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Berliner Knuddel-Konvent: "Wie zu Hause ankommen"

Foto: M.A.Center

Knuddel-Guru "Amma" in Berlin Drücken an Drücken

Die Inderin Amma hat weltweit schon 33 Millionen Menschen umarmt. Auch in Deutschland strömen Zehntausende zu ihr - zuletzt im Berliner Velodrom. Wie ist dieser Andrang zu erklären? Ein Besuch beim Knuddelkonvent.
Von Jenny Becker

Berlin - Es dauert nur ein paar Sekunden. Einmal den Kopf versenken an der Brust dieser kleinen Frau, dann ziehen Helfer den Knieenden wieder auf die Füße und schieben ihn fort. Der Nächste, bitte. Amma, die Umarmerin, sitzt in weiße Tücher gehüllt auf einem niedrigen Holzthron im Berliner Velodrom, einer der größten Veranstaltungshallen der Stadt. Sie schließt jeden lachend in ihre Arme, als handelte es sich um einen lange vermissten Freund. Das macht sie zwölf Stunden am Tag, manchmal die ganze Nacht hindurch.

Amma, die "Mutter", wird in Indien als Mahatma verehrt, als "große Seele". Sie ist eine spirituelle Lehrerin, ein Guru, auf jeden Fall ein Phänomen. Weltweit soll die 60-Jährige schon 33 Millionen Menschen umarmt haben, zu ihren Fans gehören Hollywoodstars wie Richard Gere und Sharon Stone.

Einmal im Jahr geht die rundliche Inderin auf Tour, bis Mitte November bereist sie Europa. Am Wochenende pilgerten 15.000 Besucher nach Berlin. Was suchen so viele Menschen in den Armen dieser Frau? Und wie ist es, Amma zu begegnen?

Ein Siebenjähriger sagt: "Schööön!"

Seine Mutter: "Wie zu Hause ankommen."

Ein Siebzigjähriger: "Solche Nähe lässt man normalerweise gar nicht zu."

Eine Ergotherapeutin: "Wir haben Sehnsucht nach dieser weiblichen Seite, sie wird bei uns zu wenig gelebt."

Amma kommt aus einer Fischerfamilie in Südindien. Mit neun Jahren brach sie die Schule ab, weil ihre Mutter krank wurde und sie Essen bei den Nachbarn erbetteln musste. In deren Hütten sah sie Krankheit und Elend. Spontan begann das Mädchen, die Nachbarn zu umarmen, ungeachtet ihrer Religion oder Kaste. Ein Tabubruch. Doch im wundergläubigen Indien sprach sich herum, dass ein Fischermädchen die Gabe besaß, Menschen in einen Zustand des Friedens zu versetzen, indem es sie umarmte. Bald wurde sie Mata Amritanandamayi  genannt, "Mutter der unsterblichen Glückseligkeit", kurz: Amma.

Frauen jauchzen, alte Männer brechen in Tränen aus

An Ammas Thron riecht es nach Rosen. Die Bühne im Velodrom ist mit Teppich ausgelegt, unablässig schieben sich Menschen darauf zu wie auf ein rettendes Schiff. Eine Leinwand überträgt das Geschehen in die Halle. Über tausend Stühle sind direkt vor der Bühne aufgebaut, fast jeder Platz ist besetzt. Wenn man direkt neben Amma sitzt und die Gesichter beobachtet, die vor ihr auftauchen, will man sich fast beschämt abwenden. Nicht weil alte Männer in Tränen ausbrechen und junge Frauen überwältigt aufjauchzen. Sondern weil die Menschen sich anscheinend nur hier ganz angenommen fühlen, in diesen Sekunden auf dem kratzigen Teppich. Weil sie fünf Stunden und länger auf diese Umarmung gewartet haben. Man schämt sich ein bisschen für eine Gesellschaft, in der man sich schwertut, einander zu berühren, und in der Menschen allein sind mit ihrer Sehnsucht nach Liebe. Brauchen wir mehr Gesten der Zuwendung?

"Liebe wird oft als körperliche Anziehung verstanden", sagt Amma mit einer Stimme, rau wie die Erde. "Sie wird nicht als Einheit erlebt, die alles im Universum verbindet." In ihr schwarzes Haar hat sich das Alter geschlichen, aber das leuchtende Gesicht ist das einer jungen Frau. "Ich sehe nicht die Fehler in den Menschen, sondern die Schönheit in allen Dingen. Ich akzeptiere jeden, wie er ist."

Für viele klingt das alles ziemlich esoterisch. Ammas erster Deutschlandbesuch fand 1987 in einer Münchner Jugendherberge statt, damals kamen hundert Leute. Die Lehrerin Maria Kriester war die Initiatorin, heute ist sie 70 Jahre alt, eine zierliche Dame, die sich erinnert: "Es war immer schwer, Räume für die Treffen zu organisieren. Die Vermieter waren skeptisch. Das änderte sich erst, als Amma internationale Auszeichnungen bekam." 2002 der Gandhi-King-Preis für Gewaltlosigkeit, 2006 der Interfaith-Award, den vor ihr schon der Dalai Lama erhielt.

Stipendien für arme Kinder, Renten für Invaliden

Der feine Unterschied zwischen weltentrückten Esoterikern und Amma steht auf den Verkaufstischen zwischen Kristallen und bunten Tüchern. Ein Schild mit der Aufschrift: "Ihr Kauf macht es möglich. Umweltinitiativen, Renovierung von Slums, Stärkung von Frauen". Amma hat das weltweit tätige Hilfswerk "Embracing the world" aufgebaut, und es braucht schon ein Buch, um dessen wohltätige Projekte aufzuzählen. Die Organisation hat eine Universität, Schulen und Krankenhäuser errichtet, sie finanziert Stipendien für arme Kinder und Renten für Invaliden.

Amma ist kein Guru, der mit Räucherstäbchen im Ashram sitzt und Erleuchtung predigt. Sie packt dort an, wo Hilfe nötig ist. Nach dem Skandal um die Vergewaltigung von Frauen in Indien berief sie eine Konferenz ein und ließ ein Alarmgerät entwickeln, das man wie eine Uhr trägt. Nach Naturkatastrophen wie in Japan oder Haiti ist sie nicht nur vor Ort, um zu umarmen, sondern hat ein Heer von Freiwilligen zur Verfügung - und einige Millionen Dollar Hilfsgeld. Ammas Erfolg ist eine Mischung aus Tatkraft und Umarmungen, aus Sozialpolitik und Esoterik.

Verdächtig finden an ihren Schmuse-Events auch Fachleute nichts. "Die Begegnung mit dem lebenden Meister ist eine gängige Form des Hinduismus, daran ist nichts Bedenkliches", sagt etwa Rudi Forstmeier von der Evangelischen Beratungsstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen in München. Er zweifle zwar an der langfristigen Wirkung, aber: "Für viele Sinnsucher kann das Ereignis eine spirituelle Erfahrung sein."

Und wie fühlt sie sich nun an, die berühmte Umarmung, diese kleine Geste mit großer Wirkung? Amma breitet die Arme aus, der Kopf versinkt im Dunkel ihrer Halskuhle. Die kleine Frau wirkt plötzlich sehr groß, sie ist überall, es fühlt sich ungewohnt an, aber gut. "Meine Liebe, meine Liebe, meine Liebe", raunt es dicht am Ohr, wie in Kindertagen. Dann ist es vorbei, nach drei Sekunden oder dreißig. Amma schenkt ein Bonbon, in ein Rosenblatt gewickelt, eine Helfershand zieht am Arm, und alles ist wieder da - der kratzige Teppich und die Leinwand, die den privaten Moment in die Halle überträgt. Am Ende bleibt der Entschluss, die eigenen Freunde beim nächsten Treffen einfach mal länger zu umarmen.

Nächster Termin: 1. bis 2. November in Mannheim (Maimarkthalle)