R". Einer, der bei der Therapie keinen Umweg geht, sondern den Sexualstraftäter direkt an seinem Delikt packt - auch oder gerade weil die Konfrontation unangenehm ist. Die meisten reagieren misstrauisch, fast schüchtern. Dabei ist Missbrauch immer ein Ausdruck von Machtausübung - und ein Kind ist ein wehrloses Opfer.

"Täterarbeit ist Opferschutz"

Die Zahl der psychotherapeutischen Ambulanzen nimmt zu, inzwischen gibt es sie zumindest in Bayern in fast jeder größeren Stadt. Psychologen befassen sich dort mit dem Gefährlichkeitsgrad von Sexualstraftätern vor oder nach der Haftentlassung oder mit Verurteilten, die nicht in Haft sind, aber eine Therapie als Bewährungsauflage absolvieren müssen. Behandelt werden auch Freiwillige, die ihre sexuelle Neigung nicht in den Griff bekommen.

Träger der Fachambulanz Würzburg ist die örtliche Caritas, die anderen angefragten Wohlfahrtsverbände hatten abgelehnt. "Allen ist dieses Thema zu heiß", sagt Clemens Bieber, Domkapitular und Vorsitzender des Bundesverbandes. Er weiß, dass die Arbeit mit Sexualstraftätern keine leichte ist. Bischof und Diözesanleitung hatten sofort eingewilligt. Vorwürfe, die Kirche kümmere sich nur um die Täter und nehme zu wenig die Perspektive der Opfer ein, weist er zurück. "Wirkungsvolle Täterarbeit ist der beste Opferschutz", betont Bieber.

Weth begegnet seinen Patienten mit einer Mischung aus empathischer Zuwendung für den Menschen und Konsequenz gegenüber der Straftat. Und wieder die Frage: "Wie, wo und welche Emotionen erleben Sie während des Missbrauchs im Körper?" Weth braucht von den Männern ehrliche, offene Antworten über ihre Empfindungen.

Nur das hilft, Manipulationsversuche der Klienten im Zaum zu halten. Gefühle kann man zwar erfinden oder verschweigen, aber wer lügt, braucht ein gutes Gedächtnis - und ein besseres als Klaus Weth. Der kann sich alles merken, was seine Klienten in Sitzungen gesagt haben. "Der Körper ist eine Riesenfestplatte, er speichert alle Emotionen ab, die man immer wieder abrufen kann."

Ein Restrisiko bleibt

Als Uwe B. in der Würzburger Ambulanz für Sexualstraftäter erscheint, erzählt er von seinen Ängsten und von einer Leere, die er mit dem Konsum von Kinderpornografie ausgeglichen habe. Die Bilder auf seinem Computer wurden entdeckt, er wurde fristlos entlassen.

Der 45-Jährige dachte an Suizid, landete in der geschlossenen Psychiatrie. Ohne den Beistand seiner Frau wäre er gesprungen. An einem Donnerstag wurde er entlassen, montags drauf klingelte er bei Klaus Weth. Es ist eine Bewährungsauflage, die ihm Hoffnung gibt.

Zweimal pro Woche sitzt er hier auf der Couch, inzwischen genießt er die offene Aussprache. Anfangs musste er sich nach jeder Sitzung draußen hinsetzen, durchatmen, nachdenken. "Wenn man seine Emotionen ordentlich bespricht, ist das sauanstrengend", sagt auch Weth. Heute, an einem Frühlingstag im März, gehört das längst zu Uwe. B.s Leben. Direkt nach der Sitzung wird er zum Kindergarten marschieren, seine Tochter abholen, mit ihr in den Garten gehen.

"Ich muss über meine Gefühle reden, nur so kann ich bestehen", sagt Uwe B., ein hochgewachsener Mann, der beim Lachen viele Zähne zeigt. Er hat in den vergangenen Monaten erstmals ein Selbstwertgefühl aufgebaut und so sein Doppelleben abgelegt. Mit der psychotherapeutischen Hilfe in der Ambulanz erlebt er seine Emotionen im Körper und macht den Kopf frei für neue Gedanken.

"Interessant wird es nur, wenn etwas schief geht"

Uwe B. spricht von seinem neuen Leben, seiner zweiten Chance, die er nutzen will. Wie lange er therapiert werden muss, hängt vom Gefährlichkeitsgrad und dem Rückfallrisiko ab. Die Verantwortung trägt Klaus Weth. Manchmal hocken vier, fünf Leute in seinem Büro und beratschlagen. Ihr Ziel: kein weiteres Opfer, kein Rückfall eines Täters.

Am Ende jeder Sitzung fragt Weth seine Probanden, wie hoch sie ihre Rückfallgefahr einschätzen. In der Regel reduziert sie sich von Mal zu Mal, manchmal aber weicht sie auch deutlich von Weths Einschätzung ab. Uwe B. könne man eigentlich bald gehen lassen, sagt Weth, wäre da nicht dessen quälende Zukunftsangst. Einer, der Kinderpornos auf dem Rechner hatte, findet nur schwer einen neuen Job.

Bei der Resozialisierung von Sexualstraftätern setzen immer mehr Experten auf forensische Ambulanzen. Die Sexualstraftäter seien besser zu stabilisieren, wenn sie parallel einen realen Alltag leben können und nicht stationär weggesperrt seien, sagt Weth.

"Wir wissen, wenn einer rückfällig wird, wird mit Tausenden Fingern auf uns gedeutet", sagt Domkapitular Bieber. "Interessant wird es ja nur, wenn etwas schief geht", sagt Weth. Bislang gab es zwei "Rückfälle", wenn man Diebstahlsdelikte so bezeichnen will. Einer klaute einen Flachmann für 89 Cent, ein anderer einen Fahrradschlauch für 7 Euro und 99 Cent. Er wollte zu einem Bewerbungsgespräch radeln.



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