Amnestie-Singen Russland sucht den Super-Knacki

Auch die russische Regierung sucht jetzt den Superstar: Über 700.000 Strafgefangene sind einem Zeitungsbericht zufolge aufgerufen, sich an einem Sanges-Wettbewerb zu beteiligen. Wer am schönsten trällert, wird in die Freiheit entlassen.


Strafgefangene in Russland: Die Chance auf Freiheit
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Strafgefangene in Russland: Die Chance auf Freiheit

Moskau - Der russische Justizminister hatte gleich drei Probleme auf einmal: Hoffnungslos überfüllte Gefängnisse, mies gelaunte Gefangene und ständige Gewalt in den Strafanstalten. Er muss wohl einen Blick ins deutsche Fernsehen geworfen haben, als ihm die rettende Idee kam, die alle drei Probleme auf einen Schlag lösen würde: Die Gefangenen sollen um die Wette singen, und der Preis wäre die Freiheit. Eine gewaltfreie Beschäftigung, die Laune macht und wenigstens ein bisschen Platz schafft in den Gefängnissen.

Also sind nun, wie das "Hamburger Abendblatt" berichtet, 721.000 Knackis zum Talentwettbewerb mit dem wohlklingenden Titel "Die rote Schneeballbeere" aufgerufen. Als ersten Preis habe das Moskauer Justizministerium "die vorzeitige Haftentlassung, gleich nach dem Abschlusskonzert" ausgelobt. Das große Finale soll im Oktober in Moskau ausgetragen werden.

Die Zustände im russischen Strafvollzug sind dem Bericht zufolge in der Tat haarsträubend: In den 748 Strafkolonien, 195 Gefängnissen und 64 Erziehungslagern des Landes müsse jeder Insasse auf durchschnittlich 0,7 Quadratmetern hausen. Allerdings werde dort seit eh und je gesungen, was die Stimmbänder hergeben. Manche Gefangene hätten gar Boygroups gegründet, um Nabuccos "Gefangenenchor" zu intonieren. Wer lieber allein bleiben wolle, versuche sich an Elvis' "Jailhouse Rock" oder George Michaels "Freedom". Statt mit Begnadigungsersuchen bombardierten die Gefangenen die Justizbehörden mittlerweile mit Tonbändern und Videos.

Die Teilnehmer der "roten Schneeballbeere" sollen ihre Spitznamen aus dem kriminellen Milieu mit auf die Bühne nehmen dürfen. Das macht durchaus Sinn: "Kescha, die Kalaschnikow" oder "Wanja, der Würger" klingen allemal griffiger als Daniel Küblböck oder Alexander Klaws. Allerdings befürchtet der Kreml dem Bericht zufolge Fälschungsversuche durch Hacker der russischen Mafia: Diese könnten in die Abstimmungs-Computer einbrechen und den Kandidaten ihrer Wahl aufs Podest hieven, der vielleicht ein guter Killer, aber ein schlechter Sänger ist. Und dass Stimmgewalt nicht alles ist, dürfte sich seit "RTL sucht den Superstar" auch nach Russland herumgesprochen haben.



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