Amerikanisches Kriegsschiff Torpedo-Tod statt Kessel-Knall

56 Jahre lang erklärte die US-Marine den Tod von 49 Seemännern vor der amerikanischen Küste mit einer Kesselexplosion. Doch nun gibt die Navy zu: Schuld war ein deutsches U-Boot. Mit ihrer Vertuschungsaktion wollten die Militärs Panik in der Bevölkerung vermeiden.

Von Manuel J. Hartung


Das rote Pferd mit dem gelben Schweif, der gelben Mähne und den schwarzen Hufen war Zeuge eines schaurigen Geschehens. Das Pferd, Kriegsbemalung des deutschen Unterseebootes 853, hatte gerade mitangesehen, wie 49 Menschen in den Tod geschickt wurden.

Zerschoss zwei Wochen vor Kriegsende ein amerikanisches Kriegsschiff: das deutsche U-Boot 853
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Zerschoss zwei Wochen vor Kriegsende ein amerikanisches Kriegsschiff: das deutsche U-Boot 853

Die Besatzung der "U 853" unter dem 24 Jahre alten Kommandanten Helmut Frömsdorf, seines Zeichens Oberleutnant zur See, hatte einen Elektrotorpedo aus ihrem U-Boot geschossen. Der schlug am 23. April 1945 in die "USS Eagle PE-56" ein, einen mit 62 Mann besetzten U-Boot-Jäger der amerikanischen Marine.

Die "Eagle" war zwei Wochen vor Kriegsende direkt vor der amerikanischen Ostküste unterwegs, fahndete nach deutschen Unterwassergefährten. Die Nähe zum Festland machte den Abschuss besonders brisant für die amerikanischen Behörden. So brisant, dass die Marine 56 Jahre lang verschwieg, dass ein deutscher Angreifer das Schiff zerstörte. In die Öffentlichkeit drang nur ein lapidarer Grund: Kesselexplosion. Kurz vor Kriegsende 1945 wollte die Navy die amerikanische Bevölkerung offenbar nicht demoralisieren. "Das hatte propagandistische Hintergründe", analysiert Thomas Weis vom Marinearchiv der Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart. "Der Eindruck 'An die USA kommt man nicht ran!' sollte vermittelt werden." Und genau den hätte die "U 853" empfindlich gestört.

Zweifel an der Behörden-Version

Das rote Pferd der "U 853" zeichnete Forscher Georg Högel nach
Georg Högel

Das rote Pferd der "U 853" zeichnete Forscher Georg Högel nach

Dabei hatten die überlebenden US-Matrosen die offizielle Version schon immer angezweifelt, schreiben amerikanische Zeitungen. Schließlich sei der vermeintlich explodierte Kessel erst zwei Wochen vor dem Abschuss gewartet worden, hatten die Seemänner versichert. Außerdem seien 59 andere Navy-Schiffe mit dem gleichen Typ gefahren - ohne Zwischenfälle. Fünf Überlebende bezeugten zudem, dass sie ein rot-gelbes Zeichen auf einem U-Boot-Turm gesehen hatten: offenbar das seltsame Pferd.

Der Militärhistoriker Jürgen Rohwer, 30 Jahre lang Chef der Stuttgarter Bibliothek, hatte dagegen schon 1968 die "U 853" für den Zwischenfall verantwortlich gemacht. Rohwers "U-Boot-Schusskartei" enthält allerdings hinter dem Namen des feuernden Submarines den Zusatz "wahrscheinlich". Denn von der Crew von Oberleutnant Frömsdorf ist keine schriftliche Schussmeldung vorhanden. Und während Rohwer in seiner Statistik die meisten U-Boot-Operationen mit Grad- und Minutenangaben lokalisiert, steht hinter dem Abschuss der "Eagle" durch die "U 853" nur eine unpräzise Ortsangabe: Portland/Maine.

Nun hat die Navy die Militärgeschichte revidiert und hat sich zu ihrer Vertuschungsaktion bekannt: Schuld am Untergang der "Eagle" ist kein frisch gewarteter Boiler, sondern tatsächlich der deutsche Torpedo, heißt es nun. Die wenigen Überlebenden des Desasters werden jetzt, 56 Jahre später, entschädigt, berichten mehrere amerikanische Zeitungen. Genugtuung bei den Opfern, aber auch Ärger: Warum kommt der Meinungsumschwung der Marine erst jetzt?

Dass die Navy von ihrer Version abweichen musste, haben die Überlebenden ausgerechnet dem seltsamen roten Pferd zu verdanken. Ein Archivar und ein College-Dozent haben Aufnahmen ausgegraben, die das Logo der "U 853" zeigen - offensichtlich im Golf von Maine, offensichtlich zum Zeitpunkt des vorgeblichen Kessel-Knalls.

Der Krieg war verloren, die U-Boote kämpften weiter

Die "U 853", hochgerüstet mit vier Torpedorohren am Bug und zweien am Heck, war allerdings nicht das einzige U-Boot, das bis zum Kriegsende dicht an der amerikanischen Ostküste tauchte und schoss.

Großadmiral Dönitz: Rückfahrt erst am 4. Mai befohlen
AP

Großadmiral Dönitz: Rückfahrt erst am 4. Mai befohlen

Selbst in den Tagen vor und nach der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen befanden sich noch U-Boote auf dem Weg zur US-Küste. Vier waren vor der Küste der USA unterwegs, drei vor den Ufern Kanadas, sagen die Karteikarten von Forscher Rohwer. "Manche haben gar nicht mitbekommen, dass Deutschland längst kapituliert hatte", berichtet Marine-Spezialist Weis.

Die U-Boot-Kommandanten führten im April 1945 einen aussichtslosen Kampf. Der Krieg war für Nazideutschland längst verloren. Hinter dem Kampfeinsatz fern der Heimat steckte dennoch kein Amokläufertum, sondern Kalkül, sagt Major Peter Popp vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam. "Die Strategie war, den Krieg möglichst von Deutschland weg zu verlagern." Verstöße gegen diesen Befehl sind Popp nicht bekannt: "Großadmiral Dönitz hatte eine große Autorität in der deutschen Marine".

Erst am 5. Mai, um 17.35 Uhr, sandte Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel einen Funkspruch ab - "zur schnellsten Übermittlung" an General Eisenhower. Darin heißt es, dass Großadmiral Karl Dönitz schon am Vortag den U-Booten befohlen habe, nach Hause zu fahren.

Eine Million Dollar geladen?

Im Golf von Mexiko liegt das Wrack der "U 166" - die Amerikaner versenkten dieses U-Boot schon 1942
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Im Golf von Mexiko liegt das Wrack der "U 166" - die Amerikaner versenkten dieses U-Boot schon 1942

Dieser Funkspruch scheint die "U 853" verfehlt zu haben. "Die Verbindungen waren in den letzten Kriegstagen äußerst unzuverlässig", berichtet Werner Rahn, Kapitän zur See a.D. und früherer Amtschef des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. Denn die "U 853" kämpfte weiter. Noch am 5. Mai beschoss sie einen amerikanischen Kohlefrachter, riss zwölf Menschen in den Tod. Eine Gegenreaktion, die Experte Weis "durchaus für legitim" hält, folgte prompt: In der folgenden Nacht versenkten amerikanische Kriegsschiffe das U-Boot vor Rhode Island - der letzte U-Boot-Abschuss der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg. Die gesamte Besatzung von 55 Männern unter Kommandant Frömsdorf starb.

Doch nicht nur die Leichen der Männer verschwanden in der Tiefe. Angeblich sollte die "U 853" gestohlene American-Express-Schecks im Wert von einer Million Dollar geladen haben, die in Granaten eingeschweißt waren. "Pure Spekulation", meint Rahn, "das sind irgendwelche Legenden." Und auch Thomas Weis vom Marine-Archiv in Stuttgart wiegelt ab: "Solche Geschichten haben schon immer die Phantasie der Menschen erregt."

Sicher ist nur, dass der Abschuss auch das Ende für das unbeholfen gemalte Signum der "U 853" bedeutete. Das rote Pferd mit der gelben Mähne, dem gelben Schweif und den schwarzen Hufen versank in den Tiefen des Atlantiks.



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